Obsolescence Management durch den EMS Den Finger in die Wunde legen

Das Interesse für das Obsolescence-Management bewegt sich bei EMS-Kunden zwischen Unverständnis, billigendem Inkaufnehmen und – das wäre dann der Idealfall – echtem Problembewusstsein. Und das wollen die im ZVEI organisierten EMS-Firmen auf breiter Front schärfen.

Wenn es um die Verfügbarkeit von Bauteilen geht, ist ein EMS an vielen Punkten sehr gut und oft sogar besser informiert als seine Kunden. Der EMS ist für den Produktlebenszyklus verantwortlich und kauft in mittlerweile über 90 Prozent auch die Komponenten ein. Beigestelltes Material ist heute eher selten. Insofern schlägt auch die Obsolescence-Thematik in der Lieferkette unmittelbar auf den EMS durch.

Aus diesem Grund hat die  ZVEI-Arbeitsgruppe „Services in EMS“ vergangenes Jahr ihre Initiative zum Obsolescence-Management vorgestellt. Wie bei den Vorgänger-Initiativen der Services in EMS gibt es auch diesmal wieder eine Broschüre, die das Thema übersichtlich zusammenfasst. »Damit haben wir ein wichtiges Papier geschaffen, das allen Kollegen einen Überblick bietet, worum es beim Obsolescence-Management geht«, unterstreicht Ulrich Ermel, Geschäftsbereichsleiter Embedded von TQ und Vorsitzender der COG Deutschland. Die Broschüre fasst die wichtigen Punkte bewusst kurz und prägnant zusammen. »Eine kurze Broschüre wird auch gelesen und hilft, die Aufgaben und Herausforderungen für die EMS-Branche richtig einzuschätzen«, ergänzt Johann Weber, Vorstandsvorsitzender von Zollner Elektronik. Und eben für diese Herausforderungen will die Initiative laut Velmeden auch die oberste Management-Ebene beim Kunden sensibilisieren: »Wir wollen bewusst machen, dass ein Risiko bleibt und die Verlagerung von Risiko stattfindet.« 

Der OEM übergibt auch beim Obsolescence Management immer mehr Verantwortung an den EMS. Die Aufmerksamkeit für das durchaus Kritische ist laut Velmeden aber bisher nicht in der Breite vorhanden. Das mag vor allem daran liegen, dass weder die Auftragsfertigung noch das Obsolescence Management ein Produkt ist, das man leicht einstufen, einpreisen und kaufen kann, sondern eine Dienstleistung, die stillschweigend hingenommen oder vorausgesetzt wird oder aber komplett ignoriert bzw. für unnötig erachtet. »Hier geht es aber darum, dass Sie kein standardisiertes Produkt kaufen, sondern eine Verzahnung stattfinden muss in der Supply Chain«, fordert Velmeden. 

Die Aufmerksamkeit auf das Thema ist noch nicht homogen. Es gibt nach den Erfahrungen der EMS-Unternehmen „solche und solche“ Kunden: Die einen kaufen eine EMS-Leistung wie ein Produkt, die anderen binden den EMS als externe Abteilung mit ein. 

Welche Bedeutung die Auftragsfertigung für ein Unternehmen hat, hängt insgesamt von dessen Denkweise ab. Der Kundenkreis eines EMS ist oft umfangreich und völlig unterschiedlich, wie Anke Bartel berichtet, Kundenteamleiterin der BMK Group. »Es gibt Kunden, die wollen bewusst mit uns an Konzepten des Obsolescence-Managements arbeiten. Auf der anderen Seite haben wir Kunden aus dem Maschinenbau, die bei uns eine Black Box einkaufen, und die muss ohne Wenn und Aber funktionieren. Der Kunde lässt extern entwickeln, wir bekommen eine Stückliste und sind mit der Fertigung beauftragt. Wenn ich diese Kunden mit PCNs oder Abkündigungen konfrontiere, dann stoßen wir auf Unverständnis.« Genau solche Kunden soll die Initiative auf die Probleme oder, besser gesagt, auf die positiven Möglichkeiten hinweisen, die pro-aktives Obsolescence-Management einem Unternehmen eröffnet. 

Ein Problem, das auch das Obsolescence-Management betrifft, ist die Tatsache, dass jeder Akteur in der Lieferkette das Problem gerne an den Nachgelagerten in der Kette weiterschiebt, und damit kommt es schnurstracks beim EMS „unten“ an. Doch die Risikoverlagerung des Obsolecence-Managements in Richtung des EMS ist mitnichten trivial – und vor allem aus rechtlicher Sicht unter Umständen eine Stolperfalle: Mit der Auslagerung an den EMS geht natürlich zwangsläufig einher, dass man als Auftraggeber etwas die Kontrolle über das Obsolescence-Management seines Produktes verliert. Niemand hat es also exakt in der Hand, ob der EMS Zulieferbauteile bzw. Komponenten bezieht, in denen wiederum Komponenten abgekündigt werden, wie etwa bei Subsystemen oder Modulen. Besonders evident wird das Problem, wenn die Akteure in der Lieferkette nicht zusammenarbeiten oder nicht kommunizieren. Dabei muss jedem wohl bewusst sein, dass es in der Supply Chain sogar rechtlich gesehen die Pflicht gibt, zusammenzuarbeiten. Dessen sollten sich die Akteure bewusst sein, wenn sie glauben, durch die Risikoverlagerung an den nächsten wäre das Problem vom Tisch. (zü)