Optimismus für 2017 Automotive-Markt: ein Segment mit viel Bewegung

Im Automotive-Markt herrscht Bewegung
Im Automotive-Markt herrscht Bewegung

Luca DeAmbroggi, Principal Analyst bei IHS, geht davon aus, dass in diesem Jahr etwas mehr Fahrzeuge produziert werden als 2016. Ein leichter Zuwachs von 1,3 Prozent soll möglich sein. Der Halbleiterumsatz, den die Hersteller in diesem Marktsegment erzielen, wird aber wohl deutlich stärker zulegen.

DeAmbroggi, IHS: »Wir gehen davon aus, dass die Anzahl der produzierten Fahrzeuge von 92 auf 93 Mio. Autos steigen wird. Der Halbleitermarkt dürfte aber mit einer Wachstumsrate von 6 Prozent zulegen.« Für dieses Halbleiterwachstum macht er unterschiedliche Faktoren aus. In den etablierten Märkten wie Europa, Nordamerika und Japan fungieren gesetzliche Vorgaben als Wachstumstreiber. Das heißt, dass in diesen Regionen vor allem ADAS-Anwendungen stark zulegen werden. In Nordamerika kommt noch hinzu, dass die V2V-Kommunikation mittlerweile in einer Phase angekommen ist, dass auch diese Anwendung erstmals für Wachstum in der Halbleiterindustrie sorgen wird. »ADAS ist der größte Wachstumsbereich. Dabei geht es vorwiegend um Sicherheitsfunktionen wie Kollisionswarnung, Notbremsassistent und Ähnliches«, so DeAmbroggi weiter.

Damit steht den Radarsensoren und Kameras in diesem Jahr das größte Wachstum offen. DeAmbroggi erwartet aber auch verstärkte Anforderungen an Processing-Komponenten, mehr Rechenleistung ist gefordert. Also dürften auch die Hersteller von MCUs, MPUs, FPGAs etc. einem guten Jahr entgegensehen. Und wo Rechenleistung gefordert ist, da ist auch Speicher wichtig, weshalb der Marktspezialist auch eine steigende Nachfrage nach nichtflüchtigen wie flüchtigen Speichern erwartet.

Doch nicht nur ADAS-Anwendungen sollen die Umsätze der Halbleiterhersteller nach oben treiben. DeAmbroggi geht davon aus, dass der Absatz mit E-Fahrzeugen und Hybridfahrzeugen in diesem Jahr ebenfalls zulegen wird. Und nachdem der Halbleiter-Content bei E-Fahrzeugen laut DeAmbroggi um einen Faktor von 10 höher liegt als bei Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor, dürfte diese Prognose für manche Hersteller von Automotive-ICs besonders erfreulich sein.

Die Prognose nach einer steigenden Nachfrage nach E- und Hybridfahrzeugen passt allerdings gar nicht zu dem Bild, das sich beispielsweise besonders in Deutschland zeigt. Hier haben selbst die 4000 Euro Kaufprämie die Begeisterung für E-Fahrzeuge oder Hybridautos nicht angeheizt. Dem stimmt DeAmbroggi zu. Seiner ganz persönlichen Meinung nach ist vor allem der hohe Preis für E-Fahrzeuge ein Problem. Dennoch sei Wachstum in diesem Bereich angesagt, und zwar mit der 48-V-Technik. DeAmbroggi: »In den nächsten fünf Jahren werden rund 20 OEMs diese Technik in ihren Fahrzeugen nutzen.«

Nachdem die Halbleiterumsätze im Automotive-Markt steigen, stellt sich die Frage, ob nur die Hersteller davon profitieren, die Automotive-spezifische ICs herstellen, oder ob auch der eine oder andere Consumer-IC-Hersteller vom Wachstum profitiert? Bislang haben es schon Nvidia, Intel und Qualcomm geschafft, mit ihren, sagen wir einmal, nicht Automotive-spezifischen ICs in die Fahrzeuge zu gelangen. DeAmbroggi ist der Meinung, dass die Nutzung von Consumer-ICs zunehmen wird. Im Infotainment-Bereich sei die Nutzung schon Gang und Gäbe, wenn es um ADAS-Anwendungen geht, bei der funktionale Sicherheit gefordert ist, hingegen gering. Aber DeAmbroggi sieht die Grenzen als fließend an. Denn auch wenn das HMI zum Infotainment-Bereich zählt, wird es mit zunehmender Darstellung von sicherheitskritischen Informationen sicherheitsrelevant.

DeAmbroggi: »Die Welt ist aber nicht schwarz und weiß.« Das heißt, dass das geforderte Sicherheitsniveau sehr unterschiedlich ausfällt und dementsprechend sicherlich kein K.o.-Kriterium für die Consumer-ICs darstellt. Dass in Zukunft noch mehr Consumer-ICs in die Fahrzeuge wandern werden, begründet er einerseits damit, dass mehr Rechenleistung im Fahrzeug erforderlich ist und viele der Funktionen nicht sicherheitsrelevant sind. Andererseits sprächen auch die Kosten dafür, auf Consumer-ICs zu setzen.

Gerade wenn es um kleinste Prozessstrukturen geht, reiche das Volumen im Automotive-Markt nicht aus, um Neuentwicklungen zu starten, hier hätten Consumer-ICs also eine gute Chance. Und wenn es um höchste Rechenleistung ginge, seien kleinste Prozessstrukturen gefordert. »Ein Hersteller wie Nvidia ist genau aus diesem Grund sehr erfolgreich. Qualcomm drängt ebenfalls in den Markt, und Intel ist auch in einigen Fahrzeugen zu finden, hinzu kommt noch MediaTek – alles Hersteller, die keine Automotive-spezifischen ICs fertigen.« Dass die Hersteller erfolgreich sind, hat aber noch einen anderen Grund: Die Autokäufer erwarten in ihren Fahrzeugen dieselben Features, die sie von ihren Smartphones gewohnt sind, ergo bliebe den OEMs gar nichts anderes übrig, als auf Hersteller dieser ICs zurückzugreifen, um nicht ständig Gefahr zu laufen, mit altmodischen Infotainment-Systemen aufwarten zu müssen – ein Argument, das oft bemüht wird, nur erscheint es als vollkommen unmöglich, die Entwicklungszyklen in beiden Segmenten anzugleichen.

DeAmbroggi ist der Meinung, dass hier viel Bewegung im Spiel ist. Zum einen seien viele Funktionen mit einem Software-Update nachträglich realisierbar, so dass der Käufer auch nach zwei Jahren nicht das Gefühl bekommt, dass er sich mit einem Old-Fashion-Gerät abfinden muss. DeAmbroggi: »Die Voraussetzung dafür ist aber, dass die Hardware von der Rechenleistung her so leistungsfähig ausgelegt ist, dass während des gesamten Lebenszyklus Funktionen per Software aufgespielt werden können, vorausgesetzt der Prozessor ist leistungsfähig genug.« Außerdem hält er es für durchaus denkbar, dass in Zukunft auch die Hardware in einem Fahrzeug quasi mit Plug-and-Play geändert werden kann.