Component Obsolescence Group 10 Jahre Kampf gegen die Obsoleszenz

Ulrich Ermel, COG
»Eine der wichtigsten Veränderungen ist sicherlich, 
dass heute wesentlich bewusster und offener mit der Obsolescence-Problematik umgegangen wird 
als noch vor 10 Jahren. Dass das Problem nicht mehr nur hinter vorgehaltener Hand, sondern auch öffentlich 
diskutiert wird, finde ich enorm wichtig.«
Ulrich Ermel, COG: »Eine der wichtigsten Veränderungen ist sicherlich, dass heute wesentlich bewusster und offener mit der Obsolescence-Problematik umgegangen wird als noch vor 10 Jahren. Dass das Problem nicht mehr nur hinter vorgehaltener Hand, sondern auch öffentlich diskutiert wird, finde ich enorm wichtig.«

Vor 10 Jahren trafen sich 26 Abgesandte deutscher Unternehmen zur Gründung der Component Obsolescence Group (COG) Deutschland. Inzwischen zählt der Non-Profit-Industrieverband knapp 130 Mitglieder, und das Obsolescence-Thema ist brisanter denn je, wie Vorstandsvorsitzender Ulrich Ermel betont.

Markt&Technik: Was hat sich in den
letzten 10 Jahren in punkto Obsolescence Management aus Ihrer Sicht verändert?
Ulrich Ermel: Eine der wichtigsten Veränderungen ist sicherlich, dass heute viel bewusster und offener mit der Obsolescense-Problematik umgegangen wird als noch vor 10 Jahren. Dass das Problem nicht mehr nur hinter vorgehaltener Hand, sondern auch öffentlich diskutiert wird, finde ich enorm wichtig, denn für Unternehmen, die langlebige Geräte oder Anlagen fertigen, wird das Thema definitiv weiter an Brisanz gewinnen. Schon heute ließen sich mit Maßnahmen bei der Produktplanung oft bis zu 50 Prozent der über den gesamten Lebenszyklus eines elektronisch gesteuerten Systems anfallenden Kosten sparen, wobei diese durch Obsolescence verursachten direkten und indirekten Kosten in Zukunft noch weiter steigen dürften. Umso wichtiger finde ich, dass in der Component Obsolescence Group inzwischen über 130 verarbeitende Unternehmen, Bauteilehersteller und Dienstleister gemeinsam nach Wegen suchen, wie sich Obsolescence-Risiken verringern und etwaige Folgen abmildern lassen. Dieser kontinuierliche Informations-, Erfahrungs- und Know-how-Austausch ist für viele unserer Mitglieder längst zum unentbehrlichen festen Bestandsteil ihres Obsolescence Managements geworden. Bis zur Einführung eines professionellen Obsolescence Managements in jedem Industrieunternehmen ist es allerdings sicherlich noch ein langer Weg.

Viele »langlebige« Branchen wie Medical oder Bahntechnik und deren Zulieferer kämpfen allerdings noch immer mit Abkündigungen – warum ist das so?
Das liegt in der Natur der Sache. In Bereichen wie der Bahntechnik, der Luftfahrt oder beispielsweise auch bei Offshore-Windkraftanlagen diskutieren wir über Bevorratungszeiträume von 20, 30 oder mehr Jahren. Je länger der Lebenszyklus eines Gerätes oder einer Anlage, desto schwieriger und aufwendiger wird es natürlich, sich angemessen auf alle Eventualitäten vorzubereiten. Über so lange Zeiträume hinweg wird es zwangsläufig immer zu Abkündigungen einzelner Bauteile oder -gruppen kommen. Umso wichtiger ist es, sich schon in der Planungsphase zu überlegen, welche zusätzlichen Kosten dadurch mit Blick über die gesamte Betriebszeit auflaufen könnten, Stichwort »Total Cost of Ownership«.

Große Zulieferer haben gesonderte Verträge mit ihren Lieferanten – kleine haben das Nachsehen.
Gibt es beim Obsolescence-Management eine sprichwörtliche Zwei-Klassen-Gesellschaft?
Jein. Es ist kein Geheimnis, dass manche Halbleiterhersteller bei hoher Nachfrage oft über viele Jahre ganze Linien oder sogar Fabs für bestimmte Schlüsselkunden oder -produkte reserviert haben. Aber so ist das eben mit dem völlig legitimen Prinzip von Angebot und Nachfrage. Angesichts der inzwischen in vielen Bereichen extrem hohen F&E-Aufwendungen steigt für Halbleiterhersteller natürlich der Druck, nicht mehr ganz so rentable Produkte schneller von der Linecard zu nehmen, und die Leidtragenden sind hier eben vor allem kleinere Unternehmen.

Einige Firmen – wie ja auch zum Beispiel Ihr Arbeitgeber TQ – versuchen bereits, nach Obsolescene-Gesichtspunkten zu designen?
Wir versuchen, unser Bestes zu geben. Zumindest bei eigenen Produkten wird bei TQ schon seit über fünf Jahren unter anderem auch nach Obsolescence-Gesichtspunkten entwickelt. Das funktioniert allerdings nur, weil sich bei uns die für Einkauf und Entwicklung Verantwortlichen schon in der Evaluierungsphase gemeinsam an einen Tisch setzen und zudem weitestgehende Transparenz über die Performance der potentiellen Lieferanten herrscht. Andere Unternehmen haben hier vielfach noch etwas Nachholbedarf. 

Warum springen nicht mehr Firmen auf diesen Zug auf? Kostet ein Design nach Obsolescence-Gesichtspunkten mehr?
Zumindest für Geräte und Anlagen mit langen Lebenszyklen ist ein Design nach Obsolescence-Gesichtspunkten erfahrungsgemäß immer die bessere, weil unter dem Strich kosteneffizientere Alternative. Dass bislang trotzdem nicht mehr Firmen auf diesen Zug aufspringen, liegt unter anderen wohl auch daran, dass die Gesamtkostenbetrachtung, bezogen auf den Lebenszyklus eines Produktes, in vielen Unternehmen leider nach wie vor eine eher untergeordnete Rolle spielt. Was erst mal zählt, sind eine möglichst kurze Entwicklungszeit und damit einhergehend möglichst geringe Entwicklungskosten. Professionelles Obsolescence-Management hingegen basiert auf Nachhaltigkeit darauf, dass sich die anfänglich vielleicht maximal 5 bis 10 Prozent höheren Kosten eines Designs nach Obsolescenece-Abwägungen über die gesamte Laufzeit mehr als überkompensieren und ein frühes Return of Investment erfolgt.