Pilz Safety und Standard rücken zusammen

Renate Pilz, Pilz GmbH & Co. KG: » Als unser Alleinstellungsmerkmal betrachten wir den Grad der Verzahnung von Standard- und Sicherheitstechnik.«

Die in Ostfildern ansässige Pilz GmbH & Co. KG ist in der Automatisierungs-Branche hauptsächlich als Anbieter von sicherer Automatisierungstechnik bekannt. Mittlerweile ist aber moderne Sicherheitstechnik nicht mehr die Nische von Spezialanbietern – auch Komplett-Automatisierer und Steuerungshersteller bieten inzwischen Safety-Technik bis hin zu den Sicherheitsstufen PL e nach EN ISO 13849-1 und SIL 3 nach EN/IEC 62061 an.

Renate Pilz, Geschäftsführende Gesellschafterin des Unternehmens, erläutert, inwiefern die skizzierte Entwicklung den Markt für Safety-Experten wie Pilz beeinflusst und wie das Unternehmen darauf reagiert hat.

Markt&Technik: Wie ist Ihr Unternehmen bisher durch die Krise gekommen?

Renate Pilz: Auch uns hat die Wirtschaftskrise natürlich nicht verschont. Unser Umsatz ist parallel zu dem unserer Kunden gesunken – im Jahr 2009 um etwa 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr, wobei 2008 aber auch das beste Jahr in der Firmengeschichte war. Durch »sanfte« Maßnahmen wie Kurzarbeit, Budgetkürzungen und – ganz allgemein – »intelligentes Sparen« haben wir aber Entlassungen bisher vermieden. Und jetzt geht es glücklicherweise langsam, aber erkennbar aufwärts. Auf der SPS/IPC/Drives haben wir sehr viel Zuspruch erfahren und zahlreiche konkrete Anfragen bekommen. Dennoch glaube ich aber, dass auch das Jahr 2010 für die Branche noch schwierig wird. Bis unser Umsatz wieder den Vor-Krisen-Stand erreicht hat, wird es noch ein paar Jahre dauern. Der Satz »In jeder Krise liegt eine Chance« ist zwar etwas abgedroschen, hat sich aber in unserem Fall bewahrheitet. Die Krise hat durchaus Kräfte mobilisiert. Wir begreifen dementsprechend die neuen Märkte in China und Indien als Chance, nicht als Bedrohung.

Betrachten Sie die sicherheitstechnische Konkurrenz von Steuerungsherstellern als Gefahr für das bisherige Geschäftsmodell Ihres Unternehmens?

Diese Frage kann ich ganz klar mit Nein beantworten. Der Trend birgt keine Gefahr für uns. Im Gegenteil: Wir freuen uns sogar darauf. In punkto Sicherheitstechnik sehen wir uns ja als Wegbereiter – wir haben den Markt geformt und ausgebaut und die Sicherheitstechnik vorangebracht. Andere Unternehmen, die sich dort neuerdings engagieren und Lösungen zur Verfügung stellen, antworten darauf nur. Entscheidend ist: Wir sind in der Branche zwar hauptsächlich als Sicherheitstechnik-Anbieter bekannt, aber dies ist eine sehr verkürzte Sichtweise. Wir sind und waren schon immer ein Unternehmen der Automatisierungstechnik, obwohl wir wegen unserer Spezialisierung auf Safety nicht so wahrgenommen wurden.

Sehen Sie also keine Notwendigkeit, die Strategie Ihres Unternehmens zu ändern?

 Nein. Entscheidend ist es für uns, auf dem eingeschlagenen Weg weiterzugehen und die Verzahnung von Standard- und Sicherheitstechnik zu vervollkommnen. Unsere Methode ist es auch nicht, darauf zu schielen, was unsere Wettbewerber tun, und uns dann zu bemühen, ihnen nachzueifern, sondern wir finden heraus, was unsere Kunden wünschen, und schreiten dann entsprechend voran. Gut, eine strategische Entscheidung haben wir tatsächlich getroffen, aber die liegt schon ein paar Jahre zurück. Anno 2004 beschlossen wir, uns mit umfassenden Lösungen zu positionieren. Die damals initiierte Strategie beruht auf vier Säulen: Erstens haben wir unser Produktangebot um Sensorik und Motion Control erweitert. Zum zweiten treiben wir seither verstärkt die intelligente Verzahnung von Standard- und Sicherheitstechnik voran. Ferner haben wir das Echtzeit-Ethernet-System »SafetyNET p« entwickelt, das die sichere und die nicht-sichere Automatisierung gleichermaßen abdeckt. Und schließlich haben wir unser Dienstleistungs-Angebot ausgeweitet. Wenn Sie so wollen, ist die strategische Entscheidung, die in der momentanen Situation rasch erfolgen müsste, schon 2004 gefallen.

Auf welche Alleinstellungsmerkmale können sich Safety-Experten wie Pilz heute noch berufen?

Als unser Alleinstellungsmerkmal betrachten wir den Grad der Verzahnung von Standard-und Sicherheitstechnik. Hier können wir wegen unseres umfassenden Wissens über Safety auch heute noch punkten. Und unser großes steuerungstechnisches Know-how macht es wie gesagt erst möglich, die Standard- mit der Sicherheits-Steuerungstechnik immer enger zu verknüpfen Außerdem profitieren die Kunden von unserer hohen Beratungskompetenz. Auch in punkto Energieeffizienz bringt die nahtlose Verbindung von Standard- und sicherer Steuerungstechnik, die sich auch in einem intelligenten Systemdesign zeigt, einen großen Nutzen. So ist das dezentrale E/A-System »PSSuniversal« so konzipiert, dass es den Energieverbrauch der Module, die die sicheren Signale verarbeiten, senkt. Die komplette Sicherheitslogik des Systems ist nämlich im Kopfmodul integriert. Wäre sie in jedem einzelnen Modul untergebracht, wie es bei Wettbewerbsprodukten der Fall ist, würden die Module mehr Energie verbrauchen. So verringert sich die Verlustleistung, was in einer deutlichen Energieeinsparung resultiert. Die geringere Abwärme erlaubt es zudem, die sicheren Module kompakter zu gestalten.

Nutzt Ihr Unternehmen für seine Automatisierungssysteme auch Komponenten von Fremdherstellern?

Wir versuchen, möglichst viel selbst zu entwickeln, auch um das Know-how im Haus zu haben. Alles, was zu unseren Kernkompetenzen gehört, entwickeln wir selbst, was natürlich nicht heißt, dass wir nicht auch Produkte anderer Hersteller berücksichtigen, wenn wir für einen Kunden als Dienstleistung eine Systemintegration vornehmen. Wenn wir ein technisches Verfahren oder ein Produkt für wichtig halten, wollen und müssen wir es selbst entwickeln, auch um es in unserem Sinne weiterentwickeln und entsprechend kundenspezifisch anpassen zu können.

Welche Rolle spielt das im vergangenen Jahr auf der Hannover Messe vorgestellte Steuerungssystem »PSS 4000« in Ihrer Unternehmensstrategie?

Das Automatisierungssystem »PSS 4000«, das die sichere und die nicht-sichere Steuerungstechnik umfasst und auch Motion Control, Diagnose sowie Visualisierung integrieren wird, ist der vorläufige Höhepunkt unseres Bestrebens, Standard- und Sicherheits-Steuerungstechnik miteinander zu verknüpfen. Alles einschließlich der Software und der Diagnosefunktionen ist miteinander verzahnt. Nicht von ungefähr haben wir von unseren Kunden eine große und positive Resonanz auf das System bekommen. Standard- und Sicherheitstechnik des »PSS 4000« sind parallel zueinander entwickelt – sozusagen aus einem Guss entworfen. Zudem verfolgt das »PSS 4000« einen mechatronischen Ansatz: Der modulare Aufbau einer Maschine lässt sich in der System-Software abbilden. Das »PSS 4000« bietet also verteilte Intelligenz mit einem zentralen Blick und kommt daher dem Trend zur Dezentralisierung sicherer Steuerungstechnik entgegen.

In der allgemeinen Automatisierungstechnik entwickelt sich die Software zunehmend zu dem entscheidenden Systembestandteil. Wie verhält sich dies in der Sicherheitstechnik?

In der sicheren Automatisierung ist dies nicht anders als in der nicht-sicheren. Die Software bestimmt den Funktionsumfang des Systems und seiner Komponenten. So erlaubt die Software des konfigurierbaren Steuerungssystems »PNOZ-multi« und des kompakten Sicherheitsschaltgeräts »PNOZmulti Mini«, der so genannte »PNOZmulti Configurator «, freies Konfigurieren anstelle von Programmieren. Der Anwender kann alle Ein- und Ausgänge frei wählen und mittels Drag-and-Drop durch logische Funktionen verknüpfen. Wenn er eine falsche Verbindung zieht, wird das vom Tool auch erkannt. Und einmal konfigurierte Anwendungen sind wieder verwendbar: Sie lassen sich mittels Speicherkarte in andere Anwendungen übertragen. Dieses Vorgehen, benötigte Funktionen einfach zu konfigurieren, bieten wir auch für unser neues Automatisierungssystem an. Ziel ist es, die Software so bedienerfreundlich wie möglich zu machen. Wer es gewohnt ist, kann aber nach wie vor auch programmieren.

In welchen Branchen ist Ihr Unternehmen mit seinen Produkten und Lösungen vertreten?

Unsere sicheren Automatisierungslösungen kommen im Maschinenbau ebenso zum Einsatz wie in der Prozesstechnik, in Hochregallagern, in Seilbahnen, in Vergnügungsparks und in Gepäckförderanlagen an Flughäfen. Im Grunde sind ja alles Maschinen, so dass sich unsere Systeme auch für viele Anwendungen außerhalb des klassischen Maschinenbaus eignen.

Engagiert sich Ihr Unternehmen auch in Sachen Erneuerbare Energien?

Ja. Lösungen dafür haben wir schon seit langem im Angebot. Schon vor rund vierzig Jahren haben wir in Österreich Lösungen für Wasserkraftwerke erstellt. Auch Lösungen für die Windenergie sind mit unseren Produkten möglich. Prinzipiell handelt es sich ja auch bei Windkraftanlagen um Maschinen. Kurz gesagt: Wir erarbeiten Lösungen für alles, was unter die EU-Maschinenrichtlinie fällt.

Welche Internationalisierungs- Strategie verfolgt Ihr Unternehmen?

Über die schon erwähnte Vier- Säulen-Strategie hinaus erweitern wir unser internationales Niederlassungsnetz kontinuierlich. Weil wir in Deutschland unseren Sitz haben, sind wir zwar einerseits im deutschsprachigen Raum verankert, haben aber andererseits die Internationalisierung konsequent vorangetrieben: zunächst in den anderen Ländern Westeuropas, dann in Nordamerika, dann in Japan und Südkorea und schließlich in Mittel- und Osteuropa sowie den BRIC-Staaten, also Brasilien, Russland, Indien und China. Gerade die BRIC-Staaten werden für uns immer wichtiger. Generell haben wir folgende Erfahrung gemacht: Wer in einem ausländischen Markt erfolgreich sein will, muss die dortige Landessprache sprechen. Nicht von ungefähr um-fasst unser Internet-Auftritt mittlerweile 15 Sprachen.

Die Europäische Kommission hat die Gültigkeit der Sicherheitsnorm EN 954-1 um zwei Jahre verlängert. Wie beurteilen Sie diese Entscheidung?

Es ist, wie es ist. Aber wer seine Hausaufgaben bereits gemacht hat, ist auf jeden Fall im Vorteil, zumal die EN 954-1 technisch wirklich überholt ist. Bei ihr fehlt vor allem die statistische Betrachtung, so dass keine Aussagen über die Zuverlässigkeit der verwendeten Komponenten möglich sind. Außerdem ist zu beachten, dass etliche der unter der aktuellen Maschinenrichtlinie gelisteten B- und C-Normen bereits überarbeitet wurden und damit auf die neuen Normen EN ISO 13849-1 und EN/IEC 62061 verweisen. In diesen Fällen löst die EN 954-1 keine Vermutungswirkung mehr aus. Konstrukteure und Hersteller entsprechender Maschinen müssen dann die EN ISO 13849-1 anwenden.

Was raten Sie angesichts dessen den Anwendern und Maschinenherstellern?

Wir können allen, die mit dem Thema zu tun haben, nur raten, die Umstellung aktiv zu betreiben und nicht auf die lange Bank zu schieben. Wir unterstützen die neuen Normen uneingeschränkt, stellen die nötigen Daten zur Verfügung und bieten Schulungen und Beratungs- Dienstleistungen an. Unser Safety-Calculator »PAScal« ist ein Software-Tool, mit dem Anwender den erreichten PL (Performance Level) und SIL (Safety Integrity Level) von Sicherheitsfunktionen in Maschinen und Anlagen abhängig von den verwendeten Komponenten berechnen können. Das Ergebnis wird mit dem erforderlichen PL nach EN ISO 13849-1 bzw. SIL nach EN/IEC 62061 verifiziert, und etwaiger Handlungsbedarf wird aufgezeigt.