Georg Steinberger im Interview »Den Wert unserer Leistung nicht unterminieren lassen!«

Georg Steinberger, FBDI/DMASS
Georg Steinberger, FBDI/DMASS

Flauer Komponentenmarkt, Giga-Fusionen, Brexit, Trump, China, Russland, Türkei – die Aussichten für eine global operierende und organisierte High-Tech-Industrie waren schon mal besser.

Die Distribution als „Anwalt“ der kleinen und mittleren Unternehmen steht ebenfalls unter Druck – unbegründet, wie Georg Steinberger, Vorstandschef des FBDi und Kenner der Szene seit fast 30 Jahren, im Interview anlässlich des Jahresausblicks 2017 meint.

Markt&Technik: Herr Steinberger, im letzten Jahresausblick sprachen Sie über strukturverändernde Entwicklungen, speziell durch IoT und neue Modelle der Geschäftsbeziehungen und Geschäftsvorfälle – Business Case statt Hardwareverkauf. Ist das eingetreten?

Georg Steinberger: Diese Bewegung ist im Gange, aber wir reden ja hier nicht von einer digitalen Entwicklung – heute verkaufe ich nur Komponenten, morgen verkaufe ich nur Business Cases. Das ist ein Prozess, der sich kontinuierlich verfestigt. Die Geschwindigkeit der Änderungen ist eine andere – in manchen Industrien geht es schneller, in anderen langsamer. Man muss auch den ganzen Lärm um den IoT-Hype mal abklingen lassen, um zu sehen, was übrig bleibt. Wie bei jedem Mega-Trend gibt es nach dem Hype eine Ernüchterung und dann, wenn der Trend tatsächlich einer ist, eine solide Marktentwicklung.

2016 war ja vollgepackt mit ungewöhnlichen und teils beunruhigenden Ereignissen. Wie haben die sich aufs Geschäft der Distributoren ausgewirkt?

Nachdem wir 2015 ein sehr stark währungsbeinflusstes zweistelliges Wachstum erlebt haben – der Euro hat gegenüber dem Dollar um rund 20% nachgelassen, mit den entsprechenden Auswirkungen auf die Komponentenpreise –, hat sich 2016 nach einem recht vielversprechenden ersten Halbjahr eine gewisse Vorsicht breitgemacht. Für den weltweiten Halbleitermarkt erwartet zum Beispiel Gartner einen leichten Abschwung, Europa bleibt dabei eher stabil, bei ca. 34 Milliarden US-Dollar. In der Distribution sehen wir europaweit für 2016 zwischen 3 und 4% Wachstum, in Deutschland eher 3%.

Was lässt das für 2017 erwarten?

Ich bin hier auch nicht schlauer als die Marktforscher, die 2017 auf einem ähnlichen Niveau wie 2015 sehen, also wieder leicht höher – nicht viel mehr übrigens auch für 2018. Woher der sanfte Optimismus kommt, weiß ich zwar nicht, aber unsere Industrie ist ja immer für Überraschungen gut. Leider auch für negative.

Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Trends?

Geopolitisch schätze ich die US-Wahl als wesentlich gravierender ein als den Brexit. Das Verhalten der neuen amerikanischen Regierung kann den Welthandel und damit auch die Konjunktur in unserer Industrie massiv beeinflussen. Dieses Thema ist sehr komplex, aber generell würde ich eher negative Folgen sehen. Dagegen sehe ich den Brexit eher mittelfristig, aber mit massiven Folgen für den europäischen Zusammenhalt. Dass dies nur politisch, ohne wirtschaftliche Auswirkungen passiert, kann ich mir kaum vorstellen. China als Wachstumsmotor der Elektronikindustrie stotterte schon 2016, und auch 2017 wachsen nach Gartner die asiatischen High-Tech-Bäume nicht in den Himmel. Der Consumer-Markt ist saturiert an Telefonen, Tablets und anderen Gadgets, etwas Neues ist nicht in Sicht. Die allgemein flauen Aussichten sind auch der Grund für den zweifellos wichtigsten Trend: die Konsolidierungswelle unter den Halbleiterherstellern.

Sie meinen die jüngsten Entwicklungen mit Qualcomm und NXP?

Nicht nur, das geht weiter. Der Markt wächst nicht, es gibt aber genügend Kapital für wenig Zinsen. Also kaufen sich Hersteller gegenseitig auf, um aufgrund von Synergien im Portfolio und in den allgemeinen Kosten die Profitabilität zu finden, die der Markt derzeit nicht hergibt. Alex Lidow, der Ex-Chef von International Rectifier (wurde von Infineon gekauft), sagte vor nicht allzu langer Zeit: Kein Halbleiterhersteller unter 5 Milliarden Dollar Marktkapitalisierung (Aktienwert) wird längerfristig bestehen bleiben. Da fallen viele bekannte Namen drunter. Ich würde sogar weitergehen und sagen, dass auch der Druck auf mittelgroße Unternehmen – alles bis 5 Milliarden Dollar Umsatz und vielleicht 10 bis 15 Millarden Dollar Marktkapitalisierung – bestehen bleibt, sich durch Zukäufe zu vergrößern und wirtschaftlich bzw. portfoliomäßig zu verbessern.