Kommentar Wissen ist Macht – oder das Gegenteil 

Heinz Arnold
Heinz Arnold, Chefredakteur der Markt&Technik.

Travis Kalanick musste nun doch zurücktreten, mit einer einfachen Auszeit war es nicht getan – auch wenn jetzt einige Mitarbeiter weinen und ihren Chef zurückhaben wollen. Warum geht das wohl nicht?

Meist wissen Chefs ja viel mehr als ihre Mitarbeiter. Aber – nur nicht neidisch sein: Manchmal können die Mitarbeiter geradezu froh sein, nicht so viel zu wissen wie ihre Chefs. Darüber dürften die fünf VW-Mitarbeiter, die Deutschland nicht mehr verlassen können, nun Zeit haben nachzudenken. Oft ist es eben sehr schwer, das nicht wissen zu dürfen oder vorgeben zu müssen, das nicht zu wissen, was der Chef schon gar nicht wissen darf oder zumindest unbedingt vorgeben muss, nicht wissen zu können – allerdings so, dass seine Mitarbeiter wohl wissen, dass sie eigentlich nicht das wissen dürfen, was der Chef schon gar nicht wissen darf – und dann danach handeln zu müssen, was der Chef nicht muss. Es handelt sich also um Wissen, das sowieso überhaupt keiner niemals wissen dürfte.

Schon sind wir wieder bei Kalanick. Er hätte nicht wissen dürfen, dass der ehemalige Google-Mitarbeiter und Otto-Gründer Anthony Levandowski viele, viele interessante Kopien der Technik zu Roboterautos seines ehemaligen Arbeitgebers mitgehen ließ, als er Otto für viel Geld übernommen hatte. Oder war es genau das Wissen, das Otto so wertvoll machte? Es wusste also Levandowski sehr viel, brauchte aber dennoch eine Gedächtnisstütze und zog deshalb die Kopien. Weil es eigentlich unfair und gemein ist, sowas zu tun, hat er auf Geheiß seines neuen Chefs Kalanick, der das wohl wusste, sein Wissen wieder löschen müssen, wie uns Kalanick wissen ließ. Aber auch wenn die Details gelöscht wurden: Levandowski wusste doch, was er getan hatte, und warum. Weil es andere plötzlich auch wussten, musste er gehen. Und weil es Kalanick wusste, sein Wissen aber (er ist doch Chef!) nicht preisgeben wollte, musste er jetzt ebenfalls gehen – wohl auf immer. Es sei denn, die Mitarbeiter wären – mit welchem Wissen im Hintergrund auch immer – mit ihrer Rückrufaktion doch erfolgreich. Ein Widerspruch? Das Leben lebt von Widersprüchen: Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern? Auf das Timing kommt es an. Aber das, liebe Chefs, ist ja Allgemeinwissen.