Noch mehr Verwaltungsaufwand und weniger Ausnahmen RoHS geht in die nächste Runde

Jens Dorwarth, Avnet EM: »Dadurch, dass die RoHS II Richtlinie unter das Regime des »New Legislative Framework« (Rahmengesetzgebung für CE) gestellt werden soll, legt der Gesetzgeber der Distribution eine Art »Wachhund«-Funktion auf.«

Die RoHS-Verordnung soll mit RoHS II ein neues Gesicht bekommen und eine CE-Richtlinie werden. Doch noch ist nicht klar, wann der EU-Rat als letzte Instanz die Richtlinie überhaupt ratifiziert. Sobald das aber der Fall ist, kommen laut Jens Dorwarth, Vorsitzender des FBDi Arbeitskreise Umwelt & Compliance und Manager Environmental Affairs & Compliance von Avnet EM EMEA einige gravierende Änderungen auf die Elektronik-Industrie zu.

Markt & Technik: Wie ist der Stand der RoHS II derzeit? Es herrscht ja nach wie vor Unklarheit darüber, wann der EU-Rat die Verordnung verabschiedet.  
Jens Dorwarth: Die EU-Kommission und das EU-Parlament haben im November letzen Jahres ihren Vorschlag an den EU-Rat zur Lesung weitergeleitet. Dieser hatte die Lesung dann für Dezember 2010 auf der Agenda, die wurde aber aus »technischen Gründen«, wie es offiziell heißt, wieder von der Agenda genommen. Bis dato ist kein neuer, öffentlich bekannter Termin anberaumt. Von daher können wir keine konkrete Aussage treffen, wann RoHS II überhaupt in Kraft treten kann und wird.

Was sieht die RoHS II genau an neuen Einschnitten für die Elektronik-Industrie vor?
Basierend auf dem uns vorliegenden letzten Dokument der Kommission und des Parlamentes wird RoHS IIfolgende, gravierende Änderungen beeinhalten:
RoHS II wird eine CE–Richtlinie werden. Das heißt, Produkte müssten dann mit »CE« gekennzeichnet werden und natürlich im Zuge dessen über die entsprechende Dokumentation verfügen.
Die RoHS II bekommt außerdem einen eigenen Anwendungsbereich: Dabei handelt es sich um den derzeitigen WEEE-Anwendungsbereich und zusätzlich eine Kategorie 11, die  dann alle, in den vorhergehenden 10 Kategorien NICHT genannten Elektro- und Elektronikprodukte beinhaltet.

Die zugelassenen Ausnahmen in RoHS – die so genannte »RoHS by Exemption as of Annex« bekommen jeweils Auslaufdaten. Danach ist ein Produkt, das eine solche Ausnahme verwendet hat, nicht mehr RoHS konform bzw. kompatibel. Wenn die Übergangsfristen abgelaufen sind, dürften nur noch RoHS konforme Produkte in Verkehr gebracht werden.
 
Welche Herausforderungen bring die CE-Kennzeichnung in diesem Zusammenhang mit sich?
Die hauptsächliche Herausforderung wird sich daraus ergeben, dass die CE-Kennzeichnung unterschiedliche Gründe haben kann – so muss ein Produkt, das mit CE gekennzeichnet wäre, nicht zwangsläufig auch RoHS konform sein. Rein aus der Kennzeichnung ist dies nicht ersichtlich, es muss die entsprechende Konformitätserklärung vorliegen. Aus der geht dann hervor, für welche Richtlinie bzw. Verordnung das CE-Kennzeichen angebracht wurde. Damit muss der Distributor über das nötige Wissen und auch den entsprechend aktuellen Stand der Gesetzgebungen verfügen und die vorhandenen Dokumente auch entsprechend bewerten können.

Was bedeuten die Neuerungen für die Distribution?
Dadurch, dass die RoHS II Richtlinie unter das Regime des »New Legislative Framework« (Rahmengesetzgebung für CE) gestellt werden soll, legt der Gesetzgeber der Distribution eine Art »Wachhund«-Funktion auf. Die besteht zum einen in einer erweiterten Produktbeobachtungsverpflichtung, zum anderen aber auch in einer Informationsverpflichtung gegenüber Marktüberwachungsbehörden. Auch muss ein Händler, auf Anfrage von Marktüberwachungsbehörden, entsprechende Dokumentationen  bereitstellen.

Auf die Distribution kämen also weitere Sammlungs- und Prüfverpflichtungen zu: Wir müssen die Produkte korrekt kennzeichnen und darauf achten, dass die notwendige Dokumentation vorhanden und aktuell ist. Außerdem müssten wir die Auslauffristen der Ausnahmen sehr genau im Blick haben. Hinzu kommt, dass ein Distributor ein Produkt nicht weiterverkaufen darf, wenn er der Auffassung ist - oder entsprechend informiert wurde-, dass ein Produkt nicht konform zu der Richtlinie ist.

Welche Informationen sind nach der neuen RoHS-Gesetzgebung erforderlich - Was brauchen Sie als Distributor vom Hersteller und was müssen Sie dem Kunden zur Verfügung stellen?
Für jedes Produkt, das per Definition der Richtlinie ein Elektro- / Elektronikgerät ist, muss der eindeutige RoHS-Status bekannt sein (»Full RoHS«, »RoHS by exemption + number of exemption« oder »Non-RoHS«).
Wird die RoHS II tatsächlich eine CE-Richtlinie, dann muss der Hersteller das Produkt entsprechend kennzeichnen, die entsprechende Dokumentation muss verfügbar sein beziehungsweise beim Import durch den Distributor vorliegen. Der muss auch wiederum seinem Kunden den  RoHS-Status mitteilen. Weiterleiten muss er die Dokumentationen aber nur auf Anfrage.