Kommentar »Survival of the fittest«?

Karin Zühlke, Markt & Technik
Karin Zühlke, Markt & Technik

Vor einigen Wochen haben wir mit Distributoren, EMS-Firmen und Komponenten-Herstellern auf unserem Forum »Distribution« darüber diskutiert, ob die Akteure der Lieferkette aus der angespannten Liefersituation der vergangenen Monate gelernt haben. Das Ergebnis war ernüchternd: Viele Teilnehmer waren der Meinung, dass der Teufelskreis aus Doppelbestellungen, Engpässen und (scheinbar) zu wenig Kapazitäten schnell wieder von vorne beginnen könne.

Nun hat seit dieser Diskussion das Erdbeben in Japan die Welt verändert, und auch wenn es angesichts der menschlichen Tragödie pietätlos erscheint: Die Angst vor dem sprichwörtlichen Teufelskreis der Lieferengpässe ist allgegenwärtig. Oder sind wir bereits mittendrin? Die Auswirkungen sind jedenfalls spürbar, und die Lieferkette spannt sich zusehends. Autohersteller und Industrieunternehmen haben schon wenige Tage nach dem Beben Krisenstäbe eingerichtet. Aus gutem Grund, denn mit längeren Lieferzeiten ist bei einigen Bauteilen auf alle Fälle zu rechnen. Analysten prognostizieren überdies bereits steigende Preise für Halbleiter, und als wäre das nicht schon genug, kommt nun auch die mögliche Strahlenbelastung der Produkte hinzu. Die Unbill der Kunden lässt also nicht lange auf sich warten: Distributoren und Komponenten-Hersteller berichten von teils dreisten und energischen Kundenanfragen nach Ware. 

Zumindest sitzen diesmal alle in einem Boot? Nicht ganz, denn ein Grundprinzip der Lieferkette funktioniert wie immer erstaunlich gut: das Top-down-Prinzip oder, im Jargon von Darwins Evolutionstheorie ausgedrückt, »Survival of the fittest«. – Das heißt nichts anderes als: »Wer sich am besten anpasst und durchsetzt, überlebt, die anderen sterben aus.« Nun, ganz so weit wollen wir den Vergleich nicht treiben. Fakt ist aber: Der Druck, den ein großer OEM auf seine Lieferanten ausüben kann, ist hoch. Wen wundert es da, dass der Komponenten-Hersteller zuerst einmal den »Stärkeren« zufrieden stellt, bevor er Top-down die schwächeren Glieder der Lieferkette bedient? So lange jedenfalls das Prinzip des Darwinismus die Lieferkette prägt, wird auch der »Teufelskreis« nicht aufhören, sich zu drehen.    

Haben Sie eine Meinung zum Thema? Dann freue ich mich wie immer über Ihre eMail an kzuehlke@markt-technik.de.   

Ihre Karin Zühlke