Marktausblick Komponentendistribution "Der west-östliche Divan"

Georg Steinberger, FBDi e.V. und DMASS Ltd.: »Hier entwickelt, dort gefertigt, ob Osteuropa oder Ostasien, das ist der Trend.«

Ein eher bescheidenes 2012 wird einem moderaten 2013 weichen, das sind nach der momentanen Datenlage wohl die Aussichten für den europäischen und deutschen Elektronikmarkt.

Die Euro-Krise zieht ihre Spuren durch Südeuropa. Mittel- und Osteuropa konnten dies teilweise kompensieren. Wie zieht die Elektronikindustrie hierzulande sich wieder aus der Krise? Welche Mechanismen können für Europa die nächsten Jahre bestimmen?
»Wer sich selbst und andere kennt, wird auch hier erkennen: Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen.« Was Johann Wolfgang von Goethe bereits vor 200 Jahren wusste, lernt die High-Tech-Industrie in deutlich kürzerer Zeit. Hier entwickelt, dort gefertigt, ob Osteuropa oder Ostasien, das ist der Trend. Entscheidungsschwerpunkte, gerade im Design, liegen zwar noch in der alten Welt, aber die Fertigung findet zum größten Teil in Asien statt.
2012 wird der europäische Halbleitermarkt nach den letzten Schätzungen von Henderson Electronic Outlook (November 2012) um 10% auf 33,7 Milliarden Dollar schrumpfen – das entspricht einem Weltmarktanteil von 11,7%. Die gleiche Quelle rechnet bis 2014 nur mit einer leichten Erholung, im niedrigen einstelligen Bereich, auf gut 36 Milliarden Dollar. Da Asien zur gleichen Zeit auf nahezu 200 Milliarden Dollar wachsen wird, sinkt Europas Weltmarktanteil auf 10,8%, wie bereits des Öfteren prophezeit.
Warum das so ist, wurde bereits mehrfach berichtet: Europa verliert im globalen Kontext als Produktionsmarkt für Elektronik an Bedeutung, was die großvolumigen Anwendungen betrifft, und wird günstigstenfalls als High-Complexity-Low-Volume-Markt erhalten bleiben, mit Schwerpunkt Zentral- und Osteuropa. Südeuropa, allen voran Italien und Spanien, verliert weiter an Boden, da die Low-Cost-Produktion der letzten verbliebenen großvolumigen Anwendungen jetzt in Polen oder Rumänien oder eben in China stattfindet. Aber für Europa insgesamt heißt das: Für viele Hersteller ist der alten Kontinent nur noch bedingt interessant und rechtfertigt kaum noch eine lokale Präsenz.

Das bringt uns zur Distribution. Distributoren sind in Europa, um lokale Kunden zu betreuen, und sind für eine umfassende und neutrale Beratung auf technischer wie logistischer Seite bestens aufgestellt. Kein Distributor wandert nach Asien ab, weil es dort billiger ist. Aber die Verankerung in Europa bedeutet auch, dass die Verantwortung für den Erfolg des Marktes im Allgemeinen und der Kunden im Besonderen steigt.  

Zu den Zahlen: Es war bereits zur Jahresmitte absehbar, dass der europäische Markt der Bauelemente-Distribution 2012 mit einem hohen einstelligen oder leicht zweistelligen Minus in die Weihnachtsferien geht. Allerdings haben sich die Befürchtungen erledigt, dass der DTAM (Anteil der Distributoren am Gesamtmarkt) zum ersten Mal seit langer Zeit stärker zurückgehen könnte als der Gesamtmarkt. Wie sich an der oben zitierten Prognose von Henderson und anderen (ZVEI e.V.) zeigt, sind die Hersteller zum Jahresende deutlich pessimistischer (oder realistischer) geworden: Aus dereinst –2% (März) wurden jetzt –10% für den europäischen Halbleitermarkt (den ich hier mal stellvertretend für alle Komponenten nehme). Das geht synchron mit den Erwartungen aus der Distribution und belässt den DTAM bei rund 26% des Gesamtmarktes.
Vermutlich wird sich daran auch 2013 nicht viel ändern, ein drastischer Sprung auf 30% DTAM ist ebenso wenig zu erwarten wie ein Rückgang. In Deutschland ticken die Uhren noch etwas anders: Der Distributionsanteil ist aufgrund der ungeheuren Stärke der Automobilindustrie hierzulande deutlich niedriger, und da Deutschland bekanntlich ein Drittel des europäischen Komponentenmarktes ausmacht . . . voila! Langfristig wird jedoch der DTAM steigen, zunächst wegen einer anderen Gewichtung des Marktes (weniger lokales Automotive-OEM-Geschäft) und dann wegen der unübersehbaren Vorteile des Distributionsmodells, sei es in Sachen Logistik oder bei der technischen Beratung.