China: Von der klassischen Second-Source-zur First-Source-Region Modernes Einkaufsmanagement ist viel mehr als nur Kosten drücken

Forumsrunde
Welche Auswirkungen hat die Abkühlung des wirtschaftlichen Wachstums auf die Sourcing-Strategien deutscher OEMs und Fertigungsdienstleister? Wie hat sich das Bild des Einkäufers in den letzten Jahren in der Branche gewandelt? Interessante Antworten auf diese Fragen lieferte der erste Einkäufer-Round-Table der Markt&Technik.

Chinas jüngste wirtschaftliche Abkühlung eröffnet europäischen Unternehmen bei allen Unwägbarkeiten auch neue Sourcing-Möglichkeiten. Eine höherer Automatisierungsgrad und die Verlagerung von Produktion ins Inland werden dazu beitragen, das Kosten-Gap bei lohnintensiver Arbeit auch noch im nächsten Jahrzehnt zu erhalten.

Als die Abkühlung der wirtschaftlichen Entwicklung Mitte dieses Jahres immer deutlicher erkennbar wurde, und das Land der Mitte von Juni bis August immer wieder in Aktien- und Bankenturbulenzen geriet, geriet zunehmend auch eine Selbstverständlichkeit der letzten 20 Jahre für die deutsche Elektronikbranche ins Wanken – das Sourcing in China. Ob nun Leiterplatten, elektromechanische Komponenten, Kühltechniklösungen oder auch Halbleiterlösungen aus chinesischen Fertigungsstätten, in den Stabsabteilungen begann man sich zusehends Gedanken über die Stabilität der chinesischen Partner und Lieferanten zu machen. Meldungen wie die, dass der Kreditversicherer Euler Hermes allein für dieses Jahr in China mit 8 Prozent mehr Insolvenzen rechnet als im Vorjahr, bestätigten die Befürchtungen nur.

Doch wie stellt sich die Situation vor Ort für deutsche Einkäufer wirklich dar? Mit Vertretern namhafter Unternehmen der deutschen Elektronikbranche diskutierten wir darum im Rahmen des Round-Table-Gesprächs, »Aktuelle Herausforderungen und Chancen für den Einkauf in der Elektronik«, das Thema Sourcing in China.

»Aktuell stellt sich die Situation so dar, dass es eine ganze Reihe freier Fertigungskapazitäten in China gibt«, berichtet Stefan Hansmann, Leiter Strategischer Einkauf bei Stiebel Eltron. »Anders als noch vor einigen Jahren lehnen chinesische Hersteller heute auch kleinere Auftragsvolumina nicht mehr ab.« Eine Erfahrung, die so auch von den anderen Diskussionsteilnehmern bestätigt wird.

Umso erstaunlicher erscheint es da, wenn im gleichen Atemzug davon gesprochen wird, dass die chinesischen Partner nicht mehr genügend Mitarbeiter für die Produktion finden. »Wir arbeiten beispielsweise mit einem EMS-Partner in Shanghai zusammen, erläutert Peter Adomeit, Leiter strategischer Einkauf bei BMZ, »obwohl sich das Gehaltslevel in etwa auf europäischem Niveau bewegt, bekommt der keine Elektroniker mehr«. 

Vor dem Hintergrund der steigenden Löhne, nicht nur im Bereich der Fertigung, wird es für chinesische Hersteller immer interessanter sich im Hinterland, abseits der Küstenzentren anzusiedeln. Die notwendige Infrastruktur, so die Diskussionsteilnehmer, sei da, auch der Staat fördere die Erschließung bislang weniger entwickelter Provinzen. Damit werde es auch für Arbeiter, die bislang aus dem Hinterland die 2000 km lange Reise zu den Produktions-Hot-Spots an der Küste auf sich genommen haben, einfacher, näher zu ihrer Heimatregion Arbeit zu finden. »Damit kommen diese Arbeiter dann nicht mehr nur traditionell nach dem Chinese New Year nicht mehr zu ihren Arbeitgebern zurück, sie fallen komplett als Ressource aus«, meint Adomeit. Gleichzeitig sieht er in diesem Verschiebungsprozess die Möglichkeit, »dass das Gehaltsniveau für lohnintensive Arbeiten auch weiterhin in China auf einem vergleichsweise niedrigen Niveau bleibt«.

