Exklusivinterview Avnet Embedded und MSC Technologies teilen sich »Embedded-Europa«

Patrick Zammit, Avnet EM: »Die Zukunft liegt meines Erachtens bei Software & Service. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Wir werden immer ein Hardware-Spezialist bleiben, aber alleine durch Hardware werden wir uns in Zukunft nicht mehr differenzieren können. Aber softwareseitig gibt es noch viel, was wir für unsere Kunden tun können.«

MSC Technologies konzentriert sich unter dem Dach von Avnet auf die Märkte Embedded & Display mit regionalen Schwerpunkten. Im Interview mit Markt&Technik Redakteurin Karin Zühlke gab Patrick Zammit, EMEA President von Avnet Electronics Marketing, jetzt exklusiv Details zur neuen Struktur und zu den Wachstumsplänen von Avnet EM bekannt.

Wie wird MSC nun genau in die bestehende Speedboat-Struktur Avnet EM eingebunden, und welche Bereiche werden in das neue Speedboat »MSC Technologies« einfließen?

Zum neuen Speedboat MSC Technologies gehören im Wesentlichen die ehemalige Gleichmann, das MSC-Embedded-Board-Geschäft und die MSC-Fertigung. Zwei Drittel des Geschäftes bleiben also bei MSC. Ein Drittel geht an die anderen Avnet-Speedboats. Dabei handelt es sich vor allem um das Komponentengeschäft, also die ehemalige MSC Distribution. Hier verbleiben nur einige spezialisierte Bereiche bei MSC. Wir sind im Komponentengeschäft sehr gut aufgestellt. Aufgrund dessen haben wir entschieden, dass MSC Technologies künftig nur noch solche Hersteller oder Komponenten vertreiben sollte, bei denen sie entweder eine besondere Kompetenz hat oder die komplementär sind zu deren Angebot an Embedded-Produkten und Displays. Dazu gehören die Lighting Solutions mit Cree, Alder, plus Sekundäroptiken und Stromversorgungen, die Storage Solutions mit Sandisk, Samsung SSDs und Speichermodulen und die RF Solutions mit Panasonic und Quectel.

MSC Distribution hatte einige erfolgreiche Halbleiter-Linien. Wo landen diese Linien?

Die Linien werden von denjenigen Halbleiter-Speedboats weiter betreut, die bereits Geschäftsbeziehungen mit den jeweiligen Herstellern haben. Das trifft für die meisten Linien zu. Insofern ist die Kontinuität für den Kunden und den Hersteller sichergestellt. Renesas ist bei Silica, Microsemi bei Avnet Memec und Atmel bei EBV, um nur einige Beispiele zu nennen. Bei diesen Linien sind wir nun die Nummer 1. Die passiven, elektromechanischen und Batterie-Linien von MSC werden künftig von Avnet Abacus betreut.

Lattice, eine ehemalige MSC-Flaggschiff-Linie, ist von der Linecard ganz verschwunden?

Ja, das ist richtig. Lattice führen wir innerhalb der Avnet-Gruppe nicht im Programm. Aber wir haben mit Altera bei EBV, Xilinx bei Silica und Microsemi bei Avnet Memec die Top-Linien im FPGA-Sektor an Board.

Bis wann soll dieser Übergangsprozess abgeschlossen sein?

Wir haben diesen so genannten Dry-out-Prozess Anfang des Jahres gestartet, und er soll bis zum 31. März abgeschlossen sein.

Welche Positionen werden die ehemaligen MSC-Führungskräfte künftig bei Avnet innehaben?

Herr Schwarztrauber wird als President der MSC Technologies das Speedboat führen. Das Management der ehemaligen MSC gehört weiterhin auch zum Führungskreis des neuen Speedboats, einige aber mit anderen, teils auch größeren Verantwortungsbereichen als bisher. Herr Klein wird zum Beispiel den kompletten Vertrieb der MSC Technologies leiten, bisher war er nur für den Distributionsbereich verantwortlich. Weitere personelle Details kann ich Stand heute noch nicht bekannt geben. Wir sind darüber noch in Gesprächen mit dem Betriebsrat.

Welche Freiräume hat MSC als Speedboat?

Wir haben die Ziele definiert, aber die Mannschaft der MSC Technologies kann in diesem Rahmen unabhängig ihre Entscheidungen treffen, im gleichen Maße wie alle anderen Speedboats.

Nun haben Sie ja mit Avnet Embedded bereits ein Speedboat, das sich um Embedded & Displays kümmert, warum »fusionieren« Sie diese beiden Speedboats nicht?

Die beiden werden eng zusammenarbeiten, und die Linecard werden wir über die nächsten Jahre harmonisieren. Aber eine Integration wäre vor dem Hintergrund der unterschiedlichen Schwerpunkte falsch gewesen. Wir haben uns statt dessen dazu entschieden, dass sich die beiden Speedboats die Regionen in EMEA aufteilen, was angesichts der unterschiedlichen regionalen Stärken eine sehr gute Lösung ist. Dort wo Avnet Embedded bisher stark war, bleibt der Lead bei Avnet Embedded, andersrum gilt das genauso für MSC.

Das heißt: Italien, Frankreich, Skandinavien und UK bleiben bei Avnet Embedded. Den Rest, also auch den wichtigen Markt »Zentraleuropa«, betreut MSC Technologies.

Bei der Übernahme von Abacus sind wir damals ähnlich verfahren, und das hat sich gut bewährt.

Vom Produktsortiment und den Linien her sind Sie mit MSC im Embedded- und Display-Geschäft gut aufgestellt. Sind noch in Richtung Value Added Services Erweiterungen geplant?

Ja. Wir wollen im Zusammenhang mit den Displays in den Bereich Touch-Technologien investieren. MSC hatte mit dieser Investition bis nach der Übernahme gewartet.

Sie haben vorhin die kulturellen Unterschiede angesprochen. Ich gehe mal davon aus, dass es in der Kultur eines deutschen Mittelständler und eines amerikanischen Großkonzerns doch deutliche Unterschiede gibt.

Die gibt es in der Tat, aber die Teams verstehen sich trotzdem sehr gut. Der Fokus auf die technische Unterstützung ist eine große Gemeinsamkeit innerhalb der Teams. Die Zusammenarbeit läuft sehr kooperativ.

Nun ist der Embedded-Markt von Haus aus sehr fragmentiert und eigentlich eine Domäne der Spezialisten. Was wollen Sie dem entgegensetzen?

Wir sind Spezialisten! Das ist schließlich der Dreh- und Angelpunkt unseres Speedboat-Modells: Wir verfügen über Spezialisten-Expertise bei Halbleiter, IP&E und jetzt auch im Display- und Embedded-Segment. Hinzu kommt, dass bei Avnet EM jeder Spezialist paneuropäisch aufgestellt sein muss. Durch diese Strategie haben wir in jedem Land die kritische Masse, und das macht unser Modell auch für die Hersteller sehr attraktiv.

Rechnen Sie damit, dass die Hersteller auch im Embedded-Sektor verstärkt ihr Distributionsnetz konsolidieren?

Ich gehe davon aus, dass die Hersteller aufgrund des Kostendrucks zunehmend weniger Ressourcen in Europa beibehalten. Und dadurch wird es wohl auch zu weiteren Konsolidierungen kommen zugunsten der paneuropäisch aufgestellten Distributoren.

Was erwarten Sie für Avnet EM von der Übernahme bzw. wie viel Wachstum wird Ihnen die übernahmen von MSC bescheren?

Die Übernahme bringt Avnet EM ein Wachstum von 12 Prozent in Europa. Zusätzlich erwarten wir Minimum 10 Prozent Wachstum per anno über die nächsten Jahre. In diesem Kalenderjahr wollen wir gemeinsam mit MSC um 20 Prozent zulegen.

Durch das Board/Fertigungsgeschäft tritt Avnet EM partiell auch in Konkurrenz zu seinen Kunden, wie etwa Embedded-Board-Hersteller. So gibt es schon Stimmen am Markt, die ihren Unmut darüber kundtun und erklären, dass sie nicht mehr bei Avnet kaufen. Wie treten Sie diesen Vorbehalten entgegen?

Unser Board- und Systemgeschäft macht nach der Akquisition etwa 3 Prozent aus. Das ist wenig, aber es ist eine Kompetenz, die wichtig für uns ist, weil wir damit unsere Kunden auch bei der Frage »Make or Buy« in beiden Fällen – also Make und Buy – unterstützen können. Damit haben wir eine strategische Entscheidung getroffen für den Fall, dass die Kunden sich in Zukunft mehr in Richtung »Buy« entscheiden. Wir werden unsere Produktionskapazitäten behalten, zum Beispiel um Muster- oder Vorserien zu fertigen. Aber: Wir haben absolut nicht das Ziel, künftig als Bestücker am Markt aufzutreten! Wir produzieren nur, was wir entwickeln, genauso wie MSC bisher. Genauso wenig wollen wir in Konkurrenz zu den ausgewiesenen Board-Herstellern treten. Wir wollen Partner für unsere Kunden sein und unsere Entwicklungsressourcen anbieten.