Electronic Packaging MicroTCA: Top oder Flop?

MicroTCA-Testsystem mit Rear I/O von Schroff

Im Juli 2006 hat die PICMG die grundlegende Spezifikation für MicroTCA ratifiziert. Heute, fast vier Jahre später, lässt sich ein erstes Fazit ziehen. Und dieses fällt aus Sicht der »Electronic Packaging«-Unternehmen sehr unterschiedlich aus.

Sie baut klein, sie ist skalierbar und sie reduziert die Total-Cost-of-Ownership. Diese Eigenschaften sollten der Systemarchitektur MicroTCA ein breites Interesse bescheren, auch außerhalb des Telekommunikationsmarkts. Auf der Plusseite stehen außerdem eine hohe Verfügbarkeit und - ganz wesentlich - die Zukunftsfähigkeit dank serieller Punkt-zu-Punkt-Übertragung. Doch reicht das aus, um sich am Markt durchzusetzen?

Christian Ganninger, Produktmanager Systeme der Unternehmensgruppe Pentair Technical Products, zu der auch Schroff gehört, zieht insgesamt eine sehr positive Bilanz: »Unsere Erwartungen haben sich definitiv erfüllt!« Dass die Einführung nicht von heute auf morgen vonstatten geht, war von vornherein klar. Denn MicroTCA ist eine sehr komplexe Systemarchitektur.  Neben einigen Projekten, die bereits weltweit laufen, beobachtet Christian Ganninger derzeit viele Projektstarts, entweder noch in der Nullserien-Phase oder in der Erst-Serie. Zu den Anwendern, die MicroTCA sehr früh angenommen haben, gehören beispielsweise Kunden aus dem Bereich Test& Measurement in der Telekommunikation, vorwiegend im Wireless-Segment. »Auch Kunden aus dem Audio/Video-Broadcast-Bereich zeigen großes Interesse«, berichtet Christian Ganninger.

Simon Becht, Leiter Vertrieb & Marketing der Polyrack Tech-Group, kann derzeit dagegen keine große Dynamik am Markt feststellen. »Die Architektur ist auf komplexe Anwendungen zugeschnitten und in dieser Welt hat sie ihre Berechtigung. Im Umfeld außerhalb dieser Umgebung räume ich MicroTCA nur sehr geringe Chancen ein.« Von seiner Grundstruktur her sei der Standard laut Simon Becht so ausgelegt, dass er viele Kunden dazu zwingt, bekannte und bewährte Pfade zu verlassen. »Neue Plattformen wie CompactPCI Serial sind mehr an der Breite der Kundenanforderungen ausgerichtet. Daher haben sie meiner Meinung nach das Potenzial dort hinzukommen, wo MicroTCA ursprünglich hinwollte.« Ähnlich sieht das auch der Experte aus dem Hause apra-norm. Vertriebsleiter Thomas Ostermann betont: »Ein halber Schritt zurück ist für den Kunden sicherlich gut.«

Mit »CompactPCI Serial« wird die PICMG eine neuen Standard auf den Weg bringen, der auf der existierenden und bewährten CompactPCI-Plattform aufsetzt, aber dennoch den Trend zur seriellen Datenübertragung unterstützt – und das ohne(!) aufwändiges Hardwaremanagement.

Nicht von einer Verdrängung von MicroTCA, sondern einer Koexistenz beider Plattformen geht Christian Ganninger von Schroff/Pentair aus, »weil die Architekturen auf jeweils andere Aufgaben abzielen«. Für komplexe Kommunikations-Anwendungen, die etwa hohe Anforderungen an die Verfügbarkeit stellen, sei MicroTCA weiterhin das System der Wahl. »Deswegen, und wegen der Möglichkeit, über einen Remote-Rechner auf alle Funktionen des Systems zugreifen zu können, hat sich beispielsweise erst jüngst die »xTCA for ‚Physics working group’« geformt, die Ringbeschleuniger für Nuklearexperimente mit AdvancedTCA- und MicroTCA-Systemen ausstatten will«, so Christian Ganninger. »Mit CompactPCI Serial hingegen können wir dem Kunden zeigen, dass es auch eine Zukunft seiner Plattform jenseits der veralteten parallelen Busstruktur gibt.«