Die Lieferkette diskutiert Ist Verknappung die neue Normalität?

Forum Distribution 2017
Vertreter der Elektronik-Lieferkette diskutierten beim Markt&Technik Forum "Distribution & Supply Chain" rege über das Thema "Verknappung".

Die Digitalisierung sorgt für noch mehr Elektronik in Consumer-Geräten und Industrie-Systemen. Rund ums IoT kommen neue Kunden und Applikationen ins Spiel: Der Trend geht in Richtung „ultimative Flexibilität“ – ein unlösbares Dilemma für die Lieferkette?

Die vergangenen fünf Jahre bescherten der Branche ein relativ stabiles Wachstum. Gleichzeitig haben die Kunden immer kurzfristiger disponiert. Kaum ein Hersteller hat in dieser Zeit zusätzliche Kapazitäten aufgebaut, und die Distributoren haben ihre Lagerkapazitäten in aller Regel auch nicht erhöht. Zusammenschlüsse und Konsolidierungen auf Herstellerseite tun ihr Übriges: »Bei einigen Halbleiter-Mergern hat die Produktivität erst mal abgenommen – Anwesende ausgenommen«, stellt Bernd Pfeil, Vice President Sales CE von EBV, beim Markt&Technik Forum “Distribution & Supply Chain” fest.


 

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Forum "Distribution & Supply Chain"

Teilnehmer

Ist die Verknappung real?

Seit Jahresbeginn stiegen die Bestellungen noch einmal deutlich an – (mehr zu den Gründen im Beitrag »Heute treibt nicht mehr eine einzige Killerapplikation den Bedarf«) und die Lieferzeiten ebenso. »Die Analysten haben noch im Oktober/November vergangenen Jahres 3 bis 4 Prozent Wachstum weltweit prognostiziert, im März wurde das korrigiert auf 7 bis 8 Prozent«, sagt Martin Bielesch, President EMEA Components von Arrow. In Anbetracht dessen sei es eigentlich ganz normal, dass alle anfangen zu “rütteln” und eine Verknappungssituation eintritt, meinen einige Diskussionsteilnehmer. »Weil fast alle ihre Kapazitäten flach gehalten haben, wird es nun erst einmal dauern, bis die Kapazitäten der Nachfrage folgen«, unterstreicht Bielesch und warnt gleichzeitig auch davor, die Verknappungssituation überzubewerten. »Eine Book-to-Bill von 1,2 lässt schon darauf schließen, dass da Bedarfe angezeigt werden, die nicht mehr real sind und einige Bookings nur Sicherheits-Bestellungen sind«, ergänzt Jan Pape, Director EMEA Distribution von TI.

Sind alle Produktlinien von der Verknappung betroffen? Martin Bielesch spricht nur von »gewissen Bereichen«. Die Mehrheit in der Runde, wie Ralph Bühler, Chief Sales Officer von PremierFarnell, sieht die Verknappung hingegen real über die gesamte Kette: »Wir befinden uns in einem interessanten Dilemma, weil das Wachstum, wie vorhin diskuktiert, nicht über eine Killerapplikation getrieben wird, sondern verteilt über viele Anwendungen. Die Verknappungen entstehen daher auch über das gesamte Produktspektrum.« So sind nach Auskunft von Bühler die Hersteller passive Komponenten noch nie in ihrer Historie dem Verknappungs-Zyklus der Halbleiter so schnell “gefolgt” wie dieses Mal. Bei den Passiven haben sich dieses Mal die längeren Lieferzeiten  unmittelbar im Quartal nach den Halbleitern bemerkbar gemacht. »Wir hatten über die letzten zwei Jahre bei vielen Herstellern 95 Prozent Auslastung. Wenn wir jetzt noch mal einen Anstieg um 10 Prozent haben, sind wir bei 105 Prozent Auslastung angelangt. Und das kann so nicht funktionieren«, betont Andreas Mangler, Director Strategic Marketing & Communications von Rutronik.    

IoT-Kunden und das “Chaos” in der Lieferkette

Einige müssten sich aber auch an die eigene Nase fassen, so jedenfalls bringt es Hermann Reiter, Vertriebsdirektor von Digi-Key und Geschäftsführer der deutschen Digi-Key GmbH, beim Forum auf den Punkt: »Viele der Schuldigen an der Verknappungssituation sitzen auch hier in diesen Raum.« Das Problem ist nach Ansicht von Reiter, dass viele Kunden, allen voran neue “IoT-Kunden”, ihre Bedarfe nicht vorausschauend – oder auch gar nicht mehr – planen.  Was meint Reiter mit “IoT-Kunden”? Das sind zum einen Firmen, die als Start-ups neu ins Geschäft einsteigen, aber auch etablierte Firmen, die bisher nichts mit Elektronik zu tun hatten und nun ihre Produkte IoT-fähig machen und vernetzen wollen. Das Verständnis für Elektronik-Lieferkette fehlt solchen Firmen: »Wer vorher zum Beispiel in vier Wochen eine Pumpe gebaut hat, möchte nun seine Bauteile für die Elektronik auch in vier Wochen haben. Das kann so nicht funktionieren«, so Reiter. »Das Problem zieht sich durch die ganze Lieferkette – auch die EMS können keinen ordentlicher Forecast mehr geben, wenn deren Kunden keine Forecasts liefern.« Johann Weber, Vorstandsvorsitzender von Zollner Elektronik, sieht das aber nicht unbedingt als Nachteil: »Wir müssen die Forderungen des Marktes nach steigender Flexibilität und bedarfsorientierter Produktion erfüllen. Die müssen wir realisieren können, wenn wir keinen Forecast mehr bekommen.« Als Beispiel für die geforderte Flexibilität nennt Weber die Automobilindustrie: Hier ist es das Ziel, dass sämtliche Features noch geändert werden können, bis zu vier Tage bevor das Auto produziert wird. »Das wird kommen. Die Automobilindustrie wird hier Vorreiter sein, und andere Branchen werden folgen«, progonostiziert Weber. Gleichzeitig werden Produkzyklen immer kürzer, und daher wird an vielen Stellen in der Lieferkette Trouble Shooting betrieben. Auch gibt es weniger Lieferanten für bestimmte Produkte, und in vielen Fällen ist nur noch ein Hersteller auf der Stückliste freigegeben. Das hat nach Ansicht von Andreas Mangler noch einen anderen Grund: »Wir haben einen Trend vom Design-in zum einzigartigen Produkt, denn Preis- und Technologiedruck führt oft zu dem EINEN Produkt als der einzigen perfekten Lösung, die am Schluss übrig bleibt. Nur so kommen Preis und Technologie zusammen.«