2. Markt&Technik Supply Chain Summit Risikomanagement, »Kollaboration« und Praxisbeispiele im Mittelpunkt

Zeitdruck, ungenaue Forecasts, unvorhergesehene Ereignisse und die zyklischen Markschwankungen machen den Zulieferern und Auftraggebern in der Lieferkette das Leben schwer. Anhaltspunkte wie sich die Lieferkette und die Lagerbestände besser steuern lassen und die Akteure dabei effizienter zusammenarbeiten – sprich »kollaborieren« - liefert der 2. Markt&Technik Supply Chain Summit, am 20. Oktober in Taufkirchen b. München.

Im Mittelpunkt der gemeinsam mit dem ZVEI und dem FBDi initiierten Veranstaltung stehen Praxisbeispiele von führenden EMS-Firmen und OEMs und das Risikomanagement entlang der Supply Chain. Es referieren Experten von Avnet, Business Excellence, Infineon, Flextronics SBS, Freescale, Murata, Porsche Consulting, PRTM, des E-Bike-Herstellers PG Trade and Sales, Siemens Enterprise Communications, Wilhelm Partnerschaft von Rechtsanwälten und Zollner Elektronik. Außerdem gibt Dr. Andreas Gontermann, Chefvolkswirt des ZVEI einen Ausblick auf die wirtschaftliche Situation der Elektronikindustrie im kommenden Jahr.

»Lieferketten konkurrieren«

»Wir leben nicht mehr in einer Welt in der Firmen konkurrieren, sondern Lieferketten«, mit diesem im Deutschen zunächst provokant klingendem Satz von Professor Hau Lee (Stanford), dem derzeit global bekanntesten Supply Chain Manager, wird Hans Ehm, Head of Supply Chain Innovations von Infineon die Teilnehmer konfrontieren. Denn wer kann leugnen, dass Automobilzulieferer von Halbleitern abhängen und damit die Autobranche selbst? - Nach Ansicht von Ehm wird eine neue Ära eingeleitet bei der der Begriff »Kollaboration« einen gänzlich positiven Anstrich bekommt. So zeigt der Supply Chain Experte neue Lernmethoden zur Kollaboration auf, die von »Serious Games« bis hin zu globalen akademischen Programmen reichen.

Eine Initiative zur Optimierung der Auftragseingangschnittstelle hat Freescale im Jahr 2008 initiiert.  Die Erfahrungen und Resultate daraus fasst Stefan Dosch, Sales Director Central & Eastern Europe in seinem Vortrag zusammen. Ziel des Programms war es, die Kundenzufriedenheit im Ordermanagement weiter zu verbessern und dabei gleichzeitig die Kosten zu reduzieren. Das Programm umfasste u.a. die Standardisierung von logistischen Dienstleistungen und Schnittstellen, die Neudefinition von Verantwortungsbereichen innerhalb der Freescale Supply Chain Organisation, auch Dienstleistungen hat der Halbleiterhersteller im Zuge dessen ausgelagert.

UHF RFIDs auf dem PCB sind nicht nur ein Mittel zur Traceability, sondern lassen die Supply Chain zur Value Chain wachsen, so Alexander Schmoldt, Business Development Europe von Murata. Er vertritt auf dem Supply Chain Summit das Konsortium »RFID Value Creators in RFID« um die Firmen Kathrein und Murata: Anwendungsbeispiele zeigen, dass das sich das batterielose Funkverfahren zur Identifikation von Objekten in der Lieferkette sehr gut eignet und gleichzeitig Schutz vor Produktpiraten bietet. Nach Ansicht von Schmoldt hat diese revolutionäre Technologie sogar das Potential zum Industriestandard.

Wie EMS und OEMs ihre Lieferketten steuern

Wie ein OEM seine Supply Chain gestalten muss, um seinen Kernmarkt Europa adäquat zu bedienen und den Standort Deutschland dabei als Produktionsstandort sichern kann, ist das Thema des Vortrags von Matthias Hübner, Senior Vice President Enabling, Manufacturing & Configuration im Unternehmensbereich Supply Chain von Siemens Enterprise Communications.  

Wie im Gegensatz dazu ein kleiner Hersteller mit Global Playern auf Augenhöhe agieren und seine Innovationskraft in die Supply Chain Kommunikation einbinden kann, das zeigt der Vortrag von Wolfgang Stocker, CSO der auf eBikes spezialisierten PG Trade and Sales GmbH aus Regensburg: »Optimale Wertschöpfungspartnerschaften und Marketingkooperationen im Sourcing generieren«. PG sieht sein Know-how in der  Entwicklung, im Design, im Vertrieb, im Marketing und in der Logistik der E-Bikes. Deshalb fertigen die Regensburger nicht selber, sondern arbeiten mit der Motorradschmiede MZ (Motorwerke Zschopau) zusammen. MZ agiert als Auftragsfertiger beim Assembling der Bikes und baut auch die Rahmen. Den gesamten Antriebsstrang bestehend aus Motor, Batterie und Fahrzeugelektronik liefert Clean Mobile, München, die elektronischen Bauteile kommen von EBV. Die Kompetenz des gesamten Produkts bleibt aber immer bei PG.

