Interview mit Lacon Ein EMS nach dem Prinzip "Vielfalt statt Einfalt"

Ralf Hasler, Lacon: "Vielseitigkeit birgt das Risiko einer hohen Komplexität in der Leistungserbringung. Trotzdem wird es der reine EMS immer schwieriger haben, denn die Fertigungsleistung an sich ist einer immer stärkeren Vergleichbarkeit und einem steigenden globalen Marktdruck ausgesetzt. Nur wer dem Kunden vielseitige Wertschöpfung und maximale Flexibilität bietet, kann sich wirklich differenzieren."

Lacon zählt wohl zu den vielseitigsten mittelständischen Electronics Manufacturing Services im deutschsprachigen Raum und die Fertigung erinnert eher an eine Manufaktur als an "Fließband". Ein Interview mit CEO Ralf Hasler.

Markt&Technik: Auf den ersten Blick ist es nicht so ganz einfach, Lacon als Unternehmen richtig zu erfassen. Zumal Sie ja auch mit dem Slogan »Fullservice Mechatronik« werben. Wie möchten Sie am Markt verstanden werden?

Ralf Hasler: Da haben Sie Recht, die Lacon hat viele Facetten: Aus der Historie heraus kommen wir aus der Elektronikfertigung. Wir positionieren uns aber seit einigen Jahren ganz klar damit, die Brücke vom Prototypen in die Serie zu schlagen. Lassen Sie es mich so zusammenfassen: Unser Verständnis ist, dass  z.B. ein Maschinenbauunternehmen alle seine  elektrotechnischen und elektronischen Bedarfe bei uns decken kann, also nicht nur die bestückte Leiterplatte, sondern auch die Stecker, das Kabel inklusive Kabelentwurf bis hin zum vollständig assemblierten Gehäuse. Zudem bieten wir auch die entsprechenden Entwicklungsdienstleistungen an. Wir haben dazu ein Team aus zehn Hard- und Softwareentwicklern sowie Elektroplaner.

Es geht also nicht mehr ums klassische EMS-Geschäft?

EMS ist unser Kern, aber unsere Wertschöpfung geht deutlich weiter. Wir können noch viel mehr, als nur zu fertigen. Am Ende des Tages geht es darum, dass ein Produkt stabil läuft und kostengünstig auch in kleinen und mittleren Stückzahlen hergestellt werden kann. Auf dem Weg dahin können wir viel für den Kunden tun. Wir übernehmen zum Beispiel das Lieferantenmanagement und stellen den Projektmanager, der den gesamten Industrialisierungsprozess des Kunden-Produktes begleitet. Aber die Fertigung ist natürlich weiterhin zentraler Bestandteil unseres Geschäftsmodells.

Wie hoch ist der EMS-Anteil in Zahlen?

Wir haben, Stand heute, 70 Prozent EMS-Geschäft – darunter fallen bei uns allerdings nicht nur elektronischen Baugruppen, sondern auch elektromechanische wie z.B. konfektionierte Kabel, Montageplatten oder Schaltschränke. 30  Prozent unseres Umsatzes  entfallen auf Geräte und Baugruppen, die wir im Kundenauftrag entwickelt haben. Unser Ziel ist es, das Systemgeschäft massiv zu forcieren und die Entwicklungs- und Industrialisierungsleistung auszubauen.

Entwickeln Sie auch Eigenprodukte?

Nein. Wir entwickeln ausschließlich im Kundenauftrag. Dabei greifen wir gelegentlich auf vorhandene Technologieplattformen zurück. Insbesondere im Bereich der Customized Automation verwenden wir Boards von Embedded-Herstellern wie Axiomtek oder die ehemalige Berthel-SPS-Plattform, die wir vor drei Jahren erworben haben.


Kommen wir noch mal zurück auf Ihren Werbeslogan »Fullservice Mechantronik«: Der Begriff Mechatronik ist nicht klar definiert in der Branche, da versteht jeder etwas anderes darunter. Was heißt der Begriff bei Lacon?

Wir meinen damit das Gesamtpaket aus elektronischen und elektromechanischen Baugruppen, aber nicht auf Mikroebene, sondern auf Makroebene. Hinzu kommen auch mechanische Zeichnungsteile, die wir zum Teil selber entwerfen und dann aus unserem Partnernetzwerk beziehen.

