Hightech-Kunststoffe recyclen Elektronikschrott als Rohstoffquellle

Mit „PolyCE“ initiieren Wissenschaftler am Fraunhofer IZM ein Projekt, um ausgediente Kunststoffe aus Elektronikschrott als Rohstoffquelle zu nutzen und wiederzuverwenden.

Ob aussortierte Handys, Staubsauger, Tablets oder Fernsehgeräte – mehr als neun Millionen Tonnen Elektroschrott fallen in Europa jährlich als Abfall an. Obwohl ein wesentlicher Teil davon aus hochwertigen Kunststoffen besteht, werden sie meistens nur einmal verwendet. Wenn die Elektrogeräte nicht mehr gebraucht und entsorgt werden, gelangen die Kunststoffe so gut wie nie zurück in den Produktionsprozess. Stattdessen gehen sie in Verbrennungsanlagen oder Brennöfen der Zementindustrie und sind so für eine stoffliche Verwertung verloren. Die steigenden Elektroschrott- und somit auch Kunststoffmengen alarmieren die EU-Kommission. Sie stellte die Elektronikindustrie mit dem Kreislaufwirtschaftspaket 2016 vor neue Herausforderungen.

Materialkreisläufe sollen geschaffen und Ressourcen effizient entlang der Wertschöpfungskette genutzt werden. Das ist nicht einfach, denn Kunststoffe sind ein komplexes Material, das aus mehreren Verbindungen und Zusätzen – sogenannten Additiven – besteht. Das macht Recycling und Wiederverwendung technisch aufwändig und kostspielig. Um den Kunststoff in den Produktionskreislauf zurückzuführen, braucht es grundlegende Veränderungen, und diese müssen die gesamte Wertschöpfungskette umfassen.

Die gesamte Wertschöpfungskette im Blick

Im Juni startete deshalb das Projekt „PolyCE“ am Fraunhofer-Institut für Zuverlässigkeit und Mikrointegration IZM mit dem Ziel, ein ganzheitliches Kreislaufwirtschaftskonzept für Hightech-Kunststoffe zu entwickeln. „PolyCE“ steht für Post-Consumer High-tech Recycled Polymers for a Circular Economy. Der Projektname zeigt deutlich, welche Zukunft sich die Partner für den Kunststoff wünschen. Um das gemeinsame Ziel, den Wandel hin zur Kreislaufwirtschaft für Kunststoffe, zu beschleunigen, bringt das Projekt 20 anerkannte Organisationen aus Wirtschaft, Technologie und Forschung zusammen. Sie nehmen die gesamte Wertschöpfungskette in den Blick: Von Produktdesignern, Kunststoff- und Additivexperten, über Recyclingunternehmen bis hin zu den Elektronikherstellern. Eine der Herausforderungen für die Projektpartner ist es, sicherzustellen, dass sich die Qualität des recycelten Kunststoffes nicht von der eines neu produzierten unterscheidet. Ein Plastikgehäuse, das zuvor die Elektronik eines Staubsaugers oder Fernsehers ummantelte, muss auch nach dem Recyclingprozess weiter Hitze aushalten können, sowie bruchfest und formbeständig sein. Darüber hinaus liegt ein zentraler Schwerpunkt des Projektes auf der Entwicklung umweltschonender und kreislauffähiger Flammschutzhemmer und Additive. Das Forscher-Team der Katholischen Universität Leuven und der Universität Gent entwickelt zusammen mit dem italienischen Elektronikrücknahmesystem ECODOM, dem Zertifizierungsinstitut Underwriters Laboratories und dem Recyclingspezialisten MBA Polymers eine umfassende Übersicht der technischen Anforderungen an die Recyclingkunststoffe aus Elektroaltgeräten und außerdem ein einheitliches Qualitätssystem.

Bessere Aufklärung benötigt

Mehrere Praxispartner setzen die Recyclingkunststoffe direkt in Produkten ein und sorgen so für die nachhaltige Hebelwirkung der Projektziele. Hierzu sind unter anderem die Designer aus der Pezy Group, die Entwickler des Puzzlephones, Ona, Philips und Whirlpool am Projekt beteiligt. „Um technische Kunststoffe endlich in die Kreislaufwirtschaft zurückzuführen, müssen wir alle an einem Strang ziehen“, sagt Gergana Dimitrova, Umwelt-Expertin am Fraunhofer-Institut für Zuverlässigkeit und Mikrointegration IZM. Sie koordiniert von Berlin aus das europäische Projekt und möchte auch Verbraucher für das Thema alternativer Produktnutzungskonzepte und Recyclingkunststoffe sensibilisieren. „Hier muss bessere Aufklärung erfolgen“, so Dimitrova, die bereits an IZM-Projekten wie „CloseWEEE“ beteiligt ist, das u.a. ebenfalls Lücken in der Kreislaufwirtschaft für Kunststoffe ins Visier nimmt. Gemeinsam mit der United Nations University und dem European Environmental Bureau werden Aufklärungskampagnen für Verbraucher sowie technische Workshops für Akteure aus der Wertschöpfungskette organisiert.