Sicherheit in der kollaborativen Robotik Ist die sichere MRK genügend normiert?

Andreas Schunkert, Universal Robots (Germany) GmbH
»Die ISO TS 15066 ist inhaltlich ein guter Ansatz, wird aber in Deutschland noch viel zu oft geringgeschätzt.«
Andreas Schunkert, Universal Robots (Germany) GmbH: »Die ISO TS 15066 ist inhaltlich ein guter Ansatz, wird aber in Deutschland noch viel zu oft geringgeschätzt.«

Kollaborative Roboter dringen allmählich in die Fertigungshallen vor. Doch herrscht dabei Rechtssicherheit in puncto Safety? Lassen sich die bekannten industriellen Safety-Normen dafür sinnvoll anwenden? Oder gibt es spezielle Normen für die sichere Mensch-Roboter-Kollaboration (MRK)?

Andreas Schunkert, Head of Technical Support Western Europe bei der Universal Robots (Germany) GmbH, gibt Auskunft.

Markt&Technik: Welche Normen und Standards für die sichere MRK in der Industrie gibt es schon und was besagen sie? Welche Bedeutung haben Regularien wie die EU-Maschinenrichtlinie 2006/42/EG / 9. ProdSV, EN ISO 10218:2011 und ISO TS 15066 für die MRK?

Andreas Schunkert: Sie nennen hier bereits einige wichtige Regulierungen für den Einsatz von Robotertechniken. Grundsätzlich gilt zunächst die 9. Verordnung zum Produktsicherheitsgesetz (9. ProdSV), die die aktuelle EU-Maschinenrichtlinie 2006/42/EG in verbindlich anzuwendendes deutsches Recht umsetzt. Einfach gesagt: Die Verordnung ist dafür da, die Sicherheitsanforderungen von technischen Arbeitsmitteln und Verbraucherprodukten zu regeln. Wichtig ist es hier, sich vor Augen zu halten, dass die produktspezifischen europäischen Richtlinien einen enorm langwierigen Prozess vor der Unterzeichnung durchlaufen. Dadurch können sie mit dem schnellen Voranschreiten der Technik meist nicht Schritt halten. Als Konsequenz verzichten die EU-Richtlinien oft auf eine detaillierte Anforderungsbeschreibung.

Stattdessen konkretisieren die harmonisierten Normen der EU grundlegende Anforderungen an die Produkte, sprich an die Roboter als Maschinen an sich. Hier kommt die Europäische Norm (kurz: EN) ISO 10218 „Sicherheitsanforderungen von Industrierobotern“ aus dem Jahr 2011 ins Spiel. Sie beschreibt grundlegende Gefährdungen in Verbindung mit Robotern und stellt technische Regeln auf, die beschreiben, wie mit den Gefährdungen verbundene Risiken zu beseitigen oder hinreichend zu verringern sind.

Doch damit sind wir von einer konkreten MRK-Regulierung noch immer weit entfernt, denn die kollaborierenden Leichtbauroboter, die sich in den vergangenen Jahren auf dem Markt durchgesetzt haben, unterscheiden sich ja durch ihre Technologie und Anwendungsbereiche signifikant von herkömmlichen Indus­trierobotern. Etablierte Normen für kollaborative Roboter gibt es noch nicht – oder die neue Technik wird nicht ausreichend in existierenden Normen berücksichtigt. Seit 2016 erweitert daher die Technische Spezifikation (kurz: TS) ISO TS 15066 „Roboter und Robotikgeräte – Kollaborierende Roboter“ die geltende Normung um rund 30 Seiten. Sie unterstützt Integratoren dabei, eine Risikobeurteilung speziell bei MRK-Anwendungen durchzuführen, und soll mittelfristig fest in EN ISO 10218 integriert werden.

Was muss noch normiert und standardisiert werden?

ISO TS 15066 ist inhaltlich ein guter Ansatz. Leider handelt es sich bei einer TS jedoch nicht um eine harmonisierte Norm, was sie rechtlich auf wacklige Beine stellt. ISO TS 15066 hat den Status einer sogenannten „anerkannten Regel der Technik“, die den Stand der Technik wiedergibt. Gerade in Deutschland wird ihr jedoch viel zu oft nur eine geringe Bedeutung eingeräumt. So gibt es Stellen, die TS 15066 als „nicht mehr als ein Stück Papier“ betiteln. Dies ist fachlich nicht korrekt, weil die Spezifikation von der Working Group 3 des ISO TC299 verfasst wurde. Diesem Gremium gehören unter anderem Fachleute von Unternehmen wie Universal Robots, Kuka, Fanuc, Pilz, Sick, Rethink und Yaskawa an. Daher lässt sich sagen, dass TS 15066 von einer Mehrzahl der in Sachen Robotik tätigen Experten verfasst wurde und unzweifelhaft den aktuellen Stand der Technik wiedergibt. Also ist TS 15066 gemäß „EN 45020:2006 – Normung und damit zusammenhängende Tätigkeiten“ eine anerkannte und folglich anzuwendende Regel.

Es wäre daher wünschenswert, wenn der TS eine entsprechende Bedeutung eingeräumt würde, ohne hier erst einen umfangreichen argumentativen Weg einschlagen zu müssen.

Was ist beim CE-Konformitätsbewertungs-Verfahren zu beachten?

Alle Hersteller und „Inverkehrbringer“ von Produkten, die unter die Maschinenrichtlinie der EU fallen, sind verpflichtet, die Produkte dem CE-Konformitätsbewertungsverfahren zu unterziehen: Sie müssen also alle Kriterien erfüllen, die die Richtlinie für eine Maschine fordert. „Inverkehrbringen“ bedeutet hier das „erstmalige Bereitstellen eines Produkts auf dem Markt“. Der Hersteller oder Inverkehrbringer zeigt mit der CE-Kennzeichnung seines Produkts an, dass er alle für sein Produkt relevanten EU-Richtlinien einhält.

Dabei ist Folgendes wichtig für Systeminte­gratoren und Vertriebspartner von Roboterarmen: Die Maschinenrichtlinie unterscheidet in „vollständige“ und „unvollständige“ Maschinen, für die jeweils unterschiedliche Anforderungen gelten. Ein Produkt wie etwa ein flexibel einsetzbarer Roboterarm, der nicht nur für eine spezifische Aufgabe entwickelt ist, zählt dabei als „unvollständige Maschine“. Eine konkrete Anwendung mit einem installierten Roboterarm, der mit einem Werkzeug, elektrischer Verbindung und Programmierung ausgestattet ist, gilt dagegen als „vollständige Maschine“.

Laut Maschinenrichtlinie können ausschließlich „vollständige Maschinen“ die CE-Kennzeichnung tragen. Deshalb sind Systeminte­gratoren und Vertriebspartner der Roboterarme dazu verpflichtet, die Verantwortung für das CE-Konformitätsbewertungsverfahren zu übernehmen und das CE-Kennzeichen anzubringen. Denn wer eine Roboteranwendung oder Gesamtanlage installiert und parame­triert oder den Roboter mit der eigenen Marke versieht, gilt als Hersteller der vollständigen Maschine und damit des Produkts im Sinne des Gesetzes. Darum muss auch immer die gesamte Applikation mit allen Bestandteilen einer Risikobeurteilung unterzogen werden, nicht nur der Roboterarm.