Auch global ein echter Broadliner Nach Asien nimmt Rutronik jetzt Kurs auf die USA

Thomas Rudel, Rutronik

»Unsere Ziele sind klar: 
Wir wollen schneller wachsen als der Wettbewerb, unseren Umsatz in den nächsten sieben bis acht Jahren verdoppeln, ohne hierfür unsere Eigenkapitalquote anzugreifen, und weltweit flächen­deckend präsent sein.«
Thomas Rudel, Rutronik: »Unsere Ziele sind klar: Wir wollen schneller wachsen als der Wettbewerb, unseren Umsatz in den nächsten sieben bis acht Jahren verdoppeln, ohne hierfür unsere Eigenkapitalquote anzugreifen, und weltweit flächen­deckend präsent sein.«

Eurapa, Asien und jetzt USA: Rutronik vollzieht mit der Gründung der US-amerikanischen Tochter Rutronik Inc. den letzten Schritt zum globalen Broadliner. Ein Gespräch mit CEO Thomas Rudel, Markus Krieg, Geschäftsführer Marketing, und Joachim Kaiser, Geschäftsführer Logistik & Materialwirtschaft.

Markt&Technik: Es herrscht viel Dynamik in der Distributionsszene. Ehemals klar abgetrennte Modelle verschwimmen und die Globalisierung schreitet voran. Herr Rudel, wie beurteilen Sie die aktuellen Entwicklungen in der Distribution?
Thomas Rudel: Das alles findet ja in der freien Marktwirtschaft statt – und die befürworte ich sehr! Bedenklich finde ich es allerdings, wenn dieser Wettbewerb durch zu starke Abhängigkeiten blockiert wird – wie wir sie derzeit haben. Allein durch ihr großes Volumen beherrschen ganz wenige Distributoren einen kompletten Markt. Komponentenhersteller können nicht mehr frei agieren, dem Kunden bleibt immer weniger Auswahl, und nicht wenige Gerätehersteller in Europa sind inzwischen vollkommen von amerikanischen Anbietern abhängig. Deshalb sollten wir uns – vor allem hier in Europa – dringend Gedanken darüber machen, wie wir aus dieser Abhängigkeit von amerikanischen Anbietern kommen! Denn dabei geht es letztlich um die Sicherung unserer Wirtschaft. 

Trotzdem ist eines natürlich klar: Neue Rahmenbedingungen wie zum Beispiel das Internet verändern die Welt, das Business ist global geworden – und dem muss man sich stellen. Und um zu wachsen, bleibt nur die Expansion in neue Märkte. So versuchen immer mehr amerikanische und asiatische Distributoren, neben ihrem Heimatmarkt auch Europa zu bedienen, so wie wir das umgekehrt genauso tun. Das ist doch vollkommen legitim - auch wenn andere Distributoren auf ein neues Geschäftsmodell aufspringen. Hier soll der Bessere gewinnen!

Das gilt auch für Rutronik: Sie haben wieder kräftig expandiert.
Thomas Rudel: Ja, das stimmt. Mit der Gründung der Tochter Rutronik Inc. steht im Moment unser letzter großer Schritt zum globalen Distributor im Vordergrund. In Mexiko sind wir ja bereits einige Jahre mit einer Niederlassung vertreten, jetzt stellen wir uns auch in den USA so auf, dass wir den amerikanischen Kunden denselben Design-in- und Logistik-Support bieten können wie unseren europäischen und asiatischen Kunden auch. Aber nicht nur das! Durch unsere einzigartige, zentralisierte Struktur können wir die weltweit tätigen Unternehmen in ihren globalen Prozessen komplett unterstützen. Dabei ist es vollkommen gleich, auf welchem Kontinent der Kunde entwickelt und produziert – wir beraten ihn, bieten ihm alle Produkte, die er braucht, und beliefern ihn. Das macht die Globalisierung einfach notwendig. 

Auch in Asien haben Sie weiter expandiert, von Bangkok aus nehmen Sie Südostasien und Indien ins Visier. Was macht diesen Markt so interessant?
Thomas Rudel: Vor allem Südostasien hat ein überdurchschnittliches Wirtschaftswachstum. Zudem ist Indonesien der viertbevölkerungsreichste Staat der Welt. Wenn ein Indonesier heute einen Samsung-Fernseher kauft, dann ist der nicht in Korea, sondern in Indonesien gefertigt – das heißt die Teile werden hier vor Ort benötigt. Aber es geht nicht mehr nur um Fertigung! Es findet auch immer mehr Entwicklung statt, vor allem im Maschinenbau, in der Automobilindustrie und den erneuerbaren Energien – ebenfalls lauter Rutronik-Fokus-Märkte. Deshalb spezialisieren wir uns auch hier auf Design-in – im Gegensatz zu den lokalen Distributoren, die meist klassische Kistenschieber sind. Insofern ist Südostasien ein strategisch bedeutender Markt für Rutronik. In Indien dagegen beginnt der Markt erst langsam zu wachsen, deshalb konzentrieren wir uns anfangs auf Südostasien.

