Interview zur Rohstoffversorgung »Die Lage ist ernst, aber wir sollten nicht in Panik verfallen«

ZVEI-Chefvolkswirt Dr. Andreas Gontermann

Ohne Rohstoffe geht nichts in der Elektrotechnik- und Elektronikindustrie. Allerdings sind einige wichtige Rohstoffe nur auf wenige Länder konzentriert und werden damit zum Spielball im internationalen Wettbewerb. »Wir müssen die Rohstoffversorgung auf eine solide Grundlage stellen«, fordert Dr. Andreas Gontermann, Chefvolkswirt des ZVEI. »Dabei ist es wichtig, die Strategien innerhalb Europas miteinander zu vernetzen, so dass alle am gleichen Strang ziehen.«

Markt&Technik: Was macht die Rohstoffmärkte derart anfällig und volatil?

Dr. Andreas Gontermann: Allein die natürlichen Voraussetzungen, denn das physische Angebot der Rohstoffe ist begrenzt. Wie viel von den jeweiligen Rohstoffen schlussendlich genau zur Verfügung steht, ist eine nicht genau bekannte Größe. Fest steht nur: Das Angebot ist endlich. Hinzu kommt, dass diese ohnehin endlichen Rohstoffe sich regional auf wenige Länder konzentrieren, die oftmals auch noch politisch instabil sind, wie beispielsweise viele Länder Afrikas. On Top kommt noch hinzu, dass die Rohstoffe in diesen Ländern in der Hand weniger Unternehmen liegen.

Eine zunehmende Rolle spielt auch, dass die Rohstoffe für Kapitalanleger als Vermögensanlage immer interessanter werden. Das heißt Finanzinvestoren, die überhaupt kein Interesse an den Rohstoffen an sich haben, mischen solche Anlagen in ihre Portfolios. Hier kommt also eine Klientel hinzu, die auf diesem Markt vor einigen Jahren so noch keine Rolle gespielt hat. Der Schluss liegt also nahe, dass wir uns tendenziell auf weiter steigende Preise einstellen müssen. Hinzu kommt, dass die Preise relativ volatil sein werden, weil es immer wieder auch zu konjunkturbedingten Nachfragerückgängen kommen wird oder Spekulationsblasen platzen.

Ist die Spekulation in der Rohstoffindustrie mehr Fluch oder Segen?

Wenn die Spekulation von Finanzmarktakteuren dazu dient, die Rohstoffmärkte liquide zu halten und adäquate Termingeschäfte anzubieten, dann kann sie von Vorteil sein, weil sie hilft, die Rohstoffversorgung der Unternehmen abzusichern. Problematisch wird die Spekulation, wenn der realwirtschaftliche Bezug dieser Rohstoffgeschäfte völlig verloren geht und die Spekulanten untereinander anfangen, Handel zu betreiben, wenn also die fundamentalen Grundlagen von Angebot und Nachfrage aus den Angeln gehoben werden. Dann gibt es keine Planungssicherheit mehr, und das Preisgefüge gerät außer Kontrolle. Wohin das letztlich führen kann, zeigt das Beispiel von Lehmann Brothers, die sich stark in solchen Geschäften engagiert hatten.

Der Preisdruck im Rohstoffhandel steigt aufgrund des zunehmenden Bedarfs derzeit deutlich. Wie wird sich das auf den internationalen Wettbewerb auswirken?

Steigende Preise verteuern letztlich die Produktion und stellen die internationale Wettbewerbsfähigkeit vor Herausforderungen: Die Unternehmen müssen die Preissteigerungen schließlich abfedern, und das bedeutet: Sie müssen ihre Produktivität erhöhen, um Rohstoffpreissteigerungen zu kompensieren. Den Druck, ständig Produktivitätsfortschritte erzielen zu müssen, haben wir ja in der Elektroindustrie nicht nur aufgrund steigender Rohstoffpreise, sondern etwa auch als Folge starken internationalen Wettbewerbs. Über die Rohstoffseite kommt aber nun zusätzlicher Kostendruck in den Wertschöpfungsprozess hinein.

Übrigens sind es nicht nur die steigenden Preise, die Probleme bereiten. Die hohe Preisvolatilität kann mitunter ein genauso großes Problem darstellen. Denn starke Preisschwankungen sichern die Unternehmen normalerweise über Termingeschäfte oder Hedging ab, was wiederum Kosten nach sich zieht.

Welche für die Elektrotechnik- und Elektronikindustrie essenziellen Rohstoffe könnten in absehbarer Zeit knapp werden?

Im Grunde kommen fast alle Elemente des Periodensystems in unserer Branche in irgendeiner Form zur Anwendung. Wir sind beispielsweise besonders angewiesen auf die Seltenen Erden. 97 Prozent davon werden in China gefördert. Damit liegt es auf der Hand, dass diese Stoffe aufgrund der kürzlich von China bekannt gegebenen Ausfuhrbeschränkungen sehr bald knapp und noch teurer werden könnten. Das würde zentrale Technologien betreffen. Denn einige Seltene Erden braucht man in leistungsstarken Magneten für den Antrieb von Motoren in Hybrid- und Elektrofahrzeugen. Die ebenfalls knappen Elemente Gallium, Indium bzw. Germanium kommen vor allem in Halbleitern zum Einsatz.

Die ebenfalls als kritisch eingestuften Stoffe Platin, Palladium und Rhodium sind zur Herstellung von Katalysatoren bzw. Brennstoffzellen erforderlich. Rund 92 Prozent dieser Vorkommen konzentrieren sich auf nur drei Länder: Russland, Südafrika und Kanada. Ähnliches gilt für Tantal: Hier decken Mosambik, Australien und Brasilien 84 Prozent der weltweiten Lieferungen ab. Diese Liste lässt sich beliebig weiterführen. Immerhin: Die Versorgungslage bei Kupfer und Blei, deren größter Abnehmer wir innerhalb des verarbeitenden Gewerbes in Deutschland sind, ist vergleichsweise nicht ganz so kritisch.  

Vor allem Asien hat einen immensen Nachholbedarf. Der Bedarf an Rohstoffen dürfte damit ebenfalls weiter ansteigen. Es sind nicht nur die Schwellenländer, die den Weltbedarf an Rohstoffen in die Höhe treiben, auch die Industriestaaten tun ihr übriges. Unser technischer Fortschritt bringt es mit sich, dass immer mehr Stoffe in Bauteile, Systeme und Geräte einfließen. Nehmen wir das Beispiel Halbleiter: Zur Herstellung eines Halbleiters brauchte man in den 1990er-Jahren 16 verschiedene Elemente, heute sind es 60.