Auch wenn sich die Anforderungen an einen Automobilhersteller und einen EMS-Anbieter hinsichtlich Varianz des Produktspektrums und Flexibilitätsbandbreite deutlich unterscheiden, sind bewährte Prinzipien dennoch übertragbar, wie Flextronics SBS und Porsche Consulting in ihrem gemeinsamen Vortrag »Die Exzellente Wertschöpfungskette: Ergebnisse aus der Übertragung bewährter Ansätze aus der Automobilindustrie auf Flextronics« erläutern werden:  Die Verbesserung beginnt in der Fertigung als Keimzelle und geht dann über Materialwirtschaft, Einkauf Vertrieb, etc. bis zu den Lieferanten und Kunden. Die Referenten Dr. Uwe Schmidt-Streier, Geschäftsführer von Flextronics SBS Germany und Oliver Neumann, Porsche Consulting, werden auch darlegen, dass sich eine hohe Liefertreue und niedrige Bestände nicht widersprechen. Durch ein integriertes Bedarfsmanagement, kleinere Losgrößen sowie abgestimmte Bestell- und Produktionsmengen lassen sich sogar beide Größen verbessern.

»Der Markt gibt den Takt vor! – Eine intensive und erfahrene Marktbetrachtung sowie das richtige Gefühl für die Prognosen und eine gesamtheitliche optimale Supply Chain sind deshalb unabdingbar«, erklärt Johann Weber, Vorstandsvorsitzender von Zollner Elektronik. Ein bedarfsorientierter Wertschöpfungsprozess, der durch Wertstromanalysen und  darauf folgende Wertstromoptimierungen verbessert wird, sieht Weber als weitere Grundvoraussetzung. Wichtig sind laut Weber auch ein optimaler Informationsfluss sowie eine enge Netzwerkkommunikation über alle Stufen der Wertschöpfung hinweg. Wie es Zollner Elektronik gelungen ist, die komplette Supply Chain vom Kunden (Endkunden) zum EMS bis hin zum Distributor/Hersteller zu optimieren und eine durchweg atmende Supply Chain zu schaffen, legt Weber in seinem Vortrag dar.

Mehr Fairness in der Lieferkette und ein Umdenken aller Beteiligten fordert Brian Wilken, Vice President von Avnet Electronics Marketing EMEA. Wie Supply Chain Konzepte Unternehmen im Zuge dessen helfen können, den Bedarf besser zu steuern, darüber referiert Wilken auf dem Supply Chain Summit. Mehr zum Thema lesen Sie außerdem im Interview der Woche mit Brian Wilken in dieser Ausgabe.

Die Riskiken in der Lieferkette nehmen zu

Ein besonderes Augenmerk legt der Summit in diesem Jahr mit zwei Vorträgen auf das Thema Risikomanagement. Die Frage ist einmal die Versicherbarkeit der Risiken und zum anderen wie ein sich durch das Risikomanagement von vorne herein Risiken umschiffen lassen. Die Komplexität der Lieferketten wächst und damit steigt auch die Zahl der Risiken, denen Lieferketten ausgesetzt sind. Störungen in der Lieferkette können vielfältige Ursachen haben: z. B. Naturkatastrophen, Insolvenz von Zulieferern, Betriebsunterbrechungen, verspätete Zulieferungen, Produktmängel, Vertragsverletzungen von Lieferanten oder Abnehmern. Zum Supply Chain Management gehört es also nicht nur, Schäden zu vermeiden, sondern auch Schäden zu minimieren. Entscheidend sind laut Dr. Anja Mayer, Rechtsanwältin der Kanzlei Wilhelm Partnerschaft von Rechtsanwälten unter anderem eine risikobewusste Vertragsgestaltung und die darauf abgestimmte Versicherung von Risiken: »Gegen eine Reihe von Risiken und Störungen der  Lieferkette können sich Unternehmen unter Berücksichtigung ihrerZulieferer-/Abnehmerstruktur versichern«, so Mayer, »aber  die Versicherbarkeit von Supply Chain Risiken stößt an Grenzen. Nuklearschäden wie im Fall Fukushima sind grundsätzlich nicht versichert, Schäden infolge von Naturkatastrophen nur begrenzt.«

Sind Lieferengpässe z.B. durch Erdbeben in Japan wirklich nicht vorhersehbar? Um diese Frage dreht sich der Vortrag von Dr. Detlef Ross von Business Excellence. Die Bedeutung eines funktionierenden Risikomanagements unterschätzen die Unternehmen nach Ansicht von Roß häufig, obwohl das Risikomanagement eine direkte Auswirkung auf die finanzielle Lage des Unternehmens hat. »Jeder betreibt für sich eine Risikovorsorge, trotzdem entsteht kein Nutzen für die gesamte Organisation«, erklärt Roß. Die relativ neue Norm ISO 31000 gibt hier einige Rahmenvorgaben, die man also »nur noch sinnvoll« umsetzen muss. (zü) n

Das vorläufige Programm sowie weitere Details zur Veranstaltung stehen online unter www.supply-chain-summit.de. (zü) n