Sie erwähnten das Projekt- und Lieferantenmanagement, das Sie für den Kunden übernehmen. Das halte ich zwar für einen interessanten Ansatz, stelle mir aber die Frage, ob es für solche Dienstleistungen wirklich Bedarf gibt. Möchte der Kunde nicht lieber selber die Zügel in der Hand behalten?

Der Bedarf ist sehr wohl vorhanden! Wir haben zum Beispiel einige HighTech Start-ups als Kunden. Die haben eine tolle Idee und sind sehr entwicklungslastig und marketinggetrieben. Ihnen fehlen aber in der Regel sowohl die Erfahrung als auch die finanziellen Mittel für eine stabile Supply Chain dahinter. Da ist unser Projektmanagement also sehr willkommen. Aber auch etablierte Unternehmen nehmen diese Dienstleistung gerne in Anspruch.

Aus welchen Branchen kommen Ihre Kunden hauptsächlich?

Ausschließlich aus dem Bereich der Investitionsgüter und der High-Tech-Industrie, wie Maschinenbau, Sondermaschinenbau, Gerätebau, Bahntechnik und Medizintechnik.  

Ihr Geschäftsführer-Kollege Herr Metzger erklärte unlängst bei einer Markt&Technik-Diskussion, dass Lacon eher eine Manufaktur sei. Ich konnte mich nun selbst überzeugen: Ihre Fertigung unterscheidet sich in der Tat sehr von anderen EMS-Fertigungen. Vor allem die hohe Vielzahl unterschiedlicher Fertigungsartikel sticht ins Auge.

Der Begriff »Manufaktur« trifft es gar nicht schlecht. Unser Schwerpunkt liegt auf kleinen und mittleren Serien. Die Herausforderung für uns ist dabei, trotzdem den höchsten industriellen Qualitätsanforderungen gerecht zu werden. Dazu gehört auch, dass wir einzelne Prozessschritte nach bestimmten Normen abbilden, wenn das erforderlich ist. Wir sind zwar als Unternehmen noch nicht nach TS16949, IRIS und EN13485 zertifiziert, sind aber mit den Anforderungen dieser Qualitätsnormen sehr gut vertraut.

Inwieweit unterstützen Sie im Rahmen des Industrialisierungsprozesses auch beim Thema »Zertifizierung« wie EMV, UL, CE-Konformität oder Umweltprüfungen?

Wir haben selbst kein akkreditiertes Prüflabor, arbeiten aber sehr eng mit diesen zusammen. Und das ist auch ganz essenziell, denn wir haben die Erfahrung gemacht, dass viele Kunden dieses Thema unterschätzen.  

Sie erklärten auf Ihrem Technologietag im Juli, dass Lacon inbesondere auf der Elektromechanik-Seite seine Design & Engineering-Kompetenz erweitert hat. Inwiefern?

Das was Layout und Entflechtung für die Leiterplatte ist, bieten wir nun auch für Schaltschränke und Kabel an. Das heißt wir führen die Elektroplanung für Schaltschränke bis 1000 V nach Maschinenrichtlinie durch, und wir bieten den Entwurf und das Design von konfektionierten Kabeln an. Viele Kunden mühen sich selber mit der ungeliebten Aufgabe ab, Kabel zu zeichnen und zu entwerfen. Wir steigen in den Stromlaufplan ein, verstehen die Umweltbedingung des Produktes und schlagen selber Materialien, Steckverbinder und Anschlusstechniken vor. Außerdem erstellen wir dann die fertig bemaßte CAD-Zeichnung für die Dokumentation.

Eine weitere Spezialität Ihres Hauses ist das Thema Obsolescence-Management. Als Dienstleister für Unternehmen der Bahntechnik sind Sie mit Produktlaufzeiten von 30 Jahren und mehr konfrontiert. Wie setzen Sie diese Anforderungen um?

Wir sind durch unseren Fokus auf langlebige Investitionsgüter schon seit vielen Jahren mit diesem Thema konfrontiert. Die Palette an Leistungen reicht von der Beschaffung abgekündigter Bauteile inklusive der Echtheitsprüfung über das regelmäßige Monitoring des »Gesundheitszustands« einer Baugruppe bis hin zum partiellen oder gar vollständigen Redesigns einer Baugruppe aufgrund von nicht mehr verfügbaren Schlüsselkomponenten.