Herausforderung RoHS II »Der RoHS-Recast ist ein Schritt in die richtige Richtung«

Seit Januar müssen Hersteller, Importeure und Distributoren von Elektro- und Elektronikprodukten nachweisen, dass ihre Produkte RoHS-II-konform sind. Worauf es dabei ankommt, erläutert Birgit Kämpfle, bei Fujitsu Technology Solutions für den produktbezogenen Umweltschutz und Umweltzulassungen zuständig.

Markt&Technik: Als Herstellerlabor von Fujitsu und als externer Dienstleister für Elektro- und Elektronikhersteller haben Sie langjährige Erfahrungen mit RoHS-konformer Fertigung. Was sind die wesentlichen Neuerungen der neuen RoHS-Richtlinie?

Birgit Kämpfle: Eine wesentliche Neuerung ist, dass die Produkte auch in Bezug auf RoHS der CE-Kennzeichnungspflicht unterliegen und der Gesetzgeber zum Nachweis der Konformität völlig neue Wege geht. Die geforderte EU-Konformitätserklärung ist auf Basis einer so genannten »technischen Dokumentation« zu erstellen. Die Inhalte der technischen Dokumentation basieren nicht wie sonst üblich auf Messstandards, die von Behörden durch Nachmessungen in eigenen Labors kontrolliert werden können. Stattdessen gilt es seit Januar 2013, die für die RoHS-Konformitätsbewertung implementierten Prozesse auditfähig zu dokumentieren. Im Falle einer Produktüberprüfung werden von den Marktaufsichtsbehörden keine Messungen durchgeführt, sondern die Qualitätssicherungsprozesse des Herstellers bzw. Importeurs stehen im Fokus.

Was ändert sich dadurch für die Hersteller?

Für die Umsetzung der RoHS II genügt es nicht, über RoHS-spezifisches Fachwissen zu den Produktanforderungen zu verfügen und Messungen der verbotenen Substanzen vorzunehmen. Seit dem RoHS-Recast ist eine ganzheitliche Betrachtung der Prozessabläufe und produktbezogenen Dokumentationen unabdingbar. Hersteller sind verpflichtet, einen Qualitätssicherungsprozess zu implementieren, der den Anforderungen der kürzlich veröffentlichten harmonisierten Norm zur RoHS-Konformitätsbewertung entspricht. Die Änderungen sind für Unternehmen mit einem relativ großen Aufwand verbunden. In der Pflicht sind im Übrigen nicht nur Hersteller, auch Importeure und Vertreiber werden weit mehr in die Verantwortung genommen als bisher.

In welchem Umfang sind Importeure und Vertreiber von der Neuregelung betroffen?

Im Wesentlichen müssen sie sicherstellen, dass sie ausschließlich RoHS-konforme Produkte vertreiben und den Behörden auf Verlangen alle relevanten Unterlagen vorlegen können. Importeure müssen zusätzlich ihre Kontaktadresse auf dem Produkt anbringen. Wenn Importeure oder Vertreiber Produkte unter ihrem eigenen Namen bzw. ihrer eigenen Marke in Verkehr bringen, unterliegen sie sogar den identischen Pflichten wie ein Hersteller. Sie übernehmen also die volle Produktverantwortung und müssen die Konformitätsbewertung eigenverantwortlich durchführen.

Die RoHS-relevanten Stoffe und die Grenzwerte sind aktuell noch dieselben wie bisher. Welche Änderungen stehen im Hinblick auf den Geltungsbereich der RoHS an?

Es ist richtig, dass sich bei den RoHS-relevanten Substanzen nichts geändert hat. Jedoch sind ab Juli 2014 weitere Stoffverbote möglich – auf der Kandidatenliste stehen beispielsweise die Phthalate DEHP, DBP und BBP. Was die Produktkategorien angeht, wird der Geltungsbereich der RoHS von 2014 an stufenweise ausgeweitet: Auch medizinische Geräte und Überwachungs- und Kontrollinstrumente fallen dann unter den Anwendungsbereich der Verordnung. Spätestens 2019 unterliegen alle Elektro- und Elektronikgeräte, die von elektrischen Strömen oder elektromagnetischen Feldern abhängig sind, der neuen RoHS-Richtlinie.

Gibt es weiterhin Ausnahmen für spezifische Verwendungszwecke?

Für bestimmte Anwendungsfälle gibt es weiterhin Ausnahmen von den einzelnen Stoffverboten. Allerdings sind diese jetzt zeitlich beschränkt. Dies kann zur Folge haben, dass Produkte, die zum Serienstart noch RoHS-konform waren, zum Zeitpunkt des Inverkehrbringens den Anforderungen nicht mehr genügen. Auch die Prozedur zur Genehmigung von Ausnahmen hat sich geändert.

Was sind die zentralen Punkte bei der Umsetzung der RoHS II?

Zum Konformitätsbewertungsverfahren gehören nicht nur Messungen der RoHS-relevanten Substanzen und entsprechende Kontrollen. Ein zentraler Bestandteil der Vorschrift ist die Erstellung der bereits erwähnten technischen Dokumentation entsprechend der harmonisierten Norm EN 50581. Darüber hinaus muss eine zuverlässige Qualitätssicherung in der Serienfertigung gewährleistet sein, die u. a. Wareneingang, Produktion und Logistik betrifft. Dazu gehört z. B. die Kontrolle der Fertigungshilfsstoffe wie Lot oder, um beim Beispiel Löten zu bleiben, die Einrichtung getrennter Lötstraßen für RoHS-relevante Komponenten. Und nicht zuletzt müssen interne Fertigungskontrollen installiert werden. Weil unterschiedlichste Unternehmensbereiche von den Änderungen betroffen sind, ist es sinnvoll, die mit der Umsetzung betrauten Mitarbeiter entsprechend zu schulen. Wir bieten neben unseren Beratungsleistungen im Rahmen unserer Reihe »Compliance Talks« regelmäßig entsprechende Seminare, auf Wunsch auch mit individueller Schwerpunktsetzung und inhouse.