Die globale Strategie von Ruwel »Fertigungskapazitäten in Asien sind heute der Schlüssel zum Erfolg«

Frank Hoiboom: Wir tragen die volle Verantwortung für das Werk in China, sind also in der Lage, die Auslastung entsprechend zu steuern und das Equipment so auszuwählen, dass es zu den Prozessen in Geldern kompatibel ist.
Frank Hoiboom: »Wir tragen die volle Verantwortung für das Werk in China, sind also in der Lage, die Auslastung entsprechend zu steuern und das Equipment so auszuwählen, dass es zu den Prozessen in Geldern kompatibel ist.«

Nach der Übernahme durch Unimicron konnte sich Ruwel in den vergangenen Monaten deutlich internationaler aufstellen. Der Vorteil für den europäischen Kunden: Er kann heute über Geldern seine Leiterplatten-Aufträge abwickeln und hat dennoch die Option, Volumenware direkt aus chinesischer Fertigung zu beziehen, welche vollständig dem (Qualitäts-) Management von Ruwel unterliegt.

»Nur wer Zugriff auf Fertigungskapazitäten in Asien hat, kann heute in Europa als Volumenanbieter von Leiterplatten bestehen.« Davon ist Frank Hoiboom, Leiter Marketing von Ruwel, überzeugt.

Durch den Einstieg von Unimicron vor zwei Jahren konnte sich der traditionsreiche Leiterplattenhersteller erstmals in seiner langen Unternehmensgeschichte als echter Global Player aufstellen. Dazu beigetragen hat, dass Unimicron die unternehmens- und somit auch weltweite Verantwortung einer wichtigen Geschäftseinheit, der »High Reliability Business Unit«, an Ruwel übergeben hat. Diese Abteilung innerhalb des Konzerns produziert und vertreibt für den weltweiten Markt Leiterplatten, die besonders hohe Anforderungen an die Zuverlässigkeit stellen. Typische Kunden für solche Platinen finden sich etwa in der Automobilindustrie, der Industrie- und Medizinelektronik sowie der Photovoltaik-Branche - alles für Deutschland und Europa relevante Märkte. 

Asiatische Fertigung als Lebensversicherung für den deutschen Standort

Das Besondere neben der Übertragung der Verantwortung für eine Business Unit ist zudem, dass Unimicron dem Management von Ruwel auch ein eignes Werk in China unterstellt hat. »Das ist für uns ein großer Vertrauensbeweis«, sagt Frank Hoiboom. »Wir tragen die volle Verantwortung für das Werk, sind also in der Lage, die Auslastung entsprechend zu steuern und das Equipment so auszuwählen, dass es zu den Prozessen in Geldern kompatibel ist.« Letztendlich sei dieser Zugriff auf die asiatische Fertigung »die Lebensversicherung« für den deutschen Standort in Nordrhein-Westfalen. Hoiboom sieht mehrere Effekte, die sich positiv auf den Standort in Deutschland auswirken. »Früher sind ganze Auftragspakete an uns vorbeigegangen, weil wir unseren Kunden kein attraktives Angebot unterbreiten konnten, das auch eine Volumenfertigung in China beinhaltete. Heute bekommen wir diese Aufträge.«

Der deutsche und chinesische Standort arbeiten Hand in Hand. In Geldern entwickelt Ruwel zusammen mit den Kunden im frühen Stadium die Prozesse und Technologien, erledigt Tests und führt den Fertigungsanlauf durch. Parallel werden in China die Projekte für die Serienfertigung vorbreitet, so dass einem reibungslosen Übergang in die Volumenproduktion nichts im Wege steht. »Bei hochvolumigen Projekten streben wir an, etwa 20 Prozent der Leiterplatten aus Geldern und 80 Prozent aus Kunshan zu liefern«, erläutert Frank Hoiboom. Natürlich sei es den Kunden auch möglich, Teilenummern ausschließlich aus China und andere Typen dafür ausschließlich aus  Geldern zu beziehen, um eine Doppelqualifikation zu umgehen.

Neben einer attraktiveren Preisgestaltung erhöht die asiatische Produktion auch die Verfügbarkeit von Leiterplatten, was für viele Kunden zu einem immer wichtiger werdenden Kriterium wird. Das schwere Erdbeben und die atomare Katastrophe in Japan, aber auch die Aschewolke über Europa, haben gezeigt, wie wichtig voneinander unabhängige Fertigungsstätten an verschiedenen Standorten sind. »Während der Serienproduktion in Asien soll das Werk in Geldern zudem auch als ‚Backup’ agieren, um zum Beispiel bei unerwartet hoher Nachfrage einzuspringen«, führt Frank Hoiboom weiter aus.

Ursprünglich war übrigens geplant, dass Ruwel ein neues, noch im Bau befindliches Werk von Unimicron - nämlich Kunshan 3 - belegen solle. Doch davon ist man mittlerweile abgerückt. Bereits seit Mitte 2010 beliefert Ruwel Kunden aus dem bestehenden Werk KS1 in Kunshan/China. Das Interesse der Kunden war so groß, dass man dort sehr schnell Serienaufträge abgewickelt hat. Um nicht erneut aufwändige Freigabeprozesse erforderlich machen zu müssen, wird nun das Werk KS1 beibehalten, also der High Reliability Business Unit zugeordnet, anstelle von KS3. Dieses Werk eignet sich laut Ruwel hervorragend für die Fertigung sehr anspruchsvoller Leiterplatten, verfügt es doch über alle gängigen Zertifizierungen, auch für die Automobilindustrie. In diesem Zusammenhang betont Hoiboom, dass sich Ruwel auch künftig auf Technologien fokussieren, und sich keinesfalls zu einem Leiterplatten-Händler entwickeln werde.

Europäische Qualitätsstandards

»Wir unterscheiden uns deutlich von anderen Leiterplattenanbietern am Markt, die Ware aus Asien ausschließlich weiterverkaufen«, sagt Hoiboom. »Unsere Leiterplatten aus asiatischer Fertigung werden zum Beispiel nach unseren europäischen Qualitätsstandards geprüft.« Das Qualitätswesen im Werk in China unterstehe explizit dem Qualitätsmanagement von Ruwel. In Geldern will Ruwel weiterhin neue Leiterplatten-Technologien entwickeln und vorantreiben. Auch der technische Support für die Kunden bleibe zentraler Bestandteil der Unternehmensstrategie. Ruwel wird also weiterhin auf eine enge Kommunikation und Zusammenarbeit mit OEMs setzen, zum Beispiel durch Schulungen und technische Workshops vor Ort bei den Kunden.