Fachkräftemangel in der Fertigung »Eigenschaften eines US-Marines«

Der Fachkräftemangel trübt die Wachstumsaussichten der EMS-Firmen. Ist die Arbeit beim Elektronik-Dienstleister nicht attraktiv genug? Nach Ansicht der Teilnehmer am Markt&Technik-EMS-Forum hat das Problem viele Facetten.

Wir haben offene Stellen, die wir momentan nicht besetzen können«, sagt Johann Weber, Vorstandsvorsitzender von Zollner Elektronik. Dabei geht es laut Weber um »ein breites Spektrum für den SMT-Bereich, zum Beispiel Mechatroniker«. Schon die Lehrlinge in fertigungsnahen Berufen wie Mechatronik sind Mangelware.
»Wir müssen heute einen höheren Aufwand betreiben, um Lehrlinge zu bekommen, als früher.  Natürlich nutzen wir den Kontakt zu Schulen, bieten Ferienjobs oder eine Schnupperlehre an, um bei Jugendlichen das Interesse für einen Beruf in der Fertigung zu wecken«, erläutert Weber. Auch bei bereits ausgebildeten Mitarbeitern wie Fachpersonal oder auch niedrig qualifizierten Hilfsarbeitern wird das Recruiting laut Weber immer schwieriger. Dabei ist Zollner Elektronik mit mehreren tausend Mitarbeitern einer der größten Arbeitgeber in der Region Cham (Bayern). Weber sieht das Problem aber nicht nur auf Deutschland beschränkt, sondern auch in Osteuropa – Ungarn und Rumänien – werde es zunehmend schwieriger, Personal zu bekommen, weil viele Fachkräfte in den „Westen“ abwandern. Im Zuge der Arbeitnehmerfreizügigkeit ist das innerhalb der EU möglich – eine paradoxe Situation, zieht es doch die Fertigungsindustrie vermehrt nach Osteuropa.

»Eigenschaften eines US-Marines«

Als große Herausforderung sieht Ralf Hasler, Geschäftsführer von Lacon, die Tatsache, dass die Qualifizierung, die ein EMS für die Fertigung benötigt, grundsätzlich (fast) nicht ausgebildet wird, sondern erst angelernt werden muss. Am nächsten käme den Anforderungen der SMT-Fertigung eine Ausbildung zum Mi­kro­technologen, die wird aber in Deutschland nur an einer Berufsschule gelehrt. »Aber auch einen Ingenieur, den ich für den Einkauf einsetzen möchte, muss ich erst anlernen. Denn das, was er aus dem Lehrbuch gelernt hat, funktioniert in unserem EMS-Geschäft nicht, weil die Komplexität eine ganz andere ist.«

Der Wandel von der Baugruppen- hin zur Systemfertigung ist nach Meinung von Albrecht Faber, Geschäftsführer von bebro, ein weiterer Punkt, der den Fachkräftemangel befeuert: »Dadurch benötigen wir mehr Fachkräfte als Hilfsarbeiter.«

Hinzu kommt, dass das EMS-Geschäft vergleichsweise „unsexy“ ist in der Wahrnehmung vieler potenzieller Arbeitnehmer. Steckt doch in den meisten Fällen keine bekannte Marke hinter der Firma. Was der EMS für große und namhafte OEMs fertigt, geschieht quasi im Verborgenen und oft mit Non-Disclosure
Agreement. Das ist schließlich die Basis der Elektronik-Dienstleistungen.

Dafür sind aber die Anforderungen »intrinsisch wesentlich höher als in anderen Geschäften«, meint Hasler und schildert das an einem Beispiel: »Wenn ein Ingenieur bei einem Automotive-OEM arbeitet, hat er ein überschaubares Artikelspektrum. Wenn er zu uns kommt, wird er mit einer immensen Vielfalt konfrontiert. Ein Industrial Engineer, der bei uns drei Jahre zubringt, hat sozusagen Eigenschaften eines US-Marines.« Und der lässt sich auch sehr gerne von OEMs für etwas mehr Geld und ein ruhigeres Arbeitsumfeld anlocken.

Grundig Business Systems aus Bayreuth hat es beim Recruiting etwas einfacher, denn der Name „Grundig“ zieht. »Aber da wir eher unterhalb als oberhalb der Tarifbindung bezahlen, verlieren wir gut ausgebildete Mitarbeiter dann bisweilen auch wieder«, gibt Roland Hollstein zu bedenken, Geschäftsführer von Grundig Business Systems. Daher setzt Hollstein flankierend zur festen Belegschaft auf Leiharbeiter – und hat damit sehr gute Erfahrungen gemacht. Immer wieder werden Leiharbeiter von GBS schließlich in Festanstellung übernommen, die diesen Schritt von GBS mit Betriebstreue belohnen.

Dass der Fachkräftemangel mit allen Konsequenzen nicht auf Europa beschränkt ist, betont Dr. Peter Schmitt, Business Director der global tätigen Schweizer CCS Gruppe. Er lokalisiert die Personalknappheit und das fehlende Ausbildungsprofil für die SMT-Fertigung auch in Asien. Zum einen bestehe dort die Herausforderung darin, Personal zu finden, das überhaupt das Potenzial mitbringt, in der Fertigung zu arbeiten; zum anderen wachsen auch in Asien die Ansprüche an den Arbeitsplatz, und der Wille, in einer Fertigung zu arbeiten, sinkt. »Mit der SMT-Fertigung stehen wir im weltweiten Wettbewerb mit großen OEMs, der EMS dagegen ist auch international eher unbekannt«, so Schmitt.