Alle guten Vorsätze vergessen? Zu wenig Planungssicherheit in der Lieferkette

Kaum sind die Lieferzeiten kürzer – zumindest waren sie das laut dem Stand Ende Februar, nimmt das Bestellverhalten wieder absurde Züge an, wie die Teilnehmer am Markt&Technik-Forum »Distribution« feststellten. Und auch wenn die Ende Februar geführte Diskussion zu den Lieferzeiten nach dem Japan-Beben fast obsolet erscheinen mag: Die grundsätzlich Problematik hat nichts an Aktualität eingebüßt.

Die Lieferzeiten für Bauelemente schienen sich zum Zeitpunkt des Markt&Technik-Forums Ende Februar zumindest in den meisten Bereichen deutlich zu entspannen und die Lieferengpässe des vergangenen Jahres einigermaßen überwunden. So ganz trauten allerdings einige Distributions-Experten auch zu diesem Zeitpunkt dem vermeintlichen Frieden nicht und waren wie Stefan Schmalz, Leitung Vertrieb Deutschland von Setron, der Ansicht, »dass die Verfügbarkeit eine der größten Herausforderungen in diesem Jahr werden wird«. Und angesichts der Entwicklungen nach dem Erdbeben in Japan scheint diese Prognose allzu realistisch.   

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Zitate vom Forum Distribution 2011

Das sagen die Teilnehmer

Ein kurzer Rückblick ins Jahr 2010: Fast alle Bauteile waren knapp, nachdem der Bedarf innerhalb weniger Wochen exponentiell in die Höhe geschnellt war. Schlechte oder fehlende Forecasts taten ihr übriges, so dass die Lager zeitweise völlig leergefegt waren. Schnell wurden allerorten gute Vorsätze gefasst: Vor allem mehr Planungssicherheit und eine engere Abstimmung und vertrauensvollere Zusammenarbeit in der Lieferkette sollte es künftig geben. – Wenige Monate später schon entpuppen sich die guten Vorsätze vielerorts als Lippenbekenntnisse: Die Forecasts der Kunden lassen wieder zu wünschen übrig, und Bestellungen werden so kurzfristig wie möglich abgegeben. Einige Forumsteilnehmer haben gar einen leicht negativen Booking-Trend festgestellt. Denn: Sind die Lieferzeiten überschaubar, sehen viele Kunden keinen Druck, sich langfristig festzulegen oder die Ware frühzeitig auf Lager zu legen und damit ihr Kapital zu binden.

Zu welch absurdem Bestellverhalten das führen kann, schildert Michael Knappmann, Regional Vice President Zentraleuropa von Avnet Abacus: »Bei 40 Wochen Lieferzeit bestellt der Kunde ohne zu zögern sofort. Reduziert sich die Lieferzeit im Rahmen des Projektes beispielsweise um die Hälfte, dann kommt es schon vor, dass ein Teil der Aufträge – nicht zuletzt gesteuert durch das Replenishment-System – wieder storniert wird. Die Folge: Die Auftragseingänge gehen zurück, das Book-to-Bill-Ratio, das Verhältnis von Auftragseingang und Umsatz, rutscht im schlechtesten Fall unter 1.« Die Folge: Kapazitäten werden zurückgefahren und Lager reduziert. Schon könnte der Teufelskreis aus vermeintlich sinkender Nachfrage, Engpässen und Allokationen in die nächste Runde gehen.

So lange das Book-to-Bill-Verhältnis in der Lieferkette als der Weisheit letzter Schluss gilt, dürfte sich an der mangelnden Planungssicherheit wenig ändern, auch wenn nach Ansicht von Johann Weber, Vorstandsvorsitzender von Zollner Elektronik, viele inzwischen gelernt hätten, die Bedeutung des Book-to-Bill-Wertes realistischer einzuschätzen und ihn weniger stark in die Beurteilung der Gesamtsituation einbringen als bisher. Für ein Konsignationslager beispielsweise sei dieser Indikator vor vorne herein nicht sinnvoll.

Liegt dem derzeitigen Bestellverhalten eine verständliche Vorsicht zugrunde oder ist es schlichtweg absurd? Johann Weber sieht darin nur die logische Reaktion auf die verhaltenen Wachstumsprognosen der Analysten für 2011: So sei beispielsweise der Markt für elektronische Baugruppen weltweit von 2009 auf 2010 um 30,2 Prozent gewachsen, deutschlandweit immerhin noch um 21,1 Prozent. Der Sprung von 2010 auf 2011 wird nach Ansicht der Auguren wohl deutlich geringer ausfallen: So prognostiziert der ZVEI für die elektronischen Baugruppen »nur« noch eine Steigerung von 6 Prozent weltweit und 5,6 Prozent für Deutschland. Für 2012 sei im zweiten Halbjahr sogar mit einem Rückgang von 10 Prozent zu rechnen. Allerdings: plus 6 Prozent seien vom Niveau des vergangenen Jahres aus gesehen eine nicht zu vernachlässigende Menge, das müsse erst einmal produziert und geliefert werden.

Dass es aber nicht unbedingt für mehr Planungssicherheit sorgt, jede Prognose unreflektiert für bare Münze zu nehmen, haben die Erfahrungen der letzten zwei Jahre gezeigt: Selbst die komplexesten Analysen und Prognosemodelle renommierter Marktforscher lagen teils um die Hälfte daneben. Viele Prognosemodelle boten und bieten beliebig viel Spielraum für Irrtümer. Abfedern können solche Unwägbarkeiten nur eine sehr enge Zusammenarbeit in der Lieferkette und das richtige »Gefühl« für die Prognosen und nicht zuletzt für die Forecasts der Kunden, betonten die Teilnehmer der Forumsrunde.