Modernes Einkaufsmanagement als crossfunktionale Herausforderung Einkauf 4.0 – mehr als nur Kosten drücken

Wenn es so etwas wie Bad Guys in der Elektronikbranche gibt, dann sind es wohl die Einkäufer. Ihnen eilt ein Ruf voraus, der Einkäufer gleichsetzt mit Preisdrückern. Doch die Anforderungen an Einkäufer wandeln sich.

Ein Image, das immer noch geprägt sein dürfte vom Schock, den José Jgnacio López, ab 1993 als Vorstand für Produktionsoptimierung und Beschaffung bei VW, mit seinen kompromisslosen Verhandlungsmethoden bei der deutschen Zulieferindustrie auslöste.

Doch ist das offenbar eine Frage der Sichtweise, denn für Stefan Hansmann, Leiter Strategischer Einkauf bei Stiebel Eltron, hat López viel für eine ausgewogenere Machtverteilung zwischen Entwicklung und Einkauf getan, abgesehen von der Tatsache, »dass er es als erster Einkäufer in einem deutschen Industrieunternehmen in die Vorstandsetage geschafft hat«.

Das Image, das Einkaufsleitern bis dahin häufig anhing, illustriert Hansmann mit dem Verweis auf den ehemaligen Einkaufsleiter eines großen deutschen Chemie- und Pharmaunternehmens: »Als der mal einen Weggefährten aus seinen Anfangsjahren bei diesem Konzern traf, fragte ihn dieser: „Was hast du denn verbrochen, dass sie dich zum Einkaufsleiter gemacht haben?“«

Welche Bedeutung dem Einkauf in der Industrie auch heute noch häufig zugewiesen wird, macht für Peter Adomeit, Leiter strategischer Einkauf bei BMZ, auch die Tatsache deutlich, »dass es in Deutschland etwa 25 Lehrstühle für das Thema Verkauf gibt, aber nur zwei, die sich mit dem Thema Einkaufsmanagement beschäftigen«. Dabei ist der Job in den letzten Jahren immer komplexer geworden, das Anforderungsprofil hat sich deutlich gewandelt.

»Heute geht es darum, die Arbeit der verschiedenen Abteilungen zu verknüpfen, von der Entwicklung über die Produktion und das Qualitätsmanagement«, betont Hansmann, »es gilt, die Teamleistung herauszustellen und die Vorteile, die mit einer vertrauensvollen Zusammenarbeit verbunden sind«. Natürlich versuche der Verkauf immer wieder, an den etablierten Prozessen vorbei seine Produkte zu positionieren, »und wir dürfen das dann in der Nacharbeit wieder geradeziehen«, moniert der Leiter des Strategischen Einkaufs bei Stiebel Eltron.

»Natürlich ist es eine undankbare Aufgabe, den Entwickler, der ganz verliebt von einer Messe zurückkommt, wieder einzufangen und ihm klarzumachen, dass das Produkt, die Komponente, für die er sich so begeistert, eben nicht zu unseren präferierten Lösungen und häufig auch nicht zu unseren bevorzugten Lieferanten gehört«. Wer hier nicht aufpasst, legt sich, speziell wenn es um Distributoren und Projektschutz geht, auf Jahre fest, ohne dass dies zwingend notwendig gewesen wäre.

Auch das häufig ins Feld geführte Argument, dass es eben vor allem auch Single-Source-Lösungen sind, die es den Subsystem- und Endgeräteherstellern ermöglichen, sich deutlich vom Wettbewerb abzuheben, sticht für Adomeit nicht: »Wir versuchen, Single-Sourcing soweit als irgend möglich zu vermeiden« – eine Einstellung, die Frank Wiegand, zuständig für den strategischen Einkauf Elektronik bei Jumo, teilt: »Innovation ist wertlos, wenn sie nicht verfügbar ist. Single-Sourcing birgt eine ganze Reihe von Risiken, die sich nicht immer zufriedenstellend ausschließen lassen.«

Aus Sicht des Einkäufers, das macht Wiegand noch einmal sehr deutlich, »hat die sichere Versorgung eine sehr, sehr hohe Priorität!« Aus diesem Grund sieht er auch die derzeitige laufende Übernahmewelle in der Elektronikbranche mit einer gewissen Skepsis: Man könne nicht sagen, ob Komponenten, die heute von großer Wichtigkeit seien, morgen nicht abgekündigt werden oder ihre Produktion in andere Werke transformiert wird. »Obsoleszenz-Management war noch vor fünf, zehn Jahren eine Aufgabe für einige wenige Bereiche der Elektronikbranche«, so Wiegand, »heute zählt es zu den zentralen Aufgaben des Einkaufsmanagements«.

Auch den weit verbreiteten Vorwurf, der Einkauf sei vor allem unter Kostengesichtspunkten schnell bereit, den Lieferanten zu wechseln, lassen die Teilnehmer des Markt&Technik-Forums »Aktuelle Herausforderungen und Chancen für den Einkauf in der Elektronik« nicht gelten: »Wir setzen ganz klar auf etablierte Partnerschaften«, so Hansmann, »auch weil nur ein Partnerschaftssystem die Möglichkeit zum kooperativen Eskalieren bietet«.

Für Richard Kauschinger, Head of Commodity Management Active bei Zollner, stehe das Gesamtpaket im Vordergrund, der Preis sei dabei nur eine Rahmenbedingung von mehreren, die stimmen müssten. Wenn es denn eine Bewegung in Richtung Lieferantenreduzierung gebe, so die Diskussionsteilnehmer, dann in Richtung einer Reduzierung der Distributoren. Entscheidend dabei sei die Spezialisierung der Distributoren und die Bedeutung, die bestimmte Produktlinien und Hersteller für den Distributor haben, und außerdem das Einkaufsvolumen, die Marktmacht, die sie als OEM gegenüber dem Distributor haben.