Beispielloses Wachstum Distributionsmarkt in Europa erholt sich im Eiltempo

Karlheinz Weigl, Silica: »In allen Bereichen ist die Nachfrage so enorm gestiegen dass es schwer fällt, die tatsächlichen Wachstumstreiber zu identifizieren. Zudem sind alle Sektoren durch die fehlende Verfügbarkeit von Bauteilen im Wachstum gehemmt, daraus ergibt sich ein recht intransparentes Bild.«

2010 entwickelt sich zu einem Rekordjahr für die europäische Distribution. Doch kein Aufschwung ohne Wermutstropfen: Knappheit und Preiserhöhungen sind die unvermeidlichen Begleiterscheinungen des Booms. Schon jetzt lässt sich absehen, dass das Jahr 2010 selbst die Rekordumsätze von 2007 hinter sich lassen wird.

In der ersten Jahreshälfte legte der europäische Distributionsmarkt für Halbleiter um über 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu. Der deutsche Distributionsmarkt konnte in den ersten sechs Monaten des Jahres sogar um exorbitante 69 Prozent wachsen. Im zweiten Quartal 2010 erzielten die Halbleiter- Distributionsumsätze in Europa ein noch nie da gewesenes Plus von über 70 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum, so der DMASS.

Die Buchungen befinden sich seit Monaten auf Rekordniveau. Der FBDi meldete im zweiten Quartal 2010 einen Anstieg des Auftragseingangs von 88 Prozent auf 759 Mio. Euro.

»Dies ist der verrückteste Zyklus, an den ich mich erinnern kann«, sagt DMASS-Chairman und FBDi-Vorsitzender Georg Steinberger. Laut DMASS wies das zweite Quartal das höchste Wachstum auf, das seit Gründung vor über 20 Jahren jemals erzielt wurde.

Der Markt hat sich sehr viel schneller erholt, als von Experten erwartet. SILICA hat im Geschäftsjahr 2010 (endete zum 30.6.) ein Rekordjahr hingelegt und profitiert vom marktübergreifenden Boom.

»Der deutsche Distributionsmarkt erholt sich erfreulicherweise schneller und offensichtlich auch nachhaltiger, als in vielen Markteinschätzungen angenommen«, schildert Eric Schuck, General Manager, Arrow Central Europe.

»Wir sehen ein starkes Wachstum über alle Regionen und Anwendungen hinweg«, bestätigt Bernd Pfeil, VP Sales & Marketing Zentraleuropa EBV Elektronik. 2010 werde ein sehr starkes Jahr für die Distribution, und auch für 2011 ist man vorsichtig optimistisch.

»Es scheint, dass sich die für uns relevanten Marktsegmente alle gleichermaßen gut entwickeln, mit der industriellen Fertigung als Zugpferd«, sagt Karlheinz Weigl, Regional Vice President Central Europe, Silica. Der Maschinenbau, wichtigster Kundenmarkt für Silica CA, verzeichnet einen Auftragszuwachs von 60 Prozent gegenüber dem Vorjahr, und der Automobilmarkt profitiert vom Exportgeschäft im mittleren und hohen Segment. »Eine besonders starke Nachfrage sehen wir auch bei Applikationen für erneuerbare Energien – einige unsere Kunden aus den Bereichen Solar- und Windkrafttechnik haben ihre Auftragsvolumen bei uns verdoppelt«, so Weigl weiter.

In den Lagern herrscht teils gähnende Leere

Doch das rasche Wachstum lässt viele Kunden mit unerledigten Aufträgen zurück. In den Lagern der OEMs und EMSs herrscht teils gähnende Leere. Die Kapazitäten auf der Fertigungsseite kommen der starken Nachfrage nicht mehr hinterher. Und offensichtlich stellen die Hersteller die zusätzlich benötigten Kapazitäten nur sehr zögerlich bereit.

Es gilt, die schlimmsten Folgen der Hightech-Achterbahnfahrt in den Griff zu bekommen. »Es gibt nach wie vor ein großes Delta zwischen Nachfrage- und Produktionszuwachs, vor allem bei den Halbleitern«, so Georg Steinberger. Hinzu kommt die Knappheit bei einigen für die Bauelementeproduktion wichtigen Edelmetallen. »Sämtliche Halbleiterhersteller sind von der Knappheit betroffen, allerdings sehen wir auch, wo sich die Spreu vom Weizen trennt: Einige Hersteller haben aus vergangenen Allokationsphasen gelernt und ihre Prozesse zur Bewältigung von Produktknappheit und Kapazitätenplanungen optimiert, das zahlt sich jetzt aus«, erläutert Karlheinz Weigl.

Die momentanen Lieferengpässe ziehen sich durch zahlreiche Technologiebereiche. »Diese Situation, verbunden mit der hohen Volatilität der Devisen- und Rohstoffmärkte, spiegelt sich teilweise auch in Preiserhöhungen durch die Hersteller wider«, so Eric Schuck. Umsatz und Auftragslage sind zwar äußerst erfreulich, doch die Margen stehen weiterhin unter Druck.

Trotz aller Wachstumseuphorie, mahnt Thomas Klein, CEO Distribution MSC/Gleichmann, sollte man die Rolle, die Europa im globalen Kontext spielt und spielen wird, nicht außer acht lassen: »So kurios es angesichts der momentanen Boomphase auch klingen mag: Gemessen am internationalen Halbleiterverbrauch verliert der europäische Markt seit Jahren immer mehr an Bedeutung. Lag der europäische Anteil zum Jahrtausendwechsel noch bei etwa 16 Prozent, dürfte er inzwischen auf etwa 12 Prozent gesunken sein. Tendenz weiter fallend.« Es sei also davon auszugehen, so Klein weiter, dass sich viele Hersteller in Zukunft auf noch weniger Direktkunden konzentrieren und ihre europäischen Design-In-Partner im Gegenzug noch stärker als bisher in die Pflicht nehmen.