Interview Welche Chancen bietet Power over Ethernet?

Rainer Schmidt, Harting
»Das Ziehen unter Last des Steckverbinders ist bei der nächsten Generation von Power over Ethernet kritisch, da dabei der Stecker oder die Buchse beschädigt werden können.«
Rainer Schmidt, Harting: "Power over Ethernet lässt sich wie ein Dienst auf der Leitung betrachten, über den man z.B. Geräte ferngesteuert vom Netz nehmen kann."

Konnten Endgeräte bislang mit 15 oder 25 Watt über die Datenverkabelung versorgt werden, so zeichnet sich nun eine Übertragung bis 100 Watt ab. Was das bedeutet, erläutert Rainer Schmidt, Chairman ISO/IEC JTC 1/SC 25 und Business Development Manager Industrial Cabling von Harting Electronics.

Markt&Technik: Der Einsatz von Power over Ethernet – einer bewährten Technologie – nimmt aktuell zu, auch im industriellen Umfeld. Was sind dafür die Gründe?

Rainer Schmidt, Harting: Die Gründe liegen auf der Hand. Geräte werden kleiner und benötigen immer weniger elektrische Leistung. PoE kann die Versorgung übernehmen; der Anwender spart dadurch die Anschaffung und Installation von beispielsweise 230-V-Versorgungen und Netzteilen. Gleichzeitig lässt sich die kombinierte Übertragung von Daten und Versorgungsspannung mit Power over Ethernet unter Einhaltung einiger Eckpunkte sehr einfach realisieren. Im Vergleich zu anderen, komplexen Hybridlösungen ist Power over Ethernet kostengünstiger. Nicht zuletzt spielt auch das Thema „Smart Technologies“ eine Rolle, weshalb die Nachfrage nach PoE-Lösungen steigt.

Welche Bedeutung hat Power over Ethernet heute z.B. in industrieller Umgebung?

In welchem Umfang PoE eingesetzt wird, hängt primär auch vom Angebot an PoE-fähigen Geräten ab. In der Vergangenheit hat man oft bei Bedarf PoE mittels Midspan-Technik „nachgerüstet“. Das Ganze war aber erklärungsbedürftig und damit aufwändig. Heute greifen Anwender am liebsten auf Plug&Play-Lösungen zurück. Durch die voranschreitende Standardisierung – zum Beispiel IEEE 802.3af und at – sowie das breite Angebot an PoE-fähigen Switches und Geräten ist das mittlerweile problemlos möglich.

Industrie-Switche werden zunehmend mit PoE-fähigen Ports ausgerüstet und die Palette der PoE-fähigen Geräte steigt ständig. Bisher waren das Access Points, Prozesskameras, intelligente Netzknoten und Steuerungen. Jetzt kommen vermehrt auch Sensoren und Aktoren hinzu, die das System des »Remote Powering« nutzen. Mit der Ablösung der Bus-Technik durch Ethernet – und diesbezüglich sei auch das aufkommende einpaarige Ethernet T1 genannt – wirkt PoE hier wie ein Katalysator für die technische Entwicklung.

Können Sie den Vorteil des »Remote Powering« näher erläutern?

Power over Ethernet lässt sich wie ein Dienst auf der Leitung betrachten. Und über diesen Dienst kann man sehr einfach Geräte ferngesteuert und wirklich Hardware-mäßig von Netz nehmen, durch einfaches Abschalten von PoE. Bei der Fehlersuche sowie unter Sicherheitsaspekten kann das von immensem Vorteil sein. Wichtig ist, dass wir das Thema nicht auf Ethernet bzw. den Namen PoE reduzieren, denn Remote Powering greift weiter. Auch das neue Verfahren T1 für die Übertragung von Ethernet über ein Adernpaar (100Base T1, 1000Base T1) kann mit Remote Powering arbeiten. Hier spricht man dann von PoDL, also Power over Data Line.

Die nächste Generation von Power over Ethernet steht in den Startlöchern. Wie groß ist der Leistungssprung?

Grob gesagt liefert PoE bereits heute elektrische Leistungen bis 15W, 25W bzw. künftig 55W. Die Details sind immer auch den Gerätebeschreibungen zu entnehmen, denn im
Einzelfall kann die zur Verfügung stehende elektrische Leistung kleiner sein, als in den dazugehörigen IEEE-Normen beschrieben. Für den größten Teil der heutigen und zukünftigen Anwendungen ist das ausreichend. Nichts
desto trotz wird derzeit über PoE-Leistungen von 90 bis 100 W diskutiert.

Benötigt die Industrie diese enorme Leistungssteigerung überhaupt?

Die Diskussion ist stark von Überlegungen zur erweiterten Nutzung der strukturierten Gebäudeverkabelung nach ISO/IEC 11801 bzw. EN 50173 geprägt. Dabei geht es weniger um die Deckung eines erhöhten Leistungsbedarfs von Endgeräten wie einem Laptop. Denn dort, wo sich ein Laptop befindet, findet sich meist auch eine Steckdose zum Laden. Es geht vielmehr um die Versorgung zusätzlicher Dienste mit Energie, z.B. die Beleuchtung. Ganze Branchen um die LED-Technik herum machen sich heute Gedanken, wie die Beleuchtung möglichst intelligent und gleichzeitig Energie-sparend in Gebäuden einzusetzen ist. Wenn also zukünftig ein 60-W-Leuchtmittel durch eine 7-W-LED mit integrierter Hotspot-Funktion ersetzt wird; wozu dann noch kilometerweit schwere 230-V-Leitungen verwenden, wenn es doch die strukturierte Gebäudeverkabelung ebenso tut?