Interview Asteelflash zieht Bilanz nach der Übernahme von EN

Gilles Benhamou (li.) und Hans Magon (re.), Asteelflash
Markt&Technik sprach mit Gilles Benhamou (li.) und Hans Magon (re.), Asteelflash im Exklusiv-Interview.

Vor zehn Monaten hat der französische EMS-Konzern Asteelflash die deutsche EN ElectronicNetwork Gruppe übernommen. Mit rund 6000 Mitarbeitern ist Asteelflash jetzt der zweitgrößte EMS in Europa und rangiert weltweit unter den Top 20. Gilles Benhamou, CEO von Asteelflash, und Hans Magon, Geschäftsführer Asteelflash Deutschland und Osteuropa, ziehen Bilanz.

Welche organisatorischen Änderungen gab es aufgrund der Übernahme im Konzern?

Gilles Benhamou: Alle Gesellschaften der ehemaligen EN ElectronicNetwork AG sind jetzt Teil der Asteelflash Germany GmbH, die eine hundertprozentige Tochter der Asteelflash Group ist. Verantwortlich für Asteelflash in Deutschland und Osteuropa ist seit 1. April 2013 Hans Magon. Er ist selbst Deutscher, kennt den deutschen Markt sehr gut und wird somit unser Unternehmen lokal repräsentieren. Es ist uns sehr wichtig, dass die Beziehung zwischen unseren Kunden und Asteelflash lokal weiterentwickelt wird.

Das EN Branding verschwindet also vom Markt?

Gilles Benhamou: Definitiv. Wir sind ein weltweit agierendes Unternehmen und nicht nur eine Kooperation lokaler Firmen.

Hans Magon: Kunden, für die wir international produzieren, können von jedem unserer weltweiten Standorte die gleiche Qualität, stabile Prozesse und einen sehr guten Service erwarten. Das geht aber nur durch eine voll integrierte Deutschland- und Osteuropa-Division.

Derzeit sind aber noch nicht alle EN-Gesellschaften in Deutschland in die Asteelflash-Struktur integriert.

Hans Magon: Unsere beiden Gesellschaften in Hamburg - die EN Entwicklungsgesellschaft und die EN Hamburg - wurden im ersten Schritt nicht in »Asteelflash« unbenannt. Begründet ist dies in der Spezialisierung dieser Gesellschaften. Die Synergie- und Potenzial-Analysen zur Asteelflash Gruppe müssen sehr sorgfältig durchgeführt werden. Wir wollten hier ausdrücklich nicht überstürzt handeln und somit Kernkompetenzen sichern.

Was gab für EN den Ausschlag, sich nach einem Käufer umzusehen?

Gilles Benhamou: EN hatte eine große Schwäche: Es gab keinen weltweiten Footprint, um ihre lokal präsenten, jedoch international agierenden Kunden zu unterstützen. Wir geben den in Deutschland ansässigen Kunden jetzt die Möglichkeit, weltweit zu produzieren, in den USA oder Mittelamerika genauso wie in China. Wir bieten globale Dienstleistungen und Präsenz, die EN vorher nicht hatte. So haben wir zum Beispiel im Automotive-Bereich Projekte mit französischen und deutschen Automobilherstellern, denen wir auch die Möglichkeiten bieten können, in Mexiko zu fertigen.

Hans Magon: Die Übernahme der EN durch Asteelflash generiert nicht nur neue Potenziale durch Synergien, sondern auch wesentliche Möglichkeiten zum weiteren Ausbau der Bestandskunden. Sowohl unsere Kunden wie auch Interessenten schätzen das Leistungsangebot und die Möglichkeiten, die Asteelflash nun bietet.

Ist China also weiterhin attraktiv für deutsche und europäische Kunden?

Gilles Benhamou: China ist nicht unbedingt wegen der niedrigeren Kosten attraktiv, aber viele Firmen müssen in China produzieren, aufgrund des Prinzips »local for local«.

War der Markteintritt in Deutschland für Asteelflash das ausschlaggebende Argument für die Übernahme?

Hans Magon: Asteelflash bewertete den deutschen Markt als sehr interessant, sah insbesondere die aus der Übernahme resultierenden Wachstumsmöglichkeiten mit dem Kundenstamm der ehemaligen EN und brauchte zusätzlich eine Fabrik in Osteuropa. Somit gab es viele gute Argumente für die Übernahme.

Mit EN zählt Asteelflash nun zu den größten EMS-Unternehmen in Europa. Wollen Sie Ihren Footprint noch weiter ausbauen?

Gilles Benhamou: Mit EN werden wir natürlich weiter wachsen, und es werden neue Fertigungsstätten hinzukommen. In Pilsen werden wir gegen Ende des Jahres ein großes Werk eröffnen. Denn wir wollen in Tschechien deutlich wachsen und von den Produktionsverlagerungen unserer Kunden nach Osteuropa profitieren.

Hans Magon: Als Basis für den neuen Standort in Pilsen wird das bereits existierende Werk aus Dobrany dienen. Dobrany ist etwa 5 km von Pilsen entfernt. In Pilsen steht uns eine größere Fertigung mit etwa 4000 Quadratmetern zur Verfügung. Unser Wachstum für diesen Standort planen wir insbesondere auf der Basis von neuen in Osteuropa ansässigen Kunden und der Implementierung neuer Projekte aus dem bestehenden Kundenstamm.

Nimmt die Osteuropa-Verlagerung zu?

Hans Magon: Nein. Es gibt üblicherweise Aktivitäten, die man in Deutschland kaum kosteneffizient durchführen kann, das sind Leistungen, die künftig in Osteuropa erbracht werden. Werksschließungen im Westen Europas sind hierdurch selbstverständlich nicht geplant. Im ersten Schritt werden wir in Tschechien Montageaktivitäten durchführen, aber sehr schnell wird auch die gesamte Wertschöpfungskette dort angesiedelt sein.