1. Markt & Technik Supply Chain Summit: Und das Risiko trägt immer der Lieferant?

Die Quintessenz? Keiner in der Lieferkette wird die Probleme alleine lösen. Die Transparenz und Kommunikation zwischen den Beteiligten und damit die Planung zu verbessern, wird die große Herausforderung der Zukunft sein.
Auf dem 1. Markt&Technik Supply Chain Summit diskutierten Entscheider aus der Elektronikindustrie über die Lieferkette.

Auf die Zulieferer prasseln derzeit die Probleme nur so ein: Kurzfristige Bestellungen, leergefegte Lager, zu wenig Fertigungskapazität der IC-Fabs, weiterhin starker Kostendruck bei ebenfalls sehr starker Nachfrage. Welche Auswirkungen das auf die Lieferkette haben muss, diskutierten die Teilnehmer des 1. Markt & Technik Supply Chain Summits in Rottach Egern.

Die Stimmung bei den Zulieferern sieht derzeit trotz guter Konjunktur nicht immer heiter aus, wie eine Umfrage zeigt, die das Beratungsunternehmen Oliver Wyman durchgeführt hat. »Die OEMs haben sich verändert, früher gab es Zusammenarbeit, jetzt zählt nur noch das Geld« und »In der Krise sind die OEMs aggressiver geworden, die Preisforderungen sind rational nicht mehr zu begründen«, klagen laut Jonas Wagner, Senior Associate von Oliver Wyman viele Automobil-Zulieferer. Aber ein gewisses Verständnis für die OEMs bringt er schon auf. Den Endkunden stehe eben auch nur ein beschränktes Budget zur Verfügung, er will schlicht nicht mehr für ein Auto bezahlen, obwohl es komplexer wird. »Diesen Preisdruck gibt der OEM knallhart weiter«, so Wagner.

Das ganze Risko auf die Lieferanten abschieben? Dieser Argumentation kann Jürgen Weyer, Vice President Automotive EMEA von Freescale, wenig abgewinnen. Außerdem kann er nicht nachvollziehen, dass die OEMs sich einem derartigen Kostendruck augesetzt fühlen, wie Wagner von Oliver Wyman das beschrieben hat. »Die Automobilhersteller haben seit dem Beginn des Aufschwungs einen Profit von sage und schreibe 26 Mrd. Dollar einfahren können! Während dieser Zeit mussten die Lieferanten wegen der Schwierigkeiten in der Lieferkette zusätzliche Logistikkosten in Höhe von 500 Mio. Dollar verbraten. Das führt dazu, dass sie jetzt – bei voller Auslastung! – gerade mal profitabel sind.«

Den heftigen Preisdruck verspürt auch Porsche. Das Unternehmen hat deshalb eine besondere Supply Chain aufgebaut, die auf einer sehr niedrigen eigenen Fertigungstiefe von nur 15 Prozent basiert: Die restlichen 85 Prozent kommen von den rund 650 Zulieferern. Dabei ist jedes Teil bis auf die Reifen Single Source. Laut Dr. Ulrich Guddat, Partner bei Porsche Consulting, würden dadurch die Zulieferer aber nicht geknebelt, im Gegenteil: Weil Porsche relativ geringe Stückzahlen abnehme, müsste sich das Unternehmen für die Zulieferer attraktiv machen. Attraktiv werde Porsche dadurch, dass die Firma Zulieferern helfe, die Linien und Prozesse zu optimieren, wodurch sie Know-how gewinnen, das sie dann für weitere Kunden anwenden könnten. Guddat: »Wir investieren in unsere Lieferanten und stabilisieren sie.«

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1. Supply Chain Summit

1. Supply Chain Summit der Markt&Technik.

Doch um Kosten zu sparen, will auch Porsche die Lagerkapazität weiter reduzieren. Derzeit liegt die Bestandsreichweite bei 1,2 Tagen, Ziel ist es, auf 0,8 Tage zu kommen, ein Wert, den japanische OEMs schon erreicht hätten. Den Zulieferern gibt Porsche eine grobe Vorschau, die zunächst nicht bindend ist, über die Zeit aber genauer wird. »Dieses Erfolgsmodell ist nicht auf die Automobilindustrie begrenzt, sondern lässt sich auch auf andere Branchen übertragen«, erklärt Guddat.

So kalkuliert auch der Telefonhersteller Gigaset ebenfalls mit äußerst knappen Bestandsreichweiten und kurzfristigen Forecasts: Aber im Gegensatz zu Porsche plant Gigaset immer mit mindestens zwei bzw. drei Lieferquellen, um die Abhängigkeiten von den Zulieferern zu minimieren. Hinzu kommt, dass Gigaset von Haus aus auf eine sehr hohe Fertigungstiefe im Haus setzt: Bis auf die elektronischen Bauteile fertigt das Unternehmen alle Teile selbst. Zwar komme es schon vor, dass man Bauteile nicht rechtzeitig bekomme, aber meist lasse sich das gut über das Lieferantennetzwerk aus Herstellern und Distributoren und die Second bzw. Third Sourcing Strategie abfedern, erklärt Martin Streb, COO von Gigaset.