EMS-Forum, Teil 2: Technisch haben die Billigregionen längst aufgeholt Bleibt Deutschland ein attraktiver EMS-Standort?

Wie kann der EMS-Standort D/A/CH gegen die Billigkonkurrenz aus Asien und Osteuropa bestehen? Künftig werde man noch genauer prüfen müssen, welche Produkte hier gefertigt werden können und wann sich die Produktion im Ausland lohnt, meint die Diskussionsrunde.

Kritik hagelt es bei den Rahmenbedingungen, die der Gesetzgeber den EMS-Firmen mit der Doppelbesteuerung aufbürdet: »Dieses Gesetz schadet dem Technologiestandort Deutschland«, erklärt Johann Weber, Vorstandsvorsitzender, Zollner Elektronik. Die in Mitteleuropa weit verbreitete Annahme, dass eine Niedriglohn- Region wie China nur Produkte fertigen kann, die keinen hohen technischen Anspruch stellen, ist falsch. Auch in den Billigregionen gibt es Fabriken, die mindestens auf demselben Stand der Technik sind wie hiesige – oder sogar noch besser ausgestattet. Technisch steht die Konkurrenz aus den Niedriglohn- Regionen also nicht nach, wodurch kann die EMS-Branche hierzulande in Zukunft punkten? Es komme darauf an, so Dr. Uwe Schmidt-Streier, Geschäftsführer Flextronics SBS, dass man die Produkte wählt, die in Deutschland – und das gilt ebenfalls für Österreich und die Schweiz – zu den gegebenen Konditionen fertigbar sind bzw. Produkte, die in Markt- und/oder Entwicklungsnähe zum Kunden produziert werden müssen. »Und das spricht weniger für die Flachbaugruppe als für ein gesamtes System, das man ab Losgröße 1 kundenspezifisch konfigurieren muss.«

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Bleibt Deutschland ein attraktiver EMS-Standort?

Wie kann der EMS-Standort D/A/CH gegen die Billigkonkurrez aus Asien und Osteuropa bestehen?

In solchen Produkten liegt nach Meinung von Schmidt- Streier die Zukunft für den EMS-Standort Deuschland. Die Globalisierung ist auch an den deutschsprachigen EMS-Firmen nicht spurlos vorüber gegangen. Ausschließlich in Deutschland produzieren mittlerweile nur noch die wenigsten EMS-Firmen. Viele haben zumindest Partner in den Low-Cost- Countries Osteuropas oder Asiens, um bei Bedarf dorthin verlagern zu können. So ein Bedarf entsteht zum Beispiel, wenn der EMS-Kunde stark exportorientiert ist. Dann ist es von Vorteil, wenn die Waren für den Zielmarkt auch gleich im entsprechenden Land produziert werden, um etwa teure Einfuhrzölle, wie sie China erhebt, von vorneherein zu umgehen. »Das ist für uns der eigentliche Hauptgrund, warum wir im Ausland produzieren, und nicht der Kostenaspekt«, erklärt Oliver Behrendt, Geschäftsführer, Sumida EMS.

»Das Gesetz der Doppelbesteuerung schadet dem Standort Deutschland«

Einige EMS-Firmen, wie Lacroix Electronics, arbeiten nach dem Tandemprinzip: Dabei erfolgen die Fertigung von Muster- und Vorserien und der Serienanlauf in Deutschland, anschließend wird in ein Low- Cost-Country verlagert. Bei solchen Konzepten lauern für die Kunden allerdings Fallstricke, bedingt durch das Gesetz der Doppelbesteuerung, das in Deutschland seit 2007 in Kraft ist. »Dieses Gesetz ist absolut schädlich für den Technologie- und Produktionsstandort Deutschland«, mahnt Johann Weber, Vorstandsvorsitzender, Zollner Elektronik. Denn es führe dazu, so Weber, dass auch Teilaufträge wie die Entwicklung oder der Serienanlauf, ins Ausland verlagert werden, um eine Doppelbesteuerung zu umgehen. »Hier muss der Staat handeln, um den Standort Deutschland langfristig zu sichern.« China beispielsweise ist wesentlich restriktiver und darauf bedacht, dass die Wertschöpfung in der Produktion zum größten Teil im eigenen Land bleibt – ansonsten sind Zuschläge fällig bzw. werden Importe mit Einfuhr-Zöllen und -Steuern belegt. Deutlich wird in der Runde aber auch, dass die EMS-Branche unabhängig von den politischen Rahmenbedingungen selbst an ihren Alleinstellungsmerkmalen arbeiten muss, um künftig konkurrenzfähig zu bleiben.

Neben der hohen Produktqualität sind vor allem die zusätzlichen Leistungen wie Engineering und Entwicklungsunterstützung ein Entscheidungskriterium für den EMS-Dienstleister. (Mehr dazu lesen Sie im Beitrag »Wir sind weit mehr als nur Fertiger «.) In Sicherheit wiegen dürfe sich die Branche auf keinen Fall, warnt Andreas Brenner, Geschäftsführer, Seidel Electronics. Vor allem die hohe Exportquote lässt Brenner skeptisch in die Zukunft blicken: »Für die hiesigen Entscheidungsträger wird es zunehmend schwer werden, Argumente für europäische Werke zu finden, denn es macht eigentlich keinen Sinn, eine Ware, für die das Rohmaterial aus Asien kommt, bei uns zusammenzubauen und dann die wieder in den Export und vielleicht wieder in denselben Markt zurückzuliefern, wo das Rohmaterial herkommt. Schließlich stammen bereits 90 Prozent der nackten Leiterplatten aus China – warum also nicht auch gleich die bestückte Leiterplatte?«

Diesem Szenario will Wolfgang Peter, Geschäftsführer von Vierling, nicht zustimmen. Er weist dabei auf den Anfang der Diskussion hin: »Vor dem Hintergrund, dass immer weniger verbindliche Stückzahlzusagen gemacht werden, werden die Kunden auch künftig lieber mehrere Produktionslose mit kleineren Stückzahlen an einen mitteleuropäischen Fertiger geben, als riesige Volumen von beispielsweise 50.000 Stück in Asien zu platzieren. Und das spricht wiederum für den Standort Deutschland.«