Der Konjunkturmotor läuft langsamer, kommt aber nicht zum Stillstand Keine Panik!

Dr. Andreas Gontermann, ZVEI: »Strukturell wie auch betriebswirtschaftlich sind wir in der Elektroindustrie sehr gut aufgestellt. Unsere Firmen haben im Durchschnitt eine Eigenkapitalquote von 40 Prozent, das sind 10 Prozentpunkte mehr als im Schnitt des Verarbeitenden Gewerbes insgesamt.«
Dr. Andreas Gontermann, ZVEI: „Mit Blick auf die strukturell gute Verfassung der Industrie gibt es keinen Grund zur Panik. Der Konjunkturmotor wird nicht abrupt stillstehen, sondern läuft langsamer.“

Das Wachstum verlangsamt sich und die Risikofaktoren mehren sich. Aber ein Absturz der Branche wie Ende 2008 und 2009 ist nicht in Sicht. Daher rät ZVEI-Chefvolkswirt Dr. Andreas Gontermann zur Besonnenheit, denn ein moderateres Wachstum ist kein Grund zur Panik.

Markt & Technik: Die Meldungen aus dem Finanzsektor wecken Befürchtungen und die Angst vor einem »Dejà Vu«. Wie beurteilen Sie die Lage der Elektrobranche derzeit?

Dr. Andreas Gontermann: 90 Prozent der Elektrounternehmen beurteilen ihre aktuelle Geschäftslage als sehr gut, gut oder stabil. Dennoch: Insgesamt müssen wir schon konstatieren, dass sich das Wachstumstempo verlangsamt. Das war aber auch zu erwarten gewesen. Da die Aufholeffekte nach der 2009er Krise mehr und mehr auslaufen, normalisiert sich das Wachstumstempo. Es war immer klar, dass wir nicht auf Jahre mit zweistelligen Wachstumsraten  »dahin galoppieren« würden.

Könnte das vierte Quartal die zu erwartenden guten Ergebnisse in diesem Jahr noch verhageln?

Nein, danach sieht es nicht aus. Wir haben im April eine Produktionsprognose für 2011 abgegeben von plus 10 Prozent und daran halten wir auch fest. Diese Prognose war bewusst konservativ angelegt und da war auch noch Luft nach oben. Diese Luft ist nun etwas dünner geworden, aber wir sind ganz zuversichtlich, dass wir am Ende bei 10 Prozent landen.
Wir rechnen für dieses Jahr mit einem Umsatz für die gesamte Branche von mehr als 180 Mrd. Euro. Damit wären wir in etwa wieder auf dem Niveau von 2008. Zur Erinnerung: 2009 und 2010 hatten wir 145 bzw. 164 Mrd. Euro, 2008 waren es 182 Mrd. Euro.  

Und wie lautet Ihre Prognose für 2012?

Für 2012 haben wir noch keine offizielle Prognose. Nach ersten vorsichtigen Schätzungen gehen wir von einem mittleren einstelligen Wachstum aus, also etwa um die 5 Prozent. Damit ist die Botschaft klar: Weiterhin Wachstum, aber moderater als 2011. Das ist aber auch der Tatsache geschuldet, dass wir die Krisenverluste dann ja bereits ausgeglichen haben.

Aber viele Firmen, beispielsweise aus der Fertigungsindustrie sprechen von Rekordergebnissen?

Ja, das gilt sicher für einzelne Fachbereiche und Segmente des Elektromarktes, aber über die Gesamtbranche gesehen liegen wir etwa auf dem Niveau von 2008.  
Aber wir sollten unser Licht keinesfalls unter den Scheffel stellen, denn dass wir allein das Niveau von 2008 bereits über die Branche gesehen wieder erreichen, ist eine sehr beachtliche Leistung. Im Krisenjahr 2009 hatten wir zwischenzeitlich doch gedacht, es könnte fünf, sechs oder gar sieben Jahre dauern, bis wir wieder auf das Niveau von 2008 kommen.
Der Export war überdies schon 2010 wieder auf Rekordniveau mit 151 Mrd. Euro – so viel hatten wir selbst 2008 nicht.

Gibt es neben den finanzwirtschaftlichen Risiken denn auch realwirtschaftliche?

Risiken können wir weltweit viele identifizieren, und da gibt es auch wenig zu beschönigen. Risiken können wir weltweit viele identifizieren, und da gibt es auch wenig zu beschönigen.Wir haben es mit zunehmenden Rezessionsängsten zu tun, die Konjunkturpakete aus der Krise laufen aus, Steuererleichterungen fallen weg, weil die Staatshaushalte konsolidiert werden müssen. In einigen Schwellenländern wird mit geld- und finanzpolitischen Mitteln gegen eine Blasenbildung gekämpft, z. B. in China und Brasilien. Hinzu kommt noch die fragile US-Konjunktur und schlussendlich das ganze Thema rund um die »Finanzwirtschaft« mitsamt der Frage inwieweit die Banken ausreichend kapitalisiert sind. Ein Bremsfaktor sind auch die hohen Energie- und Rohstoffpreise.Die realwirtschaftlichen Risiken sind aber kleiner als die momentane Unsicherheit aus dem Finanzsektor.

A propos Rohstoffe: Entwickelt sich hier ein Käufermarkt oder bleibt es bei den hohen Preisen?

In Bezug auf die Seltenen Erden sind die Preise eindeutig und z.T. wohl auch entkoppelt von der konjunkturellen Entwicklung, weil der Markt hier strategisch von den Chinesen beeinflusst wird.
Seit Mitte 2008 haben sich die Preise für einzelne Seltene Erden vervielfacht: Lanthan ist beispielsweise 27 mal so teuer wie noch vor etwa zweieinhalb Jahren. Wir sprechen hier also nicht von moderaten Preissteigerungsraten, sondern von einer Ver-X-fachung der Preise. Solche drastischen Preissteigerungen schlagen sich schon in den Herstellungskosten nennenswert nieder, auch wenn die Seltenen Erden teilweise nur in kleinsten Mengen gebraucht werden. Am Ende des Tages müssen die Unternehmen aber kostendeckend arbeiten.

Sind im Fall der Seltenen Erden Auswege in Sicht, beispielsweise zusätzliche Förderkapazitäten?

Das Problem sind ja nicht die Vorkommen. Im Prinzip wird jährlich nur ein Promille des weltweiten Vorkommens gefördert. Das Problem ist: Das heutige Angebot stammt praktisch nur aus China, das somit eine Monopolstellung inne hat. Es gibt begrüßenswerte Initiativen von alternativen Förderkapazitäten, z. B. in den USA und Australien, aber das dauert eben seine Zeit, bis diese Minen in der Lage sind, zum globalen Angebot nennenswert beizutragen.

Und die Preissituation bei den Rohstoffen insgesamt?

So tief wie 2009 werden die Rohstoffpreise möglicherweise nicht mehr sinken, weil Anleger angesichts des derzeit angeschlagenen Vertrauens mehr und mehr auch auf Rohstoffe – etwa Öl oder Gold – setzen. Rohstoffe sind als Assetklasse hoffähig geworden und werden Fonds genauso beigemischt wie andere Anlageformen. Wenn man aber solche Rohstoffe vom Markt nimmt und vorhält für spekulative Zwecke, stehen die Rohstoffe natürlich nicht mehr für Produktionszwecke zur Verfügung.