Lieferbarometer Gut bedient, wer Rahmenverträge hat

Nach wie vor hat die Lieferkette mit Engpässen bei der Bauteileverfügbarkeit zu kämpfen, wenn auch in unterschiedlichen Ausprägungen. Während passive Bauelemente und Halbleiter in Teilbereichen immer noch knapp sind und die Kunden hier mit Preiserhöhungen rechnen müssen, scheint sich die Lage bei Speicher-ICs merklich zu entspannen.

So betont Thorsten Wronski, Vorstand beim Speicher-Spezialisten Memphis Electronic: »Die Verfügbarkeit von Speicherkomponenten hat sich Ende des dritten Quartals verbessert. Das liegt zum einen daran, dass der erwartete Run auf Speicher-ICs in den letzten Wochen schwächer ausfiel als gedacht, zum anderen daran, dass Hersteller nach langen Wartezeiten endlich ihre Maschinen für Fertigungsprozesse von unter 50nm erhalten haben und einen größeren Output liefern können. Dadurch ergeben sich im vierten Quartal bei einzelnen Produkten sicher Preissenkungen.«

In vielen anderen Produktbereichen dagegen müssen die Kunden eher mit Preissteigerungen rechnen, beispielsweise für Elkos: »Die Nachfrage liegt etwa 15 Prozent über unseren Kapazitäten. Die Liefersituation ist für reguläre Kunden gut. Neukunden werden später oder gar nicht beliefert. Preissteigerungen haben eher die Kunden zu erwarten, die kurzfristig bestellen«, erklärt Bernhard Frank, Geschäftsführer AIC Europe. Für die anderen Kunden der japanischen Elko-Hersteller wird es laut Frank erst mit den Verhandlungen für das Jahr 2011 Preiserhöhungen geben.

Ähnlich schildert auch Markus Zühlke, Bereichsleiter Passive Bauelemente bei Rutronik, die Situation für passive Bauelemente: »Speziell der deutsche/europäische Markt ist nach wie vor auf einem stabil hohen Auftragsniveau, was sich aus unserer Sicht auch nicht signifikant bis Jahresende ändern wird.« Es könne also nach wie vor zu Engpässen in einzelnen Produktbereichen kommen. Weil einige Industriezweige erst jetzt von der Markterholung partizipieren, könnte das zu einer zusätzlichen Belebung im Markt führen, so der Manager.

Von einer zumindest partiellen Entspannung bei Halbleitern berichtet Jürgen Weyer, Managing Director, Vice President Automotiv – EMEA bei Freescale Semiconductor: »Im Automobilsektor hat sich die Verfügbarkeit von Halbleitern über die Sommermonate etwas entspannt – aber vor allem deshalb, weil der eine oder andere OEM seine Produktion etwas verlangsamt hat. Deshalb möchte ich noch nicht von einer allgemeinen Entspannung sprechen. Denn hatten wir Anfang des Jahres Kapazitätsprobleme im Backend, haben wir sie jetzt im Frontend. Wobei dieses Problem momentan nicht ganz so heftige Auswirkungen hat.« Weil sich die Nachfrage im Consumer- und Industriemarkt etwas abgeschwächt habe, seien kurzfristig zusätzliche Kapazitäten bei den Foundries zu bekommen, so Weyer. Vor einem Quartal war dies noch absolut unmöglich. Das helfe zwar etwas – trotzdem werden manche Halbleiter noch bis zum ersten Quartal 2011 schwierig zu bekommen sein.

Rahmenverträge federn ab

Fest steht: Wer sich rechtzeitig über Rahmenverträge bei seinem Lieferanten abgesichert hat, ist derzeit noch am besten bedient, denn Kunden mit Liefervereinbarungen werden in den meisten Fällen bevorzugt beliefert bzw. müssen nicht unmittelbar mit einer Weitergabe der Preissteigerungen rechnen, wie Michael Noffz, Leiter Marketing beim Bildverarbeiter Silicon Software, betont: »Durch langfristige Rahmenverträge können wir bisher die Preise halten, sehen aber für die kommenden Entwicklungen und Beauftragungen Preiserhöhungen auf uns zukommen. Über die Krisenzeit hinweg war es wichtig, mit konstant bleibenden Preisen zu antworten. Inzwischen sind jedoch die Produktions- und Materialpreise signifikant gestiegen.« Gleichzeitig ist sich Noffz aber auch sicher, dass sich dieser Effekt aber nur eine bestimmte Zeit auswirken wird, bevor sich die Märkte aller Branchen wieder beruhigt haben und sich die Wettbewerbssituation wieder aufbaut.

Und W. Prieger, Account Manager DACH Embedded Computing von Emerson Network Power, ergänzt: »Die Bauteilesituation konnten wir für bestehende Kunden abfedern. Bei Neukunden haben sich aber die Lieferzeiten verlängert.«