Gefälschte Elektronikkomponenten Ein dreistes Milliarden-Dollar-Business

Miguel Fernandez, President von Avnet

Bauteile-Fälscher werden immer dreister. Wie können sich die Anwender von Elektronik-Bauteilen im Geschäftsalltag schützen? Miguel Fernandez, President von Avnet EMEA, hat nützliche Tipps parat.

Vor einigen Jahren entdeckte das „Senate Armed Services Commitee“ (Ausschuss des US-Senats für die parlamentarische Kontrolle u.a. der Streitkräfte) über 1 Mio. gefälschte Elektronikkomponenten in der Lieferkette. Sie wurden in Computern verbaut, in Hubschraubern für Spezialeinsätze, in Überwachungsflugzeugen – ja selbst in Raketen. Als Senator und ehemaliger Präsidentschaftskandidat sagte John McCain, dass dies »unsere Sicherheit und die Leben der Männer und Frauen bedroht, die sie beschützen«. Dies verdeutlicht das Ausmaß und die Risiken, die von gefälschten Produkten ausgehen.

Da es sich um einen illegalen Markt handelt, ist es schwierig, seine Größe genau zu beziffern. Doch bereits 2002 schätzte das FBI, dass allein für US-amerikanische Unternehmen durch Produktpiraterie ein Schaden von rund 20 Mrd. Dollar pro Jahr entsteht. Heute, 15 Jahre später, gehen aktuelle Schätzungen von hunderten Mrd. Dollar jährlich aus. Und die Situation verschärft sich. Auch immer mehr elektronische Komponenten werden gefälscht.

Eine Umfrage im Jahr 2010 zeigte, dass über die Hälfte der Hersteller integrierter Schaltungen gefälschte Versionen ihrer Produkte entdeckt hatten. Ein Bericht von 2015 des „Defense Systems Information Analysis Center“ zeigt, dass Hersteller, die das US-Verteidigungsministerium beliefern, eine „dramatische Zunahme des Anteils gefälschter Produkte in der Lieferkette“ beklagen. Nicht umsonst hat Marktanalyst Strategyr das Problem an die erste Stelle der vier größten Herausforderungen gesetzt, die die künftige Marktentwicklung negativ beeinflussen werden.
In Europa hat das europäische Amt für Betrugsbekämpfung (OLAF) in einer multinationalen Partnerschaft mit Europol und Zollbeamten aus zwölf EU-Staaten kürzlich über 1 Mio. gefälschte Halbleiterprodukte beschlagnahmt – von LEDs über Dioden und Transistoren bis zu ICs. Nach Angaben von OLAF wären diese Komponenten womöglich in Autos oder Flugzeugen verbaut worden, wenn man sie nicht konfisziert hätte: »Ihr Gebrauch hätte Menschenleben gefährden können. Außerdem entstehen durch das Schmuggeln gefälschter Produkte ernsthafte finanzielle Schäden für die europäische Industrie.«

Es handelt sich um eine große Ausbeute. Zum Vergleich: In den drei Jahren bis Mai 2010 zogen US-Zollfahnder 1300 Funde mit insgesamt 5,6 Mio. Komponenten aus dem Verkehr – das sind 4300 Einheiten pro Fall!
Multinationale Zusammenarbeit wie diese ist eine Voraussetzung, damit die Industrie sich wehren kann. Und doch beziffern die neusten Zahlen nur die Spitze des Eisbergs. Die Aussicht auf enorme Gewinne ist für die Produktpiraten verlockend und das vermeintliche Sparpotenzial für Käufer groß – daher werden die Fälscher ihre Praxis fortführen.

Arten gefälschter Produkte

Gefälschte Produkte führen in der Industrie nicht nur zu Umsatzverlust oder anderen ökonomischen Beeinträchtigungen. Sie zerstören auch die Glaubwürdigkeit einer Industrie, die globale Transparenz und Nachverfolgbarkeit über vollständige Lieferketten hinweg anstrebt. Außerdem entstehen Probleme für OEM-Hersteller, die gefälschte Produkte ohne ihr Wissen einsetzen – etwa in kritischen Anwendungen in den Bereichen Medizin, Automotive oder Transport. Möglich sind zum Beispiel vermehrte Reklamationen und Rückläufer, erhöhte Garantie- und Wartungskosten sowie ein erhöhter Testaufwand und eine geringere Zufriedenheit mit den Marken. Zu den am häufigsten gefälschten Produkten und Mängeln gehören:

Arbeitskopien:
• Copyright-Verstöße: Ein vorhandenes Gerät wird dupliziert, das dann als Original durchgehen soll
• Gestohlene Masken und Designs: Werden für die Produktion in nicht autorisierten Fabriken verwendet
Falsche Kennzeichnungen/Dokumentationen:
• Unrechtmäßige Kennzeichnung als RoHS-/REACH-konform
• Gebrauchte Komponenten, die von Ausschussplatinen entlötet und neu gekennzeichnet werden
• Falsche Date-Codes
• Falsche Testzertifikate
• Falsche Dokumentation, die eine höhere Leistungsfähigkeit verspricht
Defekte:
• Komponenten, denen Bestandteile wie Dies und Drähte fehlen

Fälschungssichere Technologien

Der Anwalt und Elektronik-Betrugsexperte Louis Feuchtbaum hat es vielleicht am passendsten ausgedrückt: »Es herrscht ein permanenter Wettlauf um Qualitätskontrollen für Originalprodukte, die die Produktpiraten noch nicht nutzen können. Diese funktionieren jedoch nur für eine begrenzte Zeit.«
Angesichts der eingangs beschriebenen Problematik ist es wenig überraschend, dass das US-Verteidigungsministerium eine Führungsrolle dafür übernommen hat, sicherzustellen, dass alle Anbieter in seiner Lieferkette einen durchgängigen Ansatz verwenden. Derzeit sind allerdings noch mehrere Ansätze im Einsatz oder in der Entwicklung. Einer davon zielt in Richtung Biotechnologie.
Das Unternehmen Applied DNA Sciences (etwa: „Angewandte DNA-Wissenschaften“) arbeitet mit der amerikanischen Regierung zusammen, um einzigartige DNA-Sequenzen auf Elektronikkomponenten-Lose aufzubringen. DNA ist fluoreszierend, unter UV-Licht lässt sie sich also leicht nachweisen. Neuste Sequenzierungstechniken stellen sicher, dass die Authentizität sehr günstig innerhalb von Stunden nachgewiesen werden kann. Dies erschwert Produktpiraten das Fälschen erheblich, da sie Zugang zu einem Gentechnik-Labor bräuchten. Zudem ist es quasi unmöglich, Sequenzen zu replizieren – für eine Sequenz mit 20 Stellen gibt es über 1 Billion mögliche Kombinationen.