Stimmen aus der Elektronikindustrie Freihandelsabkommen TTIP: Top oder Flopp?

Seit Mitte 2013 verhandelt die EU mit den USA das TTIP-Abkommen. Es soll Einfuhrzölle abschaffen und weitere Handelshemmnisse wie unterschiedliche Zulassungsvorschriften und Standards beseitigen. Bis Sommer soll TTIP unterzeichnet sein. Was bedeutet das für die deutsche Elektronikindustrie?

Während sich gegen das geplante Abkommen unter Deutschlands Verbraucherschützern erbitterter Widerstand regt, rechnen Elektronikindustrie, Maschinenbau und Automobilhersteller überwiegend mit positiven Impulsen für ihre Branchen, wie ZVEI-Chefvolkswirt Dr. Andreas Gontermann unterstreicht: »Freihandel ist eine wesentliche Triebfeder für das Wachstum der deutschen Elektroindustrie. Die bisherigen Freihandels- und Assoziierungsabkommen der EU haben die Branchenausfuhren in die jeweiligen Partnerländer regelmäßig spürbar befördert. Entsprechend sollten die Bemühungen um den Abschluss weiterer Handelsabkommen der EU – aktuell eben USA (TTIP) und Kanada (CETA) – konsequent weiter vorangetrieben werden. Auch sie dürften den deutschen Elektroexporten einen zusätzlichen Schub geben und damit neue Wachstumsmöglichkeiten eröffnen.« 

Ähnlich erwartungsfroh blicken auch andere Branchenverbände wie der VDMA und VDA auf das Abkommen. Dass insbesondere Deutschlands Elektroindustrie hohe Erwartungen in das Abkommen setzt, liegt auf der Hand: Rund ein Siebtel aller deutschen Exporte geht auf das Konto der Elektroindustrie. Die Branche mit rund 840.000 Beschäftigten ist der zweitgrößte industrielle Arbeitgeber in Deutschland und gehört mit einem Ausfuhrvolumen von 158 Mrd. Euro (Stand 2013) zu den weltweit vier größten Lieferanten (hinter China, Hongkong und den USA) elektrotechnischer und elektronischer Produkte und Systeme. Die Elektroimporte nach Deutschland beliefen sich im Gegenzug im Jahr 2013 auf 135 Mrd. Euro.  

Fallen die Hürden beim Export in die USA, so hoffen viele Branchenvertreter darauf, dass eine starke Interessensbasis gegenüber China entsteht und die wirtschaftliche Entwicklung Europas langfristig gesichert würde. So könnte die Wirtschaft der Europäischen Union nach Berechnungen der EU-Kommission insgesamt um über hundert Billionen (!) Euro pro Jahr wachsen. Und von diesem Kuchen wollen sich auch Deutschlands High-Tech-Industrien – selbstredend – ein ordentliches Stück abschneiden. »Das TTIP ist ein Wachstumsprogramm, das den Steuerzahler und die Unternehmen keinen Cent kostet«, erklären die Verhandlungsführer der EU.

DIE Chance für einheitliche Standards und Zulassungsverfahren

Das große Plus sehen die von Markt& Technik befragten Unternehmen weniger im Wegfall der Zölle. »Zölle sind für die meisten Industriegüter nicht mehr das größte Handelshindernis; viel mehr zu schaffen macht den meisten Unternehmen – und auch Infineon – die Vielzahl an unterschiedlichen Standards und Zertifizierungen«, stellt Alfred Hoffmann klar, Leiter der Abteilung Public Authorities and Associations bei Infineon Technologies. »Es ist unser Wunsch, dass TTIP die Regulierungsbehörden verpflichtet, stärker zusammenzuarbeiten. Und wir würden uns auch wünschen, dass die Standards innerhalb des Abkommens mittel- bis langfristig harmonisiert werden könnten – und wir nicht zweimal ähnlich aufwändige Prozesse durchlaufen müssten.« 

Wer als europäischer Hersteller seine Produkte in den USA verkaufen möchte, muss diese zusätzlich zu den europäischen Zertifizierungen einer gesonderten UL-Prüfung unterziehen. »Das ist sehr teuer und führt bei vielen mittelständischen Unternehmen dazu, dass sie sich erst gar nicht auf den amerikanischen Markt wagen«, erklärt Wolfgang Reichelt, Managing Director von Block Transformatoren. Er fordert deshalb, dass jedes Institut, ob UL in den USA oder VDE in Deutschland, in der Lage sein sollte, sämtliche Prüfungen für beide Normbereiche durchzuführen und die Prüfzeichen für beide zu erteilen. Carsten Bier, CEO von Recom, beziffert seine Kosten für UL-Zulassungen im Jahr 2014 auf satte 300.000 Euro!