Börsen-Crash und rückläufige Aufträge aus Europa Chinas Wirtschaft unter Druck

An drei Tagen in Folge hat die chinesische Zentralbank zuletzt den Yuan abgewertet und so versucht, die Wettbewerbsfähigkeit des Landes nach dem Börsen-Crash im Juli und sinkenden Konjunkturdaten im August wieder zu stärken. Welche Auswirkungen hat die Schwäche Chinas auf die deutsche Elektronikbranche?

Für Dr. Gerald Paul, CEO und President von Vishay, kamen die Ereignisse der letzten Wochen auf dem chinesischen Aktienmarkt nicht überraschend. »Wir haben bereits seit dem 1. Quartal 2015 eine gewisse Zurückhaltung am chinesischen Markt registriert«, so Dr. Paul, »diese Zurückhaltung war in allen Vertriebskanälen zu beobachten«. Ungeachtet der jüngsten Ereignisse ist sich Dr. Paul aber sicher, »dass China für uns, die wir uns nicht so sehr der Konsumgüterindustrie verschrieben haben, eine große Chance bietet.« Vor diesem Hintergrund stellt Vishay auch nach dem Börsen-Crash im Juli weiter FAEs in China ein.

Aus Sicht von Michael Pocsatko, Leiter des TDK-Vertriebs in China, dürfen die Ereignisse an den Börsen in China nicht isoliert betrachtet werden. »Die abgeschwächte Konjunktur in China ist unter anderem auch dadurch begründet, dass so manche traditionelle Industrie durch den Wandel der Zeit ihre Rolle als Wachstumstreiber nicht mehr ausfüllen kann«, so Pocsatko, »darüber hinaus halten sich lokale Regierungen, die in den letzten Jahrzehnten als Unternehmer für teilweise mehr als 10 Prozent Wachstum gesorgt haben, heute mit großen Investitionsprojekten zurück«.

Oliver Konz, CEO von Würth Elektronik eiSos, der unter anderem für fünf eigene Werke in China, sowie zehn Joint Ventures dort verantwortlich ist, zeigt sich überzeugt davon, »dass die chinesische Politik keine zu tiefe Krise erlauben wird, darum werden die Ereignisse an den chinesischen Börsen auch keine Ausmaße erreichen, mit denen wir uns beschäftigen müssen«.

Konz verweist auch darauf, dass die Investitionen im Elektroniksektor in den letzten Jahrzehnten in erster Linie aus Taiwan und Hongkong erfolgten. Erst danach begannen Japaner und Koreaner mit ihren Investitionen in China. »Die Amerikaner und Europäer sind als Investoren auf dem chinesischen Elektronikmarkt erst sehr spät in Erscheinung getreten«, so Konz.

Börsen-Hype zurückfahren

In seinen Augen richtet sich das primäre Interesse der chinesischen Politik auf die Etablierung eines eigenen Wirtschaftskreislaufes. Mit dem Börsen-Crash der letzten Wochen hat dieses Bestreben nun einen teilweisen Rückschlag erlitten. Aus Sicht eines deutschen Managers, der einige Jahre im Vorstand eines chinesischen Unternehmens saß, findet nun eine dringend notwendige Anpassung an die Realität an den chinesischen Börsen statt: »Die Mehrheit der chinesischen Firmen ist bereits mit einer viel zu hohen Bewertung an die Börsen gegangen, das gilt sowohl für die Substanz, als auch die Schlagkraft dieser Unternehmen«. Auch er ist der Überzeugung, dass es der chinesischen Regierung gelingen wird, den Börsen-Hype der letzten eineinhalb Jahre kontrolliert zurückzufahren.

Wie heterogen sich bei allen nach wie vor bestehenden Chancen in China die Entwicklung in einzelnen Bereichen darstellt, zeigt eine Äußerung von Pocsatko: »Wir profitieren derzeit in China von einem sehr starken Geschäft mit Produkten für Mobilfunkanwendungen, während sich hingegen die Nachfrage von Herstellern von Industrie-Elektronik schon seit zwei Jahren verhalten entwickelt«.

Steigendes Lohnniveau

Auch an eine Schwächung der chinesischen Produktionsstandorte durch die in den letzten Jahren gestiegenen Löhne und Gehälter, glaubt keiner der Befragten. Im Schnitt stiegen die Löhne in den letzten Jahren um 12 Prozent . »In Summe beliefen sich die Erhöhung des Mindesteinkommens und der erweiterten Sozialgesetzgebung in China von 2010 bis 2015 auf 60 Prozent«, erläutert Pocsatko. Das steigende Lohnniveau, das sich für Bandarbeiter inzwischen bei etwa 270 Dollar im Monat bewegt, wird nicht nur nach Einschätzung von Konz dazu führen, dass Unternehmen in Zukunft in schlechter erschlossene Gebiete gehen, um dort  die Konjunktur anzukurbeln. Auf der Ebene der Führungskräfte mit internationaler Ausbildung und/oder guten Englischkenntnissen, liegen die Gehälter in China inzwischen auf internationalen Niveau, und in einigen Städten, wie Shanghai, sogar darüber, wie Pocsatko versichert.

Zu den Gewinnern der aktuellen Situation in China könnte Indien zählen. Bereits in den letzten zwei Jahren, hat es immer wieder Überlegungen und Pläne gegeben, im Rahmen einer »China+1«-Strategie Produktionskapazitäten von China nach Indien zu verlegen. So hat Foxconn gerade bekannt gegeben, für 5 Mrd. Dollar Fertigungsstätten im Bundesstaat Maharashtra zu errichten. »Mit einer stabilen Währung, einer gut ausgebildeten und nach Aufstieg hungernden Mittelschicht, hat Indien da sicher gute Chancen«, meint Ralph Bischoff, Director von EOS Power, »wir hatten hier in den letzten zwölf Monaten einen deutliche Zunahme solcher Anfragen von westlichen Unternehmen«.

Wird die Börsen-Krise in China Auswirkungen auf die deutsche Elektronik-Branche haben? Wenn überhaupt, dann im Bereich Automotive, so die überwiegende Einschätzung der Befragten. Zumindest dürfte mit einer Verlangsamung des Wachstums in dieser Brache zu rechnen sein. Entscheidend dürfte dabei die Frage sein, ob vor allem das Premium-Segment unter der Kaufzurückhaltung in China leiden wird. Sollte dem so sein, rechnet Konz mit spürbaren Auswirkungen dieser Entwicklung auf die deutschen OEMs in den nächsten drei Jahren.