Erni bietet weit mehr als Steckverbinder Ein "Alter Hase" im EMS-Geschäft startet durch

Michael Singer, Erni: "In den vergangenen 30 Jahren haben wir uns zudem umfangreiche Fertigungskompetenzen in den verschiedenen Verarbeitungstechnologien der Steckverbinder auf der Leiterplatte angeeignet. So können wir ein komplettes EMS-Paket schnüren und anbieten."

Erni hat mehr als 30 Jahre Erfahrung in der Auftragsfertigung (EMS) und erwirtschaftete 2013 bereits 25 Prozent des Umsatzes als EMS-Dienstleister. In der öffentlichen Wahrnehmung ist das Unternehmen als EMS-Anbieter allerdings bisher nicht fest verankert. Das soll sich jetzt ändern. Ein Gespräch mit Michael Singer, Marketingleiter von Erni Electronics.

Markt&Technik: Erni hat seine Wurzeln in den Steckverbindern – wird das die Kernkompetenz bleiben?

Michael Singer: Auf dieser Kernkompetenz werden wir auch künftig aufbauen und weiterhin leistungsfähige Steckverbinder entwickeln. Daran wird sich nichts ändern. Aber in den vergangenen 30 Jahren haben wir uns zudem umfangreiche Fertigungskompetenzen in den verschiedenen Verarbeitungstechnologien der Steckverbinder auf der Leiterplatte angeeignet. So können wir ein komplettes EMS-Paket schnüren und anbieten. Diese Entwicklung wurde im Wesentlichen durch unsere engen Kundenkontakte getrieben. Darüber hinaus haben wir auch Expertise in speziellen Prüftechnologien und der Verarbeitung aktiver Komponenten aufgebaut. Da nun unsere Expertise weit über die reine Verarbeitung der Steckverbinder auf der Leiterplatte hinausgeht, wollen wir die Wahrnehmung von Erni als umfassender EMS-Dienstleister im Markt stärken.

Immer mehr Hersteller mit eigenen Produkten bieten zusätzlich EMS-Dienstleistungen an. Kritiker bemängeln in solchen Fällen oft, dass damit nur die mangelnde Inhouse-Auslastung kompensiert werden soll. Aus welcher Motivation heraus entstand bei Erni das Geschäftsfeld EMS?
Als Pionier mit umfassender Erfahrung in der Einpresstechnik für unsere Steckverbinder sind wir immer öfter gefragt worden, ob wir nicht die Erni-Steckverbinder auch gleich auf die Backplanes einpressen können. Im Laufe der Zeit haben wir immer mehr SMD-Steckverbinder entwickelt. Auch hier konnten wir uns umfassende Anwendungskompetenzen in der SMD-Technik (Bestückung und Löten) durch unser umfangreiches SMD-Steckverbinder-Portfolio aneignen- und es hat sich das Gleiche wiederholt: Immer mehr Kunden fragten an, ob wir nicht gleich die Steckverbinder auf die Leiterplatte löten können. Die Kundenwünsche gingen aber auch über die mit unseren Steckverbindern assemblierten Leiterplatten hinaus: Es wurde nach komplett bestückten Boards, Backplanes, Subsystemen oder vollständigen Racks gefragt. Für die Kabelfertigung ergibt sich ein ähnliches Bild. Ursprünglich haben wir Steckverbinder in IDC- oder Crimp-Technik geliefert. Damit lag es nahe, auch konfektionierte Kabelassemblierungen auf Kundenwunsch anzubieten.

Wie gelingt Ihnen den der Spagat zwischen Hersteller und Dienstleister?

Ich würde das nicht Spagat nennen, sondern eher eine Komplettierung bzw. Abrundung des Angebots. Das umfasst neben der Herstellung von Steckverbindern auch die Kabelkonfektionierung der Steckverbinder, die Entwicklung von Leiterplatten und Systemen, Bestückung und Test von Leiterplatten und Systemen und beispielsweise die »ERNI WHITEspeed«-Plattform. Letztere ist eine selbst entwickelte und gefertigte Computer-on-Module-(COM-)Familie – insgesamt also ein rundes Angebot rund um die Elektromechanik.

Inwieweit ergeben sich durch Ihre Expertise bei der Einpresstechnik und Ihre Kernkompetenz bei Steckverbindern Synergien für Ihr EMS-Geschäft?

Neben dem Angebot an Standard-Backplanes werden insbesondere kundenspezifische Produkte realisiert. Die erforderlichen Werkzeuge und Maschinen werden im Unternehmen entwickelt und gefertigt. Umfassende Prüfungen sichern einen hohen Qualitätsstandard. Analoges gilt für die SMD-Komponenten. Hier haben wir uns zusammen mit den Kunden eine umfassende Expertise bei der Bestückung und Lötung von SMD-Bauteilen erarbeitet, die natürlich in die angebotenen EMS-Services einfließt. Grundsätzlich arbeiten wir bei der Produktentwicklung sehr eng mit unseren Kunden zusammen – das heißt wir setzen uns intensiv mit der Verarbeitung unserer Steckverbinder auseinander. Davon profitiert natürlich unsere EMS-Expertise.

Wie ist der Bereich organisatorisch verankert?

EMS ist ein eigenes Geschäftsfeld mit mehreren Profitcentern und Erni-Gesellschaften. Der gesamte Geschäftsbereich EMS wird dann global zusammengeführt.

Gibt es einen eigenen Vertrieb?

Der klassische Vertrieb bei den Steckverbindern ist gebietsorientiert. Dagegen sind die EMS-Entwicklung und der entsprechende technische Vertrieb eigenständig. So kann die spezielle Fokussierung auf EMS gesichert werden.
Wie weit reicht Ihr Vertriebsradius weltweit und Ihr Fertigungs-Footprint?
Unser Vertriebsradius ist ein direkter weltweiter Vertrieb mit über 100 global tätigen Vertriebsmitarbeitern. Erni verfügt über zwei Fertigungsstandorte in Deutschland, zwei in der Schweiz, eine Fertigung in den USA, eine Produktion in China und eine Fertigung in Thailand.