Deutsche PCB-Industrie Abschied vom Massengeschäft

Fela hat frühzeitig neue Technologien aufgegriffen und sich neue Geschäftsfelder geschaffen.

Multek schließt im Herbst sein Werk in Böblingen mit 400 Mitarbeitern. Schoeller Electronics hat zum 1. März rund 40 Mitarbeiter entlassen, und der kleine Leiterplattenspezialist Rinde hat Insolvenz angemeldet. Nach der Konsolidierungsphase 2009 ist die deutsche PCB-Industrie erneut in Bedrängnis.

Die deutsche Leiterplattenindustrie leidet unter Dumping-Preisen aus Asien. Allerdings kommen durch die rückläufige Förderung der Photovoltaik und eine allgemeine Kürzung von Militärbudgets weitere Faktoren hinzu, die die Situation verschärfen. Schon 2012 mussten einige kleinere Leiterplattenhersteller Insolvenz anmelden oder wurden übernommen. Branchenexperten erwarten, dass sich die Welle der Insolvenzen in diesem Jahr weiter fortsetzt. Schuld an der Misere sind nach den Worten von Norbert Krütt, Geschäftsführer von Fela, aber auch die Leiterplattenhersteller selbst, weil sie wenig Innovationsfreude und Risikobereitschaft gezeigt hätten. »Die Leiterplattenhersteller haben sich in den letzten Jahren wie eine Horde Lemminge verhalten. Alle rannten in dieselbe Richtung - höhere Lagen, feinere Strukturen, kleinere Bohrdurchmesser - vielleicht noch ein zwei Sondertechniken wie Starflex oder Flex. Nur - jetzt sind wir an der Klippe angekommen. Bis 2020 wird es keine 50 Leiterplattenhersteller in Deutschland mehr geben.«

Angesichts der aktuellen Entwicklung ist diese Prognose nur allzu wahrscheinlich: 2005 gab es in Deutschland immerhin noch 93 PCB-Hersteller, 2012 nur noch 76. Davon bewegen sich in der Umsatzklasse 10 bis 50 Millionen Euro 16 Hersteller, und nur noch sechs Hersteller rangieren in der Umsatzklasse größer als 50 Millionen. Das verwundert auch nicht, denn gerade beim Massengeschäft ist die Konkurrenz aus Asien besonders dominant. Asiatische - allen voran chinesische - Leiterplattenhersteller sind, wenn es um Standardware geht, oft deutlich billiger als die hiesigen Hersteller. Das liegt nicht nur an den niedrigeren Standortkosten. Brancheninsider mutmaßen, dass die chinesische Regierung der Branche kräftig unter die Arme greift. Insofern dürfte es mittelfristig unmöglich sein, das klassische PCB-Massengeschäft in Deutschland zu halten, wie das Beispiel Multek zeigt: Mit Multek hat sich der Fertigungskonzern Flextronics vor einigen Jahren eine eigene Leiterplattenfertigung zugekauft. Das Böblinger Werk ist hoch automatisiert und fertigt in der Hauptsache Leiterplatten für PCs. Vermutlich wird diese Fertigung nun in die Multek-Werke nach Asien transferiert. Als Grund für die Standortschließung gibt Multek wirtschaftliche Gründe an. Details nennt der Konzern nicht, betont aber, dass andere Flextronics-Werke in Deutschland nicht betroffen seien.   

Aber nicht nur die Volumenproduzenten der höheren Umsatzklasse wie Multek haben es in Deutschland schwer, auch die kleinen PCB-Betriebe sind akut bedroht, weil viele von ihnen nicht den finanziellen Hintergrund haben, um sich durch technische Innovationen und neue Prozesstechnik von der Masse abzuheben. So musste Anfang Februar der Remscheider Leiterplattenspezialist Rinde Regeltechnik Insolvenz anmelden, weil die Januargehälter nicht mehr zu bezahlen waren. Laut Medienberichten sucht der Insolvenzverwalter nach Investoren, die das Unternehmen übernehmen. Der Investor müsste aber erst mal auch in neue Maschinen investieren.