AVX Firmenkultur im Wandel

Alexander Schenkel, AVX (rechts) im Gespräch mit Engelbert Hopf, Chefreporter der Markt&Technik.
Alexander Schenkel, AVX (rechts) im Gespräch mit Engelbert Hopf, Chefreporter der Markt&Technik.

AVX ist wieder zu zweistelligen Zuwachsraten zurückgekehrt – eine Entwicklung, die Alexander Schenkel, General Manager Sales für Europe, Middle East & Africa,mit einem regelrechten Kulturwandel erklärt. Mehr denn je investiert AVX in die Ausweitung der Fertigungskapazitäten und in neue Technologien.

Zusätzlich zum organischen Wachstum setzt AVX in Zukunft auch auf Akquisitionen.

Markt&Technik: Herr Schenkel, AVX erholt sich offenbar hervorragend im Vergleich zum Geschäftsjahr 2014/15. Was sind für Sie die Hauptgründe dieser Entwicklung?

Alexander Schenkel: Wie die gesamte Bauelemente-Branche hatten auch wir in den letzten Jahren unter den rückläufigen Verkaufszahlen im Computer-Bereich zu leiden. Das führte dazu, dass unser Jahresumsatz, der Anfang dieses Jahrzehnts noch bei 1,5 Milliarden Dollar lag, in den Folgejahren erodierte. Im Geschäftsjahr 2015/16 betrug er dann schließlich 1,195 Milliarden Dollar. Diese Entwicklung konnte zuletzt nicht nur gestoppt, sondern sogar umgekehrt werden: Nach drei Quartalen des laufenden Geschäftsjahres haben wir schon ein Umsatzvolumen von 983 Millionen Dollar erreicht. 

Mit 340 Millionen Dollar lag das dritte Quartal Ihres laufenden Geschäftsjahres um 18,7 Prozent über dem Umsatz des Vorjahres. Der Aktienkurs hat ein 10-Jahres-Hoch erreicht. Wird sich diese Entwicklung fortsetzen?

Aktuell zeigt der Blick in die Auftragsbücher, dass die Bedarfe weiter steigen. Ein Abreißen des aktuellen Trends ist bisher nicht festzustellen. Auch das Distributionsgeschäft zeigt weiter eine steigende Entwicklung. Aktuell liegt der Anteil des Distributionsgeschäfts bei knapp 44 Prozent weltweit, in Europa ist dieser Anteil etwas geringer. Für uns bedeutet diese kontinuierlich steigende Nachfrage vor allem, dass wir sowohl unsere weltweit 22 Fabriken ausbauen als auch die Fertigungskapazitäten der einzelnen Linien erhöhen müssen. 

Offenbar ist es AVX gelungen, die Trendwende einzuleiten. Was hat sich im Vergleich zu den letzten Jahren geändert? 

Vor allen Dingen waren wir dafür bekannt, dass wir die Preise im Auge behielten. Man kann auch sagen, wir waren für Profitoptimierung bekannt. Letztlich hat das für einen Status-Quo gesorgt. Mit immer noch mehr als 1 Milliarde Dollar Umsatz und ohne Schulden waren wir ein sehr profitables Unternehmen, aber was sich daraus in Zukunft noch entwickeln könnte, lag nicht klar auf der Hand. Geändert hat sich das mit einem Führungswechsel: Seit dem 1. April 2016 leitet John Sarvis als CEO AVX. Mit ihm kam wieder eine gewisse Aufbruchsstimmung ins Unternehmen.

Nun ist John Sarvis ja kein Neuling bei AVX, er war von 2005 bis 2015 Vice President für keramische Produkte. Was läuft unter ihm anders als unter seinem Vorgänger?

Am deutlichsten wird das wohl an der Tatsache, dass sich inzwischen ein Vice President ausschließlich dem Thema Akquisitionen beschäftigt. Unsere letzten Akquisitionen datieren aus den Jahren 2007 im Fall von American Technical Ceramics, kurz ATC, und dem Jahr 2013, als wir das Tantalgeschäft von Nichicon übernommen haben. Mit Ausnahme dieser beiden Übernahmen verlief die Umsatzentwicklung bei AVX seit 1998 organisch! Unter Sarvis wurde aber auch wieder in den Ausbau der eigenen Vertriebsmannschaft investiert und das Sales-Team um fast ein Fünftel erhöht. 

Ist schon absehbar, in welchen Produktbereichen AVX sich durch Akquisitionen verstärken wird? Und welche Mittel stehen für diese Akquisitionsbemühungen zur Verfügung?

Es muss schon etwas sein, das zu uns passt, das uns technologisch, produkttechnisch oder auch vom regionalen Absatzmarkt her in erfolgversprechender Weise für die Zukunft ergänzt. Akquisitionen können auch in Richtung Halbleiter, Elektromechanik oder Sensorik möglich sein. Wenn es passt, wird es auch am Geld nicht scheitern. Wir sind schuldenfrei, unsere Kasse ist derzeit mit etwa 1,1 Milliarden Dollar gefüllt. 

Sie sprachen unter anderem von Sensorik. Folgt AVX damit einem Trend in der Branche der passiven Bauelemente, oder hat das auch damit zu tun, dass große Akquisitionen in Ihrer Branche an kartellrechtlichen Bedenken scheitern könnten?

Es ist sicherlich so, dass große Übernahmen innerhalb der Branche heute die Ausnahme sind. Es geht vielmehr um Portfolio-Ergänzungen. Gleichzeitig liegt mit dem heraufziehenden IoT-Zeitalter eine Präsenz im Sensorikbereich natürlich nahe. Hier gäbe es sicher viele Synergieeffekte zwischen dem Einsatz passiver Bauelemente und Steckverbinder auf der einen Seite und Sensorikkomponenten auf der anderen. Aber auch der Elektromechanik-Bereich bietet einem Unternehmen wie AVX interessante Möglichkeiten. Oder denken Sie an das Thema RF-Komponenten für das bevorstehende 5G-Netz. Es gibt also viele Möglichkeiten. Wir werden uns für die am besten zu uns passende entscheiden.

Neben Kondensatoren bietet AVX traditionell auch Steckverbinder an. Wo liegen aktuell die Stärken Ihres Unternehmens? Welche Bereiche könnten noch an Bedeutung gewinnen?

Wenn Sie die Zahlen der ersten drei Quartale des Geschäftsjahres 2016/17 betrachten, dann entfällt in Summe ein Umsatzvolumen von 656 Millionen Dollar auf den Bereich „Passive Bauelemente“. Größter Umsatzträger sind dabei die „Advanced Components“ mit 275 Millionen Dollar. Dicht dahinter liegen unsere Tantal-Kondensator-Aktivitäten mit 234 Millionen Dollar. Auf das Geschäft mit Keramikkondensatoren entfiel zuletzt ein Umsatz von 145 Millionen Dollar. Unser Steckverbinder-Geschäft schlug mit 87 Millionen Dollar zu Buche, und der Bereich KED, der Kyocera-Produkte beinhaltet, die wir über AVX außerhalb Japans verkaufen, trug 239 Millionen Dollar zum bisherigen Geschäftsjahresumsatz bei.