»Evolution« Industrie 4.0 - nicht auf Knopfdruck

Ist die Industrie 4.0 eine Revolution, ein Zukunftsthema oder nur ein Hype? Das war eines der meist diskutierten Themen auf der Hannover Messe.

Dass die Industrie 4.0 substanzielle Ansätze bietet, um die Produktion durch alle Wertschöpfungsstufen hindurch global zu vernetzen und damit den Standort Deutschland wettbewerbsfähiger zu machen, ist nicht erst seit der Hannover Messe evident, schließlich existieren in Fabriken und als Insellösungen viele Technologien schon, vom RFID-TAG über Sensoren und Aktuatoren bis hin zum Cloud-basierten MES-System. Was bislang fehlt, ist ein Masterplan, der Standards definiert und die Akteure aus IT, Elektronik und Automation zusammenbringt.

»Der Maschinenbau und die IT müssen aufeinander zugehen«, fordert denn auch VDMA-Präsident Dr. Thomas Lindner. Wenn es der Industrie gelingt, diese Konvergenz zu »beleben«, dann hat die Industrie 4.0 durchaus das Zeug zu einer echten Revolution. An Unterstützern für die Industrie 4.0 durch Politik und Industrieverbände mangelt es jdenfalls nicht. In Gegenwart der Bundesforschungsministerin Johanna Wanka hoben die Verbände Bitkom, VDMA und ZVEI auf der HMI ihre Plattform Industrie 4.0 offiziell aus der Taufe. »Ziel der Plattform ist es, die Industrie 4.0 aktiv mitzugestalten und den Dialog zwischen Wirtschaft und Wissenschaft voranzubringen«, bekräftigt Dr. Lindner. Letztlich gehe es darum, ähnlich wie bei jeder Revolution, den Beteiligten die Angst vor einem grundlegenden Wandel zu nehmen. Laut Lindner ginge es auch nicht um eine Revolution, die von heute auf morgen alles verändert, sondern »um viele kleine Schritte, die nicht auf einmal als Revolution erkennbar sein werden. Wir haben es also eher mit einer Evolution zu tun.« Auch der VDE engagiert sich umfassend zum Thema Industrie 4.0 und stellte auf der HMI das Ergebnis seines Trendreports vor. Dessen Fazit: Industrie 4.0 wird kommen, allerdings nicht vor 2025. Die größten Bremsklötze sind IT-Sicherheitsprobleme, fehlende Normen und Standards sowie der hohe Qualifizierungsbedarf.

Das Thema »Personal« in der Industrie 4.0 sorgt nicht allerorten für Jubelstürme. »Es gibt eine optimistische und eine pessimistische Variante«, gibt Detlef Wetzel von der IG Metall zu bedenken. Die optimistische Version wäre, dass die in der Fertigung Beschäftigten zu Entscheidern werden und damit sogar neue Entwicklungsmöglichkeiten erhielten. »In der pessimistischen Variante wären die Beschäftigten nur noch Räder in einer Cyberfabrik«, befürchtet Wetzel. 

Nun ist das Thema Industrie 4.0 weltweit nicht ganz neu: Einen ähnlichen Ansatz gibt es in den USA unter dem Namen »Advanced Manufacturing«. Dort lässt man sich diese Idee einiges kosten: 2,2 Mrd. Dollar an Fördergeldern hat die US-Regierung bereitgestellt. Im Gegensatz dazu wirken die 200 Mio. Euro Fördergelder, die die Bundesregierung für die Industrie 4.0 locker macht, fast wie Peanuts. Dennoch sind die Experten auf der Hannover Messe guter Dinge: »Wir sind es gewöhnt, mit Peanuts große Erfolge zu erzielen«, erklärt Henning Kagermann, Co-Vorsitzender des Arbeitskreises Industrie 4.0 und President der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften.