RoHS in der Praxis Wann fällt ein Entwicklungs-Kit unter die – neue - RoHS-Richtlinie?

Gary Nevison, Farnell: »Um nun festzustellen, ob ein Entwicklungs-Board nach derzeitigem Kenntnisstand in den Geltungsbereich der EU-RoHS-Neufassung fällt, wird es notwendig sein, jede Art von Board von Fall zu Fall zu untersuchen und zu definieren, ob es ausschließlich für F&E-Zwecke entwickelt wurde und nur von Unternehmen und nicht vom »Hobby-Entwickler« eingesetzt wird«

Der Status von Entwicklungs-Boards und Evaluation-Kits nach der EU-RoHS-Richtlinie ist umstritten und in vielen Fällen »Auslegungssache«. Besonders bei den Distributoren, die zig verschiedene Evaluation-Kits im Programm haben, verursacht deren Klassifzierung nach RoHS Kopfzerbrechen.

Klarheit erhoffte sich die Elektronikindustrie von der RoHS-Neufassung. Aber: Fehlanzeige, denn nach der neuen Fassung muss nun auch noch geklärt werden, ob das Board für Forschungszwecke genutzt wird oder nicht.

Und das wird sich auch nach Inkrafttreten der Neufassung nicht ändern: »Der Anwendungsbereich der RoHS-Richtlinie wird jetzt zu einem »offenen Gültigkeitsbereich«, was bedeutet, dass jedes elektrische Gerät in dem Anwendungsbereich fällt, es sei denn, es ist ausdrücklich ausgenommen«, erklärt  Gary Nevison, Head of Legislation, Farnell Europe. Neu ausgenommen sind »Geräte, die speziell ausschließlich für Forschungs- und Entwicklungszwecke entwickelt wurden und die nur auf einer Business-to-Business-Basis bereitgestellt werden«. Dadurch sollen Entwicklungs- und Evaluierungs-Boards ausgeschlossen werden, weil diese lediglich für Forschungszwecke vorgesehen sind. Indessen sind alle Ausführungen, die auch an Studenten verkauft – also B2C-  oder für die Ausbildung genutzt - d.h. ausdrüklich nicht F&E - werden, nicht ausgeschlossen. Nur bleibt beispielsweise offen, ob ein Student nicht auch im Weitesten Sinne und in einigen Fällen Forschung betreibt. Diese Neufassung der RoHS-Richtlinie hat der Ministerrat der EU am 2. Juni dieses Jahres abgeschlossen und angenommen. In Kraftt tritt sie, sobald sie im Official Journal veröffentlicht wird.

»Um nun festzustellen, ob ein Entwicklungs-Board nach derzeitigem Kenntnisstand in den Geltungsbereich der EU-RoHS-Neufassung fällt, wird es notwendig sein, jede Art von Board von Fall zu Fall zu untersuchen und zu definieren, ob es ausschließlich für F&E-Zwecke entwickelt wurde und nur von Unternehmen und nicht vom »Hobby-Entwickler« eingesetzt wird«, gibt Nevison zu bedenken. Falls nicht, fällt es nämlich in den Geltungsbereich.  Das Problem: »Besteht auch nur der geringste Zweifel, können letztlich nur die Gerichte eine gesetzlich verbindliche Stellungnahme abgeben«, so der Rechts-Experte von Farnell. Dass dadurch der administrative Aufwand und die Unklarheiten rund um den Status solcher Entwicklungs-Boards- und –Kits noch deutlich zunehmen, dürfte wohl unbestritten sein. »Nirgendwo außerhalb der EU werden Evaluierungs- und Entwicklungs-Boards solchen Stoffbeschränkungen wie im Fall der RoHS unterworfen«, betont Nevison. 

Der Status von Entwicklungs-Kits und Evaluation-Boards in der  RoHS-Richtlinie war von vorne herein unklar und wurde heiß diskutiert, ohne dass es je eine rechtlich verbindliche Entscheidung dazu gegeben hat. »Die Regierung der Bundesrepublik Deutschland entschied vor einigen Jahren im Alleingang, dass Boards, die gesondert an die Anwender verkauft werden, beispielsweise als Speicher-Erweiterung oder um einen PC funktionell zu erweitern, im Rahmen der RoHS- und WEEE-Richtlinien als eigenständige Produkte betrachtet werden - auch wenn sie keine eigenen Gehäuse und keine getrennte Stromversorgung haben«, erklärt Nevison. Die anderen EU-Staaten haben sich mittlerweile dieser Meinung angeschlossen.

Komplexe Verzahnung von RoHS und WEEE
Der Geltungsbereich der - neuen wie alten - RoHS-Richtlinie erstreckt sich auf elektrische und elektronische Geräte, die in die Kategorien 1 bis 7 und 10 der WEEE-Richtlinien fallen. Dabei wird in keiner Weise vorausgesetzt, dass die Produkte ihre eigenen Gehäuse haben, und sie können dabei auch jede beliebige Energiequelle verwenden einschließlich Batterien, USB-Kabel etc. Die RoHS-Richtlinie schränkt ihren Anwendungsbereich nicht ein, außer der Tatsache, dass das Produkt in seiner Funktion Strom-abhängig ist. »Deshalb fallen einzelne Boards, ob sie den Anwendern nun verkauft, verliehen oder getrennt ausgehändigt werden, dann in den Rahmen des Geltungsbereichs, wenn sich ihre Hauptfunktionen in einer der acht RoHS-Kategorien befinden«, so der Rechts-Experte. Eine genauere Erklärung bzw. Definition und damit eine Abgrenzung was ein Evalution-Bord ist, gibt es zumindest  auf EU-Ebene nicht.