OEM vs. KMU Gibt es eine Zwei-Klassengesellschaft?

Distributions-Forum 2014
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Wenn die Bauelemente knapp werden, kursiert immer wieder ein hartnäckiges Vorurteil: Die großen OEMs kommen leichter an Ware als die KMUs oder die Distributoren. Ob an dieser Behauptung etwas dran ist, haben wir auf dem Markt&Technik Branchentreff zur »Zukunft der Distribution« aufgeklärt.

Letztlich geht es wie so oft in der Lieferkette um harten Verdrängungswettbewerb: Wer das Material hat, kann fertigen, wer das Material nicht hat, hat das Nachsehen und verpasst unter Umständen wertvolle Absatzchancen. 

Eine Rolle bei der Materialverteilung spielt auch die zunehmende Globalisierung der Beschaffung  in den letzten fünf bis zehn Jahren und der Produktionsboom  in Asien. »Die Asiaten haben keine Erfahrung mit der Allokation, bzw. kennen noch nicht einmal den Begriff. Das ist global gesehen ein riesen Potenzial, das nicht kontrollierbar ist und die Marktgegebenheiten wie wir sie kennen, stark verändern wird«, gibt Karsten Bier, CEO von Recom, zu bedenken. Ein asiatischer Fertigungsbetrieb wie Foxconn wird sich kaum mit Lieferzeiten von über zehn Wochen abspeisen lassen. Zwar ist das Bauelemente-Geschäft laut Michael Knappmann, Regional Vice President von Avnet Abacus durchsichtiger geworden. »Aber wenn ein Apple morgen nach Ware schreit, dann sehen wir wahrscheinlich nicht eine mangelhafte Verteilung zwischen großen und kleinen Kunden in Europa, sondern manche Produkte in Europa gar nicht.«

»Es gibt sicher Unterschiede zwischen den OEMs, aber wir sehen, dass eine gewisse Kategorie von OEMS gerade in Allokationszeiten verstärkt beim Distributor einkauft, insofern ist das ein Zeichen dafür, dass OEMs auch nicht in der Breite vorgezogen werden«, entgegnet Rainer Maier, Technical Sales Manager Germany von Avnet Memec.

Und wie lautet nun die Antwort der Herstellerseite? »Natürlich haben die Bauelemente-Hersteller den großen OEMs Verträge, die von den OEMs diktiert werden und diese inkludieren auch gewisse Lieferkonditionen«, erklärt Karsten Bier. »Es ist klar, dass ein Vertrag mit einem großen Konzern anders aussieht, als mit einem kleinen Mittelständler. Wenn sich ein Hersteller auf so etwas einlässt, dann muss er auch gewisse Dinge beachten. Aber für uns gilt: Wir behandeln jeden Kunden gleich«.

Diese Haltung unterstreicht Stefan Dosch von Freescale auch für sein Unternehmen: »Wir wollen Bandstillstände vermeiden, weil das der absolute Super-Gau wäre, beim Automobilhersteller genauso wie beim kleinen Mittelständler. Bevor die Bänder stehen, versuchen wir auszugleichen, dabei unterstützen uns auch unsere Distributoren massiv.« Besonders für einen kleinen Mittelständler, der kann es existenzbedrohend werden, wenn er seinen Auftrag nicht ausliefern kann und Konventionalstrafen zahlen muss. »Solche Situationen versuchen wir zu erkennen, was natürlich nicht immer leicht ist, es kommt darauf an, wie transparent die jeweilige Lieferkette ist. Unbefriedigend ist dabei, dass die, die sehr gut geplant haben, nicht immer ausreichend belohnt werden. Aber: Bevor es zum Stillstand kommt, werden die bevorzugt, die sauber geplant haben«, so Dosch.  Ähnlich sieht das auch Frank Wolinski von ST Microelectronics: »Als Halbleiter-Hersteller können wir uns gar nicht erlauben, zwischen OEM und Distributor zu differenzieren. Letztlich ist es einem großen OEM egal, ob sein Band steht, weil ihn ein Tier 1 Zulieferer  nicht beliefern kann oder weil es steht, weil ihn ein Tier3 oder Tier4  Zulieferer nicht mehr beliefern kann. Auch wenn ein kleiner Zulieferer nicht mehr liefern kann, kann sich das schnell nach oben auswirken.«

Allerdings ist der Begriff »Linestopp« in Zeiten der Verknappung laut Thomas Brachtel, Manging Director Central Europe von Future, mit Vorsicht zu genießen. Denn er wird allzu oft inflationär gebraucht und erweist sich bisweilen als »Brandbeschleuniger«.