Herr Rudel, ich möchte nochmal an Ihre erste Antwort anknüpfen, in der Sie erklärten, wir sollten uns dringend Gedanken machen, aus der Abhängigkeit von amerikanischen Anbietern herauszukommen. Das dürfte aber gerade im Halbleiter-Bereich schwierig werden?
Thomas Rudel: Sie haben vollkommen recht. Es braucht nur jeder Gerätehersteller schauen, was er auf seinen Platinen hat. Dort finden sich fast nur noch Komponenten amerikanischer Hersteller. Zu diesen gibt es auch kaum eine Alternative: Inzwischen sind Infineon und ST die einzigen Halbleiterhersteller in Europa in entsprechender Größenordnung. Das lässt sich natürlich nicht kurzfristig ändern. Trotzdem kann jeder etwas dafür tun, um dem langfristig entgegenzusteuern. 

Inwieweit spielt das neue Lager und Logistikzentrum in Deutschland eine Rolle für die weltweite Expansion?
Joachim Kaiser: Wenn wir weiter wachsen wollen – sowohl im Umsatz als auch regional –, brauchen wir mehr Kapazitäten. Mit dem neuen Logistikzentrum bekommen wir eine mehr als doppelt so große Lager-Grundfläche. Dies ist zusätzlich zu unserem Logistik-Hub in Asien und dem Lager, das wir in Amerika haben werden, notwendig. Doch bei dem Neubau ging es nicht nur darum, mehr Fläche zu schaffen! Hohe Verfügbarkeit, eine schnellere Auftragsbearbeitung und die Verkürzung von Durchlaufzeiten sowie die Erhöhung der Transparenz im Lagerprozess waren ganz wichtige Punkte, für die wir im Zuge des Neubaus Konzepte entwickelt und verschiedene Maßnahmen ergriffen haben.

Inwieweit ist die Infrastruktur von Rutronik weltweit vernetzt – zum Beispiel Projektdatenbank, Logistik und Lagerbestand?
Joachim Kaiser: Zu 100 Prozent. Alle Niederlassungen und Lager weltweit greifen auf dieselben IT-Systeme zu, das gilt im einfachsten Fall für die Projektdatenbank, genauso aber auch für das Warenwirtschafts- und Lagerverwaltungssystem. Wir haben aber nicht nur eine zentrale EDV, sondern EINE zentrale Datenbank, d.h. wir greifen überall auf die gleichen Lagerbestände, Auftragsbestände und Bestellbestände zu, egal wo diese lagern. Ein zentraler einheitlicher Lieferantenstamm, lediglich mit verschiedenen Lieferadressen, erlaubt uns somit einen zentralen Einkauf und eine zentrale Disposition. Das haben wir unserem organischen Wachstum zu verdanken. Außerdem haben wir auch weltweit einheitliche Kundenstämme, die nur aus rechtlichen oder steuerrechtlichen Gründen aus lokalen Rutronik-Gesellschaften bedient werden. Dies ermöglicht es uns auf der logistischen Seite, unseren Kunden weltweit den gleichen Service bieten zu können. 

Wie international ist Rutronik24 inzwischen? Aus welchen Lagern werden die Kunden, z.B. in Asien, bedient?
Thomas Rudel: Hier muss man unterscheiden: Eine eigene Rutronik24-Vertriebsmannschaft haben wir in Deutschland, Österreich und der Schweiz, seit Anfang 2015 auch in Frankreich, Italien, England und den BeNeLux-Staaten. Sie stellt Rutronik24-Neukunden unsere Services vor und unterstützt sie auch bei technischen Fragen. Herzstück des Angebots ist die e-commerce-Plattform Rutronik24, die allen Interessenten weltweit zur Verfügung steht. Sie hat im Rahmen unseres neuen Webauftrittes eine modernere und aufgeräumtere Oberfläche bekommen. Die Klassifizierung der Komponenten, die für Entwickler und Einkäufer eine Hilfestellung bei der Auswahl bietet, sowie die umfangreichen Suchfunktionen, Massquotation, der Procurement-Bereich und alle anderen Services sind selbstverständlich geblieben. 

Rutronik24-Kunden in Asien bzw. außerhalb Europas bedienen wir – wie die Rutronik-Kunden auch – entweder aus dem Lager in Ispringen, aus Asien oder in Kürze auch aus Amerika, je nachdem wie es logistisch am sinnvollsten ist.