Hansmann setzt da eher auf die zunehmenden Automatisierungsanstrengungen der chinesischen Partner. »Ich gehe davon aus, dass diese Anstrengungen dazu beitragen werden das Gap zwischen Europa und China im Hinblick auf lohnintensive Produkte weiter aufrecht zu erhalten und China damit auch in Zukunft ein Land sein wird, in dem wir günstig lohnintensive Produkte sourcen können«.

Zu diesen Produkten gehören in erster Linie Leiterplatten, Gehäuse, Wickelgüter, Kühlkörper, aber auch Relais und andere passive und elektromechanische Bauelemente. In Bezug auf eine doppelseitige Leiterplatte liegt der Preisunterschied zwischen Europa und China heute immer noch bei 10 Prozent, wie die Diskussionsteilnehmer versichern. Geht es um Multilayer mit bis zu vier Lagen, kann die Differenz auch schon mal 30 Prozent betragen, in der Vergangenheit waren da aber auch schon bis zu 50 Prozent drin. 

Es gibt aber auch Produktbereiche, da schlägt das Thema lohnintensiv noch in ganz anderer Art und Weise durch. Bei Wickelgütern, so Gerhard Otto, Einkaufsleiter der Inpotron Schaltnetzteile, »kann in Deutschland schon mal das Fünf- oder Sechsfache des Preises in China aufgerufen werden«. Etwa 25 Prozent des Bedarfs source man in China, so Otto, »die notwendigen Spezifikationen werden bei uns entwickelt, und dann werden die Komponenten und Zulieferteile nach unseren Vorgaben in China gefertigt«. Mit 25 Prozent liegt der Stromversorgungs-Spezialist schon vergleichsweise hoch. Wie sich herausstellt, ist die Quote der anderen Diskussionsteilnehmer durchweg tiefer. »Etwa 12 Prozent unsere gesamten Einkaufsvolumens entfällt auf China«, erläutert Hansmann, »zählt man die Produkte hinzu, die wir über die Distribution einkaufen, und die in China produziert wurden, kommen wir Fertigungsseitig auf einen Gesamtanteil von etwa 35 Prozent, der aus China stammt«.

Im Fall BMZ sind es nach Angaben von Peter Adomeit, Leiter strategischer Einkauf, etwa 10 Prozent des jährlichen Gesamteinkaufsvolumens, das zuletzt bei 128 Millionen Euro lag. Gesourct wird über die Gruppen-Niederlassung in Shenzhen. Dort lässt BMZ Ladegeräte entwickeln und fertigen. »Bislang sind es vor allem Kunststoffteile und Elektronikwickelgüter aller Art, die wir in China sourcen«, berichtet Adomeit. Beim Thema Akku-Zellen ist das Unternehmen zurückhaltender. »In Japan und Korea werden Batterien und Akku-Zellen in vollautomatisierten Fertigungen produziert«, erklärt Adomeit, »in China ist das immer noch eine halbautomatische Fertigung. Trotzdem werde ich mir demnächst zwei mögliche neue Lieferanten vor Ort in China anschauen«.

Für Richard Kauschinger, Head of Commodity Management Active bei Zollner, bewegt sich das direkte Einkaufsvolumen seines Unternehmens in China noch im einstelligen Bereich. »Fast alles, was wir verbauen, kommt heute aus Quellen in Asien«, schildert er die Situation, »als EMS-Dienstleister habe ich auf die durch den Kunden vorgegebenen Komponenten zumeist keinen Einfluss, aus diesem Grund sind wir beim Lieferanten-Sourcing auch nicht in der Tiefe involviert«. Doch das ändert sich inzwischen. »Wir beobachten, dass uns die Kunden im Produktentstehungs-Zyklus immer früher einbinden, teils schon in der A- oder B-Muster-Phase«, so Kauschinger. »Vor diesem Hintergrund bringen wir nicht nur unser Know-how im Hinblick auf die Fertigungstechnik ein, sondern auch immer mehr unsere Fähigkeiten im Bereich des Lieferantenmanagements.« Um dazu auch den Markt in China in Zukunft besser beurteilen zu können, hat Zollner in diesem Jahr ein Einkaufsbüro in Shanghai eröffnet. 

Im Fall Jumo liegt der Sourcing-Anteil in China bei etwa 20 Prozent, wie Frank Wiegand, Strategischer Einkauf Elektronik, darlegt. Es sind vor allem Leiterplatten, Kunststoff-, Dreh- und Fräßteile, die man aus China bezieht. »In all diesen Fällen fahren wir aber eine klare Second-Source-Strategie in Europa«, versichert er, »ein qualifiziertes Risikomanagement ist uns in diesem Zusammenhang sehr wichtig«!

»Wir sourcen ausschließlich aus Kostengründen in China«, gibt auch Hansmann zu verstehen, »auch wir haben für fast jede Leiterplatte eine Second-Source in Europa gelassen«. Dabei geht es nicht um Qualitätsabsicherung wie man vermuten könnte, sondern die Lieferzeiten. »Wir hätten sicher den ein, oder anderen Auftrag so nicht annehmen können, wenn wir nicht diese Flexibilität und Liefertreue der europäischen Hersteller hätten nutzen können«.

Entscheidend – und das ist aus allen Diskussionsbeiträgen herauszuhören – ist bei der Partnersuche in China die Auswahl des richtigen Partners. Dabei geht es vor allem um die richtige Größenordnung. »Wer hier rein preis- oder qualitätsgetrieben operiert, kann Probleme bekommen«, gibt Hansmann zu bedenken, »wir haben uns bei Leiterplatten aus strategischen Gründen für Partner mit maximal zwei Fertigungsstätten und Umsatzvolumina von 20 bis 30 Millionen Dollar entschieden«. In dieser Größenordnung – so auch die Einschätzung der anderen Diskussionsteilnehmer – passt es zumeist zwischen den mittelständisch geprägten deutschen Unternehmen und den Chinesen. Dass man sich in China nicht nur auf das Sourcing von Komponenten beschränken muss, zeigt das Beispiel BMZ. »Wir lassen nach unseren Vorgaben dort Maschinen fertigen, die wir dann nach Deutschland bringen, und hier in den Produktionsprozess integrieren«, erläutert Adomeit, »der Preisunterschied gegenüber Maschinen aus europäischer oder deutschen Produktion liegt bei 30 bis 35 Prozent«.

»China«, so Wiegand, »eignet sich hervorragend, um wettbewerbsfähige Technologie zu sourcen, zu diesen würde ich auch Displays zählen«. Solange es um Produktionspartner geht, stimmt Hansmann ihm zu: »Das funktioniert heute sehr gut, wenn ich mich hier aber auf die Suche nach Innovationslieferanten mache, würde ich eher sagen: ‚Nein‘«. Dabei nutzt Stiebel Eltron China nicht mehr nur als Second-Source-Lieferant, sondern ist inzwischen dazu übergangen, chinesische Hersteller auch als First Source zu nutzen«.

Wie stehen die Diskussionsteilnehmer zum offenbar einmal sehr beliebten Lieferanten-Hopping? »Hopping ist nicht unser Ding«, stellt Hansmann klar, »wir sind an einer langfristigen Partnerschaft interessiert«. Dazu wird in Gesprächen mit möglichen Partnern schon früh relativ viel abgecheckt. »Damit weiß jeder, was wir von ihm erwarten«, erläutert Hansmann. »Wir zeigen den möglichen Partnern aber auch auf, was wir ihnen bieten können«. Der Vorteil von Partnerschaften liegt für ihn darin, »dass ich auch Kritik ohne Wertschätzungsverlust anbringen kann«. Hansmann hat dafür einen speziellen Ausdruck: Kooperatives Eskalieren.

Schwierig wird diese Thema, wenn man auf Single-Sources angewiesen ist, umso mehr dürfte dann partnerschaftliches Krisenmanagement angebracht sein. BMZ befindet sich da für Adomeit in einer gewissen Sondersituation: »Unsere Lieferanten sind mit Sicherheit nicht auf uns angewiesen, aber wir sind diejenigen, die den Finger am Puls des Marktes haben und den Zellenlieferanten sehr schnell Feedback geben können, in welche Richtung sich der Markt entwickelt, und welche Konsequenzen das für den speziellen Anforderungen dieser Applikationen an die Batterien und Akkus bedeutet«. Im Prinzip, so Adomeit, geben wir 

unseren Lieferanten damit ein kostenloses Benchmarking an die Hand. Eine Sichtweise, die auch Hansmann teilt: »Eigentlich müsste mir der Lieferant dankbar sein, wenn ich ihm fünf Wettbewerbspreise an die Wand werfe, die besser sind als sein Angebot«. Schließlich sei es wichtig für jedes Unternehmen zu wissen, wo es stehe. »Bei uns ist auch noch keiner aus der Lieferantenliste rausgeflogen, weil er eine gewünschte Preisreduzierung nicht sofort umsetzen konnte«, erläutert Hansmann, »aber wir fragen ihn schon, wie er das erreichen will, und begleiten ihn bei diesem Prozess«.