Kommentar Schöner laden

Ingo Kuss
Chefredakteur  •  IKuss@weka-fachmedien.de
Ingo Kuss Chefredakteur • IKuss@weka-fachmedien.de

Viel, viel Leistung und ein ansprechendes Design - so will Ionity, ein Gemeinschaftsunternehmen von verschiedenen Autoherstellern, Tesla auch bei Ladestationen Konkurrenz machen. Eine Nutzergruppe bleibt aber weiterhin außen vor.

Viel Feind, viel Ehr: Der „Tesla-Killer“ bringt es bei Google auf stolze 575.000 Treffer, der „Tesla-Fighter“ gar auf 650.000. Solche Zahlen unterstreichen die Rolle der kalifornischen Marke als unbestrittene Referenz bei leistungsstarken Elektrofahrzeugen mit großer Reichweite. Doch nicht nur bei den Fahrzeugen selbst hat sich die gesamte Branche von Teslas anfangs oft belächelten Ideen, sagen wir mal: „inspirieren“ lassen. Dass etwa BMW, Daimler, Ford und der Volkswagen-Konzern mit ihrem Joint Venture „Ionity“ seit November 2017 gemeinsam ein paneuropäisches High-Power-Charging-Netzwerk (HPC) aufbauen, wäre ohne das große Vorbild von Teslas „Superchargern“ kaum vorstellbar.

Tesla-Gründer Elon Musk hat früh erkannt, wie wichtig die richtige Inszenierung für den Erfolg ist. Auch das Aufladen mit maximal 145 kW dauert zwar immer noch deutlich länger als ein normaler Tankvorgang. Dafür darf sich der Tesla-Fahrer an den
elegant designten Ladesäulen mit Gratis-Strom und eigenen Stellplätzen als Teil einer mobilen Elite fühlen. Ähnliches hat man wohl auch bei Ionity im Sinn und preist die eigene „futuristische Formensprache“ für ein „offenes, leichtes und freundliches Raumgefühl“ sowie ein „nahtloses Lade-Erlebnis.“

Allzu lange sollen die Kunden das spezielle Ionity-Ambiente allerdings gar nicht genießen, da die Hochleistungslader der aktuellen Konkurrenz technisch klar überlegen sind: Mit einer Leistung von bis zu 350 kW pro Ladepunkt soll sich die Wartezeit im Vergleich zu bestehenden Lösungen erheblich verkürzen – auf wenige Minuten für eine Reichweite von 400 km. Ionity setzt auf den europäischen Ladestandard Combined Charging System (CCS) und will so eine markenunabhängige Kompatibilität garantieren. Bis 2020 sind rund 400 HPC-Schnellladestationen entlang der Hauptverkehrsachsen in Europa geplant.

Stand heute ist in Deutschland allerdings genau eine Station seit wenigen Wochen in Betrieb: an der Raststätte Brohltal-Ost (A61) in Rheinland-Pfalz. Dazu kommt noch ein Standort im dänischen Åbenrå. Zum Vergleich: Allein in Deutschland gibt es aktuell rund 60 Supercharger-Standorte, europaweit sind es über 500. Dass zur Zeit gerade einmal 20 Baugenehmigungen vorliegen, macht die Herausforderungen für das junge Ionity-Team nicht kleiner. Beeindruckend ist allerdings die Liste der Unternehmen, die laut einem Bericht der Süddeutschen Zeitung Interesse an einer Zusammenarbeit haben. Neben OEMs wie Volvo, Fiat-Chrysler, PSA/Opel und Jaguar Land Rover gehören dazu auch große Energieversoger (u.a. E.ON), Versicherungen sowie Tankstellenbetreiber.

Langfristig rechnen Branchenexperten ohnehin mit einer alle Marken und Anbieter umfassenden Kooperation bei der Ladeinfrastruktur. Zumindest im öffentlichen Raum. Für mich persönlich ist beim Umstieg auf ein Elektroauto allerdings eine ganze andere Frage ausschlaggebend: Wie schnell werden sich Lademöglichkeiten auch für gemietete Tiefgaragenplätze – ob zuhause oder beim Arbeitgeber – flächendeckend nachrüsten lassen? Es muss ja nicht gleich ein HPC-Anschluss sein.