Murata Erfolgreich anders

Satoshi Sonoda, Murata (im Gespräch mit Chefreporter Engelbert Hopf):» MLCCs stellen nach wie vor unser Core-Business dar. Neben unseren weiteren Aktivitäten werden wir den Bereich MLCCs auch in Zukunft weiter ausbauen, und mit neuen Kondensatortechnologien unseren Ruf als „Capacitor House“ stärken.«

R&D-Investitionen von zuletzt jährlich zwischen 700 und 800 Millionen Dollar haben Murata eine fast 50-prozentige Erneuerung seines Produktportfolios ermöglicht. Laut Satoshi Sonoda, Executive Vice President und Head of Global Sales&Marketing, werden diese Anstrengungen noch intensiviert.

Im Zusammenspiel mit einer Reihe strategischer Akquisitionen und Kooperationen will Murata so in Zukunft neue Applikations- und Marktsegmente erschließen.

Markt&Technik: Herr Sonoda, unter Präsident Trump werden wieder Fertigungen in den USA präferiert. Stellt das für ein global agierendes Unternehmen wie Murata ein Problem dar?

Satoshi Sonoda: Nein, und zwar aus einem sehr einfachen, aber zugleich sehr speziellem Grund: Murata ist, auch wenn das erst mal komisch klingen mag, kein typisch japanisches Unternehmen. Wir erzielen aktuell über 93 Prozent unseres Konzernumsatzes außerhalb Japans. Auf unseren Heimatmarkt entfallen damit nur rund 7 Prozent des Konzernumsatzes. Wir sind aber nicht nur wirtschaftlich außerhalb Japans erfolgreich, wir produzieren auch dort. Unsere Devise lautete von Anfang an, nah am Kunden zu sein. Aus diesem Grund haben wir auch unser erstes Werk außerhalb Japans in den USA, in Atlanta, Georgia, eröffnet. Damals ging es übrigens um Keramikfilter für Autoradios. Auch in puncto Internationales Management, unterscheiden wir uns schon seit langem, von anderen japanischen Unternehmen. Der Anteil internationaler Mitarbeiter ist bereits hoch, und er wächst weiter kontinuierlich.

Nichts geändert hat sich im Gegenzug daran, dass Murata die Miniaturisierung im Bereich passiver Bauelemente wie MLCCs, Induktivitäten, oder Varistoren kontinuierlich weiter vorantreibt. Früher trieb die Consumerelektronik diese Entwicklung, was treibt Sie heute an?

Im Prinzip immer noch die Consumerelektronik, auch wenn es sich heute dabei im Gegensatz zu früher nicht mehr unbedingt UM Radios, Musikanlagen oder andere technische Geräte für den Zeitvertreib handelt, sondern immer mehr der Kommunikations- und Telekommunikationsaspekt hinzugekommen ist. Auch wenn der klassische Computer auf dem Rückzug ist: SmartPhones und Tablets haben in den letzten zehn Jahren die Miniaturisierung konstant vorangetrieben, wobei ich dazu sagen möchte, dass dazu auch der Trend zu hochintegrierten Modullösungen, etwa im Mobiltelefon-Bereich, entscheidend beigetragen hat. Neben Avago und dem sich bildenden Qualcomm-TDK-Joint-Venture sind wir im Bereich RF-Module inzwischen ein weltweit führendes Unternehmen.

Begonnen hat all das mit Keramikvielschichtkondensatoren. Seither hat sich Murata sowohl Produkt- als auch technologietechnisch enorm erweitert. Welche Bedeutung hat dieses Core-Business der MLCCs heute noch für Murata?

Es bleibt, wie Sie sagen, nach wie vor unser größtes Produktsegment, das zuletzt etwa ein Drittel unseres Konzernumsatzes ausmacht. MLCCs steht für unsere Unternehmens-DNA. Passive Bauelemente haben in Summe zuletzt etwa 60 Prozent unseres sich allmählich der 10-Milliarden-Euro-Grenze nähernden Unternehmensumsatzes ausgemacht. Wir sind bei MLCCs nach wie vor unangefochten Weltmarktführer, und wir werden alles Notwendige tun, damit wir diese Stellung auch in Zukunft halten und eventuell noch weiter ausbauen können. Wir beschränken uns beim Thema Kondensatoren ja auch nicht mehr nur auf MLCCs, sondern positionieren Murata als „Capacitor-House“, das Entwickler und Anwender mit den verschiedensten Kondensatortechnologien versorgen kann, die wir für zukunftsrelevant halten.

Sie haben eingangs darauf hingewiesen, dass sich Murata von anderen japanischen Unternehmen unterscheidet. Das gilt nicht nur für den Auslandsumsatzanteil, sondern auch Ihre R&D-Bemühungen sowie ihre Standorttreue zu Japan.

Wir investieren etwa 7 bis 8 Prozent unseres Konzernumsatzes in Forschung und Entwicklung, wir sprechen also über einen Summe von 750 bis 800 Millionen Euro. Diese Investitionen waren entscheidend dafür, dass wir in den letzten fünf Jahren unser Portfolio um zahlreiche neue Produkte erweitern konnten. Ich würde hier von einem Prozentsatz von 40 bis 50 Prozent ausgehen. Etwas untypisch für ein japanisches Unternehmen in dieser Zeit ist es wiederum, dass wir nach wie vor etwa 70 Prozent unserer Produkte noch in Japan fertigen. Angesichts der hohen Anzahl neuer Produkte ist diese enge Verzahnung zwischen Entwicklung und Fertigung aber auch notwendig, um eine schnelle und erfolgreiche Markteinführung der neuen Produkte zu gewährleisten.

Zu den jüngsten Beispielen für neue Produkte im Murata-Portfolio werden in Zukunft halbleiterbasierte Kondensatoren von IPDiA und Folienkondensatoren zählen, die Sie in einem Joint Venture mit Shizuki Electric entwickeln und fertigen. Wird es weitere Kooperationen und Übernahmen dieser Art geben?

IPDiA ergänzt unser Produktspektrum um einen Bereich, in dem wir bisher noch nicht tätig waren und in dem IPDiA über langjährige Erfahrung verfügt. Zu den Spezialitäten des Unternehmens zählen Entkoppelungskondensatoren mit einer Höhe von weniger als 90 µm und passive ASICs, die bis zu Temperaturen von +250 °C einsetzbar sind. Im Fall Shizuki Electric bringen wir unser Know-how in Form einer von uns entwickelten Folie ein, die Einsätze von Folienkondensatoren bis +125 °C erlaubt. Bisher waren diese Produkte auf +85/+105 °C limitiert. Zugleich erlaubt die Folie eine kompaktere Bauweise. Interessant sind diese Produkte wie auch die Produkte von IPDiA vor allem für Medizin- und Automotive-Applikationen.