»Changing the game« Beijer Electronics: Vom HMI-Hersteller zum Komplett-Automatisierer

Bernd Frank, Beijer Electronics: »Unsere neue Strategie getreu dem Motto „Changing the game“ ist für uns ein spannender Prozess.«
Bernd Frank, Beijer Electronics: »Unsere neue Strategie getreu dem Motto „Changing the game“ ist für uns ein spannender Prozess.«

Der HMI-Hersteller Beijer Electronics präsentiert sich jetzt nicht mehr nur in Skandinavien und im Baltikum, sondern auch in Deutschland als Anbieter kompletter Automatisierungs-Lösungen. Was dahinter steckt, erläutert Bernd Frank, Vertriebsleiter der deutschen Niederlassung Beijer Electronics GmbH & Co. KG.

Markt&Technik: Beijer Electronics hat vor kurzem angekündigt, seine Strategie zu ändern. Was sind die Hintergründe, und wie soll der Wandel konkret aussehen?

Bernd Frank: Um diese Frage zu beantworten, muss ich recht weit in die Vergangenheit zurückgehen. Die Beijer Automation wurde 1981 im schwedischen Malmö gegründet und war von Anfang an in die Business Units »Automation« für komplette Automatisierungslösungen und »HMI« für Mensch-Maschine-Schnittstellen unterteilt. Schon damals hatte die Automation-Sparte den Anspruch, alles aus einer Hand anzubieten, und umfasste sowohl Eigenentwicklungen als auch Brandlabel-Produkte. Sie arbeitete zunehmend erfolgreich – und diesen Erfolg wollte das Unternehmen dann in den Bereich HMI übertragen. Das Ergebnis waren Touch-Bedienpanels, Industrie-PCs und HMI-Software, also die Produktpalette, für die das Unternehmen nach wie vor bekannt ist, gerade außerhalb Nordeuropas.

Womit wir beim Stichwort wären: Das Geschäftsfeld Automation beschränkte sich bisher auf Skandinavien und das Baltikum, während HMI weit darüber hinaus tätig wurde. Ein Zeichen dafür war 2007 die Übernahme des zuvor konkurrierenden HMI- und Industrie-PC-Herstellers Lauer in Unterensingen nahe Stuttgart. Jetzt wollen wir auch die Automation-Sparte internationalisieren, also ihren Erfolg über Skandinavien und das Baltikum hinaustragen – getreu dem Motto »Changing the game«.

Es geht also nicht darum, in komplett neue Märkte oder Produktkategorien einzusteigen?

Auf regionaler Ebene schon, auf Konzernebene weniger. Konkret wollen wir jetzt auch außerhalb Skandinaviens und des Baltikums klar kommunizieren, dass wir ein Anbieter kompletter Automatisierungslösungen sind. Diese Strategie bezieht sich nicht nur auf Deutschland, sondern auf die gesamte Region EMEA – einschließlich der Türkei, wo wir seit kurzem eine eigene Niederlassung betreiben. Das Interessante und auch Spannende dabei ist, dass jede Landesniederlassung für sich entscheiden kann, was sie wann einführen will – je nachdem, wie gut sie sich darauf vorbereitet sieht. Es gibt zwar eine Produkt-Roadmap, die grobe Richtung steht also fest, aber in diesem Rahmen kann jede Niederlassung selbst entscheiden, wann sie sich organisatorisch und vom Kenntnisstand her welchen Schritt zutraut.

Birgt diese Strategie nicht die Gefahr, dass es auf Dauer Niederlassungen mit unterschiedlichem Kompetenz- und Kenntnisstand gibt und die Kunden nicht überall gleich gut betreut werden?

Nein, im Ergebnis sollen ja alle Niederlassungen alles anbieten können. Unterscheiden soll sich nur der Weg dorthin, und zwar dadurch, dass jede Niederlassung selbst festlegt, wann sie das Ziel erreichen will. Die Rahmenbedingungen sind ja nicht überall die gleichen: Vertrieb, Service und Support müssen sich auf die gesamte Produktpalette des Unternehmens vorbereiten, und die Field Application Engineers müssen daraus individuelle Lösungen zusammenstellen können. Alle betroffenen Mitarbeiter sind entsprechend zu schulen. Sehr von Vorteil ist, dass die Muttergesellschaft in Schweden dafür Systemspezialisten bereitstellt.

Aber einen ungefähren Zeitrahmen für die Umsetzung der Strategie müsste es doch geben.

Ja, den gibt es selbstverständlich. Jede Niederlassung hat einen individuellen Zeitplan, der alle entsprechenden Maßnahmen wie Mitarbeiterschulungen abdeckt. In Deutschland werden alle erforderlichen Schritte im Zuge der »Changing-the-game«-Kampagne in den nächsten Monaten abgeschlossen sein.

Inwiefern soll das beispielsweise in Deutschland angebotene Produktportfolio konkret wachsen?

Die Produkt-Roadmap definiert Produkte, die wir im Rahmen unserer Strategie »Changing the game« einführen wollen. Schon erhältlich sind die HMI-SPS-Panels der Baureihe »iX HMI SoftControl« als Eigenprodukte und Frequenzumrichter des britischen Herstellers Invertek als Brandlabel-Produkte. Die »iX-HMI-SoftControl«-Geräte sind die ersten HMI-Panels von Beijer mit integrierter Steuerung auf Basis des IEC-61131-3-Programmiersystems Codesys von 3S Smart Software Solutions. Ebenfalls bereits im Programm haben wir Switches und weitere Produkte für die industrielle Datenkommunikation. Hier können wir auf die Geräte unserer Tochtergesellschaften Westermo und Korenix zurückgreifen und damit alle Kundenanforderungen abdecken: Die Geräte von Westermo sind für hochkomplexe Lösungen geeignet, während sich die Korenix-Produkte eher für Standard-Lösungen anbieten. Als nächster Schritt sind I/O-Systeme vorgesehen und als weitere Stufe der Bereich »SoftMotion« in Form einer Mehrachssteuerung, wobei hier marktreife Produkte nicht vor 2015 zu erwarten sind.

Zusätzlich zum HMI bieten wir also bereits jetzt oder in naher Zukunft auch SPS-Funktionen, Frequenzumrichter, Switches, I/O-Systeme und »SoftMotion« an – ein Portfolio, aus dem jeder Kunde wählen kann, was er für seine Anwendungen benötigt. Und der Veränderungsprozess ist damit noch nicht an seinem Ende angelangt. Sie sehen, dass wir auch Produktkategorien in unser Portfolio aufnehmen wollen, die in Skandinavien und im Baltikum bisher nicht verfügbar sind. Unsere Strategie hat dabei zum Ziel, Lösungen anzubieten und nicht »nur« Einzelprodukte zu verkaufen.