Abschied vom Systemgeschäft Basler: Vom Systemintegrator zum Kamerahersteller

Dr. Dietmar Ley (links) im Gespräch mit Markt&Technik-Redakteur Andreas Knoll: »Es geht uns nicht darum, im High-End aufzutrumpfen, sondern darum, eine Volumenstrategie erfolgreich umzusetzen.«
Dr. Dietmar Ley, Basler (links) im Gespräch mit Markt&Technik-Redakteur Andreas Knoll: »Es geht uns nicht darum, im High-End aufzutrumpfen, sondern darum, eine Volumenstrategie erfolgreich umzusetzen.«

Viele Bildverarbeitungsfirmen, die heute für digitale Industriekameras bekannt sind, haben sich die ersten Sporen mit Framegrabbern für Analogkameras verdient. Anders die Basler AG: Sie begann als Systemintegrator. Ihre Framegrabber wurden ausschließlich in den eigenen Systemlösungen eingesetzt.

Dr. Dietmar Ley, Vorstandsvorsitzender der Basler AG, informiert über die Geschichte sowie die aktuelle Markt- und Produktstrategie des Unternehmens.

Markt&Technik: Die Basler AG begeht in diesem Jahr ihr 25-jähriges Jubiläum. Was waren die ersten Stationen ihrer Geschichte?

Dr. Dietmar Ley: Das Unternehmen begann 1988 als Systemintegrator, indem es Sonderanlagen erstellte und betrieb. 1991 baute es seine ersten Inspektionssysteme für die Optical-Disc-Branche und automatisierte damit den Produktionsprozess von PolyGram. Zuständig waren die Systeme dabei hauptsächlich für die Druckbildkontrolle und das Lesen von Identcodes auf den CDs.

Über die Zusammenarbeit mit PolyGram entwickelte sich Basler allmählich zum Hersteller von Standardprodukten mit größerer Stückzahl. 1994 eröffneten wir unsere erste Auslandsgesellschaft in den USA, ebenfalls mit Blick auf das Optical-Disc-Geschäft. 1995 folgte eine Niederlassung in Singapur und 1996 in Taiwan. Wir waren also schon zu dieser Zeit sehr exportorientiert: Damals wie heute erzielten wir etwa 80 Prozent unseres Umsatzes im Exportgeschäft.

Mitte der 90er Jahre begannen wir, zusätzliche Tätigkeitsfelder zu erschließen, um unsere Abhängigkeit vom Optical-Disc-Geschäft zu verringern. 1995/96 entwickelten wir gemeinsam mit Freudenberg Dichtungsprüfanlagen, und 1998 präsentierten wir unsere ersten Prüfsysteme für die Inspektion von Display-Glas.

Und die Framegrabber?

Für unser Systemgeschäft bauten wir ab Anfang der 90er Jahre auch Framegrabber. Wir waren damals eines der ersten Bildverarbeitungs-Unternehmen, das auf Standard-PCs mit Framegrabber-Karten setzte. Unsere preisgünstige Systemarchitektur trug in den kommenden Jahren wesentlich zum Wachstum bei. Das Know-how im Framegrabber-Bau hat uns später erheblich dabei geholfen, eigene Kameras zu entwickeln und herzustellen.

Wie kam das Unternehmen dann zum Thema Kameras?

Eigentlich eher auf Umwegen: Mitte der 90er Jahre entwickelten wir die erste eigene Zeilenkamera, weil wir damals Qualitätsprobleme mit den für unsere Systeme zugekauften Produkten hatten. Ab 1996 integrierten wir die Kamera in unsere Systeme, und ein Jahr später verkauften wir sie erstmals unabhängig von den Systemen als Komponente an Drittkunden. Auf der Vision 1997 gaben wir den Startschuss für unser Kamerageschäft, das in der Folgezeit schnell wuchs. 1999 folgte dann der Börsengang.

Wie entwickelten sich dann die Umsätze aus dem Kamerageschäft gegenüber denen aus dem System-Business?

Seit Ende der 90er Jahre haben wir beobachtet, dass alle unsere Systemgeschäfte gegenüber dem mit Kameras wesentlich stärker im Umsatz schwankten und nach einigen Jahren starken Wachstums relativ schnell zu stagnieren begannen. Als Konsequenz haben wir 2007 beschlossen, uns schrittweise auf das Segment Digitalkameras zu konzentrieren. Die Finanz- und Wirtschaftskrise ab Herbst 2008 verbunden mit einem stark sinkenden Umsatz im Systemgeschäft wirkte dafür als Beschleuniger: Sie war der Anlass, unsere Systemaktivitäten je nach Branche entweder zu verkaufen oder austrudeln zu lassen. Seit 2009 haben wir 50 Prozent unseres Gruppenumsatzes durchgetauscht: 2009 erwirtschafteten wir noch die Hälfte des Umsatzes mit Systemen. Bereits 2010 waren es nur noch 20 Prozent - ab diesem Jahr hatten wir ausschließlich Flachdisplay-Inspektionssysteme im Portfolio - und 2011 lediglich 7 Prozent. Seit Ende des vergangenen Jahres haben wir für die Inspektionssysteme nur noch das Ersatzteil- und Service-Geschäft.

Von 2010 bis 2012 tendierte unser jährlicher Gruppenumsatz wegen der Devestition des Systemgeschäfts gleichbleibend, was bedeutet, dass sich das Kamerageschäft mit zweistelligen prozentualen Zuwachsraten sehr gut entwickelte. Im Jahr 2012 erzielten wir einen Umsatz von 55,9 Mio. Euro. Für das laufende Jahr erwarten wir erstmals Erlöse von mehr als 60 Mio. Euro, und bis 2017 streben wir ein kontinuierliches Wachstum auf dann 100 Mio. Euro an.

Welche Strategie verfolgt Ihr Unternehmen jetzt, nach dem Abschied vom Systemgeschäft?

Es gibt einen langfristigen Trend bei Elektronik-Produkten, wonach Jahr für Jahr die gleiche Leistung günstiger oder eine höhere Leistung zum selben Preis angeboten werden kann. Für die Kunden ist das sehr von Vorteil, weil sie regelmäßig Produkte mit besserem Preis-Leistungs-Verhältnis bekommen.

An diesem Trend haben wir unsere Strategie ausgerichtet. Ein Beispiel dafür ist die auf der Vision 2009 vorgestellte Kameraserie »ace«, unsere bislang erfolgreichste Produktlinie. Die »ace« hat mit einem besonders kompakten, kostengünstigen Design bei gleichzeitig sehr guter Bildqualität den digitalen Industriekameramarkt neu definiert. Weil wir mit der »ace« in der Lage waren, Kameras verglichen mit den Vorgängermodellen deutlich günstiger anzubieten, konnten wir in bestehenden Märkten Anteile hinzugewinnen und erfolgreich in neue Märkte eintreten.

Sie sehen: Es geht uns nicht darum, im High-End-Segment mit Premium-Produkten aufzutrumpfen, sondern darum, eine Volumenstrategie erfolgreich umzusetzen. Für ein deutsches Unternehmen ist dies eigentlich untypisch. Wir sind aber davon überzeugt, dass man als reiner Premium-Anbieter Gefahr läuft, in eine Nische abgedrängt und schließlich verdrängt zu werden. Unsere Bemühungen zielen deshalb auf ein optimales Preis-Leistungs-Verhältnis ab: Wir wollen entweder den besten Preis für eine bestimmte Leistung bieten oder das beste Produkt zu einem bestimmten Preis ermöglichen.

Hat die Umsetzung dieser Volumenstrategie unternehmensintern größere Weichenstellungen erfordert, auch in puncto Bewusstsein?

Wir haben immerhin zehn Jahre gebraucht, um diese Strategie im Unternehmