Günter Lauber, Siplace, im Interview »Die Auftragsfertiger sind für uns wichtige Innovationstreiber!«

Günter Lauber, ASM Assembly Systems: »Vor allem unsere deutschen EMS-Kunden sind, technologisch betrachtet, ganz sicher die Treiber für uns, was Prozesse und Innovation im Gesamtprozess ’SMD-Fertigung’ betrifft.«
Günter Lauber, ASM Assembly Systems: »Vor allem unsere deutschen EMS-Kunden sind, technologisch betrachtet, ganz sicher die Treiber für uns, was Prozesse und Innovation im Gesamtprozess ’SMD-Fertigung’ betrifft.«

Die Auftragsfertigung hat sich mittlerweile von der Lohnbestückung zu einer selbstbewussten Branche entwickelt - und zählt zur Schlüsselklientel für das Siplace-Team der ASM Assembly Systems. Wie stellt sich der Bestückungsmaschinenhersteller auf die Anforderungen der EMS-Firmen ein? Dazu ein Gespräch mit CEO Günter Lauber.

Markt&Technik: Wie hoch ist das Marktpotenzial für Sie weltweit im EMS-Bereich?

Günter Lauber: Wie hoch der EMS-Anteil an der weltweiten Fertigung ist, lässt sich zwar nicht genau beziffern, aber wir gehen in etwa davon aus, dass auf den weltweiten EMS-Markt etwa 50 Prozent entfallen. Von der Anzahl der Unternehmen aus betrachtet, gibt es zwar viel mehr OEMs, aber von der Anzahl der Bestückautomaten dürfte das Verhältnis, wie gesagt, ungefähr bei etwa 50:50 liegen. Von den zehn größten EMS-Unternehmen sind sieben unsere Kunden. Wie Sie sehen, sind wir hier also sehr gut vertreten.

Wie begegnen Sie speziell den Anforderungen des deutschsprachigen EMS-Mittelstandes? Der unterscheidet sich ja noch einmal deutlich von den großen EMS in Asien und USA.

Mit den EMS-Riesen auf dem internationalen Parkett lässt sich der deutsche Mittelstand nicht vergleichen, da haben Sie Recht. Aber auch innerhalb Deutschlands sind die Unterschiede groß. Es gibt Spezialisten, die sich als strategische Partner von OEMs mit sehr hohen Qualitätsansprüchen positionieren - beispielsweise in der Medizintechnik, in der Automatisierung oder im Automotive-Bereich. Diese EMS-Unternehmen haben sehr hohe Ansprüche, was die Prozessqualität und -stabilität sowie die Effizienz in der laufenden Fertigung angeht.

Auf der anderen Seite des Spektrums gibt es viele unspezialisierte Fertiger, die ihr Geld als verlängerte Werkbank und Flexibilitätsreserve für OEMs mit eher einfachen SMT-Prozessen mit kleinen, schwankenden Losgrößen verdienen. Diese Unternehmen müssen sehr schnell neue Produkte einführen können, ihre Fertigung auf extreme Auftragsschwankungen einrichten und suchen eher die vorsichtige Investition.

Was diese EMS-Unternehmen bei allen Unterschieden eint: Sie wollen einen verlässlichen, kompetenten Partner, der Lösungen für ihre technischen und wirtschaftlichen Herausforderungen entwickelt, und den sie auch »auf Zuruf« vor Ort konsultieren können.  

(Wie) unterscheiden sich die kommerziellen Anforderungen der Auftragsfertiger von denen der »OEMs«, also Hersteller mit eigener Fertigung?

Auch hier sind die Unterschiede groß. Ein spezialisierter EMS-Fertiger, der sich als strategischer Partner eines OEMs etabliert hat, denkt und arbeitet ähnlich wie ein OEM. Er hat mehr Vorlauf bei den Produkteinführungen, er hat mehr Sicherheit, was die Auftragsplanung angeht. Auf der anderen Seite wachsen die Risiken, weil von ihm deutlich mehr vorausschauende Investitionen verlangt werden und er vom dauerhaften Erfolg seines OEMs abhängig wird. Um die notwendige Effizienz zu erreichen, muss er sich aber gleichzeitig immer enger an die Prozesse seiner OEMs anpassen - beispielsweise was Kommunikation, QS oder Losgrößen angeht. Dadurch erhöht sich die gegenseitige Abhängigkeit immer weiter.

Der unspezialisierte EMS-Fertiger, der als verlängerte Werkbank fungiert, muss dagegen um jeden Auftrag hart kämpfen. Er muss seine Fertigung sehr schnell auf neue Produkte und Prozesse einstellen können. Finanzieren kann er dies allein aus der oft sehr kleinen Marge, die ihm für die Fertigung eingeräumt wird. Hier wird daher versucht, die Wertschöpfungstiefe über die reinen SMT-Prozesse hinaus zu vergrößern - durch Einkauf, Montage, Konfektion etc.

Das Problem für viele dieser kleineren EMS-Unternehmen: Weil sie wegen der unsicheren Auftragslage und fehlender Kundenbindung nicht mit langfristig stabiler Auslastung rechnen können, übergewichten sie bei Investitionsentscheidungen den Einkaufspreis. Oft rächt sich das, wenn die angeschafften Maschinen dann die für weitere Aufträge notwendige Flexibilität und Effizienz nicht bieten.

Und aus technischer Sicht?

Technisch liegen beide nicht wirklich weit auseinander - Bestückplattformen müssen heute so entwickelt sein, dass sie für beide in gleicher Weise die ideale Lösung sind - genauso wie unsere Siplace-SX-Maschinen eben: flexibel, skalierbar, mit breitestem Bestückspektrum, je nach Anforderung extrem schnell oder extrem flexibel. Kombiniert mit der jeweils passenden Software, bekommen EMS wie auch OEMs stets das für sie passende Equipment.

Was muss ein Bestückungsmaschinenhersteller generell bieten, um bei Low-Volume/High-Mix punkten zu können?

Letztlich geht es darum, die Gesamtdurchlaufzeit von Auftrag bis Lieferung an den Kunden zu verkürzen. Mit sinkenden Losgrößen und wachsender Produktvielfalt gewinnen die Rüst- und Planungszeiten an Bedeutung. Schnelle Automaten-Hardware kann die Durchlaufzeiten nicht mehr wesentlich verbessern. Vielmehr ist es effizienter, über Hard- und Software und über Automatisierung die Planungs- und Rüstprozesse zu beschleunigen. Stillstandsfreie Rüstwechsel, wahlfreies Rüsten von Feedern, Barcode-gesteuerte Umstellungen von Bestückprogrammen und Spurbreiten, die automatisierte Platzierung von Support Pins, aber auch große Monitore zur transparenten Linienüberwachung oder die Anbindung der SMT-Lagerprozesse sind hier wichtige Stichworte. Die Zeiten, in denen der SMT-Prozess der alleinige Taktgeber war, sind vorbei. Hard- und Software des Equipmentherstellers müssen sich in die zunehmend individuellen Prozesse des EMS-Unternehmen integrieren und diese optimieren helfen.

Rüstkonzepte gelten ja bekanntlich als wichtiger Punkt, um in der Fertigung noch das letzte Quäntchen mehr an Flexibilität herauszuholen. Wie setzen Sie diesen Anspruch um?

Unsere Rüstkonzepte zielen darauf ab, den Rüstaufwand zu minimieren oder sogar stillstandsfreie Rüstwechsel zu erlauben. Vor Jahren haben wir die Entwicklung von Offline-Vorrüstung und Wechseltischen maßgeblich geprägt. Heute aber sind wir noch viel weiter. Es gibt Kunden, die nutzen auf einer Seite ihrer Linie Festrüstungen oder Constant Tables, damit das Personal nur auf einer Seite umrüsten muss. Auch können wir per Software bestimmte Bereiche jedes einzelnen Wechseltisches für einzelne Produkte reservieren - auch das verringert Laufwege und Rüstaufwände. Andere Kunden rüsten inzwischen Feeder-orientiert und lassen sich dabei von den LED-Signalen unserer intelligenten X-Feeder leiten. Was die beste Rüststrategie ist, hängt vom Produktmix und den individuellen Anforderungen der EMS-Fertiger ab und lässt sich über unsere Software genau berechnen.

Mit den Wechselportalen der Siplace-SX-Serie und den SX-Wechselportalen schafft Siplace nach eigenen Angaben »Flexibilität in Richtung Auftragslage und Konjunktur« - wie ist das genau zu verstehen?

Bei der Siplace-SX-Serie kann die Bestückleistung einer Maschine über den Ein- und Ausbau von kompletten Portalen binnen weniger Minuten gesteigert oder verringert werden. Die Maschine erkennt diese Umbauten und stellt sich und alle Bestückprogramme entsprechend um. Das eröffnet völlig neue Möglichkeiten: Sie können innerhalb einer Fertigung je nach Bedarf Bestückleistung von einer Linie auf eine andere transferieren. Oder EMS-Unternehmen können sich SX-Wechselportale mit Bestückköpfen kurzfristig gegen Gebühr leihen und sich so beispielsweise auf saisonale oder konjunkturelle Lastspitzen einstellen. Sinkt die Nachfrage wieder, werden die SX-Wechselportale einfach wieder an uns zurückgegeben, und die Kosten für Anlagen sinken wieder. EMS-Unternehmen können so ihre Fertigung auftragsorientiert »atmen« lassen, das ermöglicht ihnen außer uns bisher kein Maschinenhersteller.