Die Hürden für Smart Metering »Es kommt auf die Prozessabläufe an«

Thorsten Causemann, Görlitz: » Die große Frage ist doch:Was erhält der Endkundeals Mehrwert?«

Über intelligente Zähler ist viel zu lesen, in Deutschland setzen sie sich aber nur sehr langsam durch. Wie Thorsten Causemann, Geschäftsführer von Görlitz, erklärt, liegt das nicht an Problemen mit der Technik oder fehlender Standards, sondern vor allem daran, dass hierzulande neben einer unklaren Gesetzeslage zu viel Augenmerk auf die Zähler selber und zu wenig auf die Datenverarbeitungs-Prozesse gelegt wird.

Markt&Technik: Intelligente Energiezähler haben große Hoffnungen geweckt. Allerdings setzen sie sich insbesondere in Deutschland nur recht zögerlich durch. Liegt es daran, dass die Bundesnetzagentur nicht klar definiert, was unter einem Smart Meter zu verstehen ist?

Thorsten Causemann: Schon die Formulierungen im Energiewirtschaftsgesetz sind wachsweich, da wäre es für die Bundesnetzagentur natürlich schwer, etwas Verbindliches daraus zu machen. Das führt leider zu einer gewissen Unsicherheit. Wer nicht genau weiß, welche Funktionen ein intelligenter Zähler überhaupt ausführen soll, der wird sich mit Investitionen erst einmal zurückhalten.

Zudem gibt es viele unterschiedliche technische Ansätze, wie Smart Meters aufgebaut werden können - Anbindung über Funk oder über Powerline, verschiedene Übertragungsprotokolle bis hin zum unterschiedlichen Systemaufbau: Sollen Smart Meter und Gateways getrennt oder die beiden Funktionen in einem Geräte integriert werden? Weil sich nur grob abzeichnet, auf welche technischen Standards und auf welche Architekturen es schließlich hinausläuft, dürften die Versorger ebenfalls erst einmal abwarten anstatt zu investieren?

Meiner Meinung nach führen wir die Diskussion über Smart Meters hierzulande viel zu sehr auf der technischen Ebene. Mit Ausnahme von Yello hat bisher niemand das Thema wirklich aus Sicht der Vertriebsebenen angepackt. Hier könnten beispielsweise die Stadtwerke viel kreativer werden. Sie müssen den Kunden den Mehrwert erklären, den sie über ein Smart Meter erhalten. Die Tarifgestaltung muss durchsichtig sein, die Versorger müssten dem Kunden genau zeigen, wo er Geld sparen kann. Dazu muss er laufend informiert werden, nicht nur über die verbrauchten Kilowattstunden, sondern er muss den Verbrauch in Euro schön aufbereitet serviert bekommen, so dass er sich ein direktes Bild machen kann. Dann sieht er, was er durch eigenes Zutun einspart und freut sich. Das geht schon in den Bereich Lifestyle hinein.
Die große Frage ist doch, was erhält der Endkunde als Mehrwert? Unterschiedliche Tarife, der Lifestylefaktor und die Möglichkeit, Geld zu sparen, sind die Antworten. Aber das müssen die Kunden erst mal merken, das muss ihnen erklärt und so verpackt werden, dass sie einfach und bequem an die Vorteile heran kommen.

Wer sparen will wendet sich eher an die Discounter, die versprechen, immer um 1 Cent billiger zu sein . . .

Das sind die großen Feinde der Stadtwerke, und das ist pures Dumping. Dagegen hilft nur Kreativität. Wenn die Stadtwerke bestimmte Anreizprogramme schaffen und die Kunden bei der Stange halten - also den Lifestyle-Ansatz nutzen -, dann könnten sie dem Dumping etwas entgegensetzen. Wenn der Kunde sich am Ende des Jahres freuen kann, dass er seine Stromkosten gegenüber dem Vorjahr um 8 Prozent senken konnte und vom Stadtwerk noch Freikarten fürs Schwimmbad erhält, weil er seine Ziele erreicht hat, dann könnte der Dumping-Ansatz weniger erstrebenswert erscheinen.

Bisher standen die Energieversorger ja vor solchen Problemen nicht. Was ändert sich für sie aus Ihrer Sicht?

Vom Gesetzgeber ist eigentlich gewünscht, dass der Kunde die freie Wahl hat: Er soll sich entscheiden, welche Technik und welches Produkt er will. Die Energieversorger würden dagegen gerne alle gleich behandeln, anstatt unterschiedliche Zielgruppen anzuvisieren.

Gerade die Großen hätten doch jetzt die Möglichkeit, in dieser Hinsicht einiges auszuprobieren?

Das würden sie sicherlich tun, wenn es verbindliche gesetzliche Regulierungen gäbe.

Es gibt also niemanden, der voranprescht?

Vielleicht könnte ja Google mit seinen Aktivitäten etwas aufrüttelnd wirken. In seinem Geschäftsmodell will Google natürlich Verbrauchs- und Nutzerdaten für die Werbung einsetzen. Was das dem Kunden schlussendlich bringt, muss er selber beurteilen.

Meiner Ansicht nach haben sich derzeit zwei Lager gebildet: Im einen Lager wollen die Versorger und Energievertriebsfirmen die Kunden möglichst alle gleich behandeln und auf so wenig verschiedene Zielgruppen eingehen müssen wie möglich. Auf der anderen Seite stehen die Firmen, die sich mehr vom Service-Gedanken leiten lassen. Die Bundesnetzagentur sagt eindeutig, dass der Kunde über das Produkt und die Technik entscheiden soll.

Es gibt doch eine Menge Pilotprojekte, in denen die Beteiligten mitmachen. Vermitteln diese Projekte keine Impulse?

Wenn sie groß genug sind, kann man durch sie Prozesserfahrung gewinnen: Welche Techniken sind für welche Einsatzfälle geeignet? Welche Daten müssen gesammelt werden, wie viele Daten fallen an? Wie steht es mit dem Datenschutz? Im Keller gibt es eben nicht immer Mobilfunkempfang. Soll man also auf DSL umsteigen? Wollen die Kunden ständig ihren DSL-Zugang aktiv halten? Auf die letzte Frage könnte Yello übrigens schon eine Antwort geben: Wenn der Kunde den Mehrwert erkennt, stellt er die Infrastruktur zur Verfügung.

Die Fragen zeigen schon: Man kann weder alle Kunden noch alle Anwendungsfälle über einen Kamm scheren. Die EVUs und die Firmen, die Energie vertreiben, werden nicht darum herum kommen, sich mit unterschiedlichen Zielgruppen, mit deren unterschiedlichen Wünschen und Anforderungen zu beschäftigen. Single-Haushalte stellen eben andere Anforderungen als eine Familie.

Hier werden auch die Unterschiede zwischen Strom-, Wasser- und Gaszählern offenbar: Bei den Stromzählern ist die Energieversorgung kein Problem. Gas- und Wasserzähler dagegen sind meist darauf angewiesen, über Batterien versorgt zu werden.

In Frankreich wird gerade ein Pilotprojekt mit 300.000 Zählern durchgeführt. Damit kann man was anfangen. Pilotprojekte in Deutschland kommen auf höchstens 10.000 bis 15.000 Zähler. Es gibt derzeit in Deutschland rund 50 Projekte mit über 100 Zählern und 50 Projekte mit unter 100 Zählern. Ich weiß nicht, welche Erkenntnisse man da gewinnen will.

Was ist mit den sieben Modellregionen in Deutschland für die E-Energy-Projekte?

Hier handelt es sich mehr um Forschungsprojekte. Sie liefern nichts, was man heute eins zu eins umsetzen könnte. Und wieder ist das ganze sehr technisch orientiert. Die Vertriebsorganisationen, auf die es vor allem ankommt, sitzen oft gar nicht erst mit im Boot!