Kommentar Gibt es eine »faire« Supply Chain in der Elektronikindustrie?

Michael D’heur, Geschäftsführer von shared.value.chain

Das Fairphone, ein fair produziertes Smartphone, hat in den letzten Monaten viel Aufmerksamkeit geerntet. Aber wie fair kann eine Supply Chain in der Massenfertigung überhaupt sein? Ein Bild zwischen Wunsch und Wirklichkeit.

»Fair« meint Produktion unter Verzicht auf Konfliktmaterialien und zu im lokalen Vergleich verbesserten Arbeitsbedingungen im Kongo (Rohstoffe) und China (Fertigung). 2010 von der gemeinnützigen Organisation Waag Society in Amsterdam zunächst als Kampagne mit dem Ziel ins Leben gerufen, die Möglichkeit einer nachhaltigen Smartphone-Produktion zu evaluieren, mündete das Vorhaben in der Gründung eines Unternehmens. Mit Erfolg. Statt der für die erste Tranche benötigten 5.000 Abnehmer fanden sich 25.000 Erstkäufer des Gerätes. Dies motivierte die Macher zu einer zweiten Tranche von 35.000 Telefonen, von denen derzeit schon wieder fast 20.000 verkauft sind. Die Auslieferung ist für Juli angekündigt.

Aller Begeisterung zum Trotz kann Fairphone die Elektronik-Supply Chain nicht im Alleingang verbessern. Zum Vergleich: iPhones wurden bis heute mehr als 350 Millionen verkauft. Ein Hersteller mit so kleiner Bestellmenge wie Fairphone ist in der Regel für die etablierten Produktionsnetzwerke irrelevant. Das Social Business Fairphone wurde bei der Auswahl von Produktkomponenten, Fertigungspartnern und Distributoren mit dieser Realität konfrontiert. Display-Hersteller gaben zu verstehen, dass Mindestabnahmemengen bei 100.000 Stück liegen. Wer darunter liegt, zählt nicht einmal zu den kleinen Kunden.

Auch bei  Entwicklungskooperationen zeigten die Hersteller wenig Interesse. Das ist nicht erstaunlich in einer Industrie, die auf Skaleneffekte und Neuverkäufe ausgerichtet ist. Um mit einer nennenswerten Anzahl von Herstellern ansatzweise auf Augenhöhe sprechen zu können, müssten 200.000 Geräte pro Jahr produziert werden. Auch die Endkunden erweisen sich als limitierender Faktor. Lieferverzögerungen von mehreren Wochen, wie sie beim ersten Modell eingetreten sind, begeisterten weder überzeugte Fairphonekäufer noch »normale« Kunden.

Es wird deutlich: Systemimmanente Zwänge erschweren es dem einzelnen Hersteller, sich der Logik der Massenfertigung in komplexen Produktionsnetzwerken zu entziehen. Gleichzeitig schälen sich aber auch Faktoren heraus, die eine neue Perspektive auf die Supply Chain erlauben.

Das Fairphone zeigt, dass alternative Produktkonzepte möglich sind und die Konsumenten willens, diese zu honorieren.

Der Erfolg des Fairphone misst sich nicht in Verkaufszahlen. Entscheidend ist, die Frage in die öffentliche Diskussion gerückt zu haben, ob massengefertigte Elektronikprodukte generell fair sein können. Ziel des Unternehmens ist nicht die Massenproduktion von Smartphones. Es will Anregungen zum Systemwechsel in der globalen Elektronikindustrie geben.

Dabei bestätigt sich, was Studien schon seit geraumer Zeit andeuten: Konsumenten erwarten öfter, dass Unternehmen Gutes tun. Die Möglichkeiten der Hersteller, sich über nur Technik und Preis bei Kunden zu differenzieren, sinkt, und Kaufentscheidungen werden häufiger zugunsten der Marke getroffen, die überzeugend belegt, auch im Produktionsprozess nachhaltig zu sein. Das heißt Nachhaltigkeit in der Produktentstehung bzw. Nutzung, Recycling und soziale Gerechtigkeit werden zu wichtigen Kriterien. Auf den Erfolg aufmerksam geworden, geben sich bei Fairphone mittlerweile OEMs und Netzbetreiber die Klinke in die Hand, um mehr über Nachhaltigkeit im Produkt und in der Wertschöpfungskette zu erfahren.

Doch was ist nun »fair« am Fairphone? Die Macher von Fairphone empfehlen eine realistische Sicht der Dinge. Sie wissen heute, dass ein komplett »fair« hergestelltes und zugleich massenmarkttaugliches Smartphone nicht zu realisieren ist. Das gilt auch für andere Elektronikprodukte.

Dazu ist die Elektronik-Supply-Chain zu komplex. Vieles deutet aber derzeit auf den Anfang einer Transformation hin, bei der Nachhaltigkeit, Produktentwicklung und Supply Chain Management zu einem integrierten Ansatz verschmelzen. Es lohnt sich also, Nachhaltigkeit in Produkten und Wertschöpfungskette gleichermaßen zu verankern, das heißt das Kerngeschäft in allen Aspekten so zu gestalten, dass ökonomischer, ökologischer und sozialer Mehrwert entsteht. Auch wenn es Unternehmen vor komplexe Herausforderungen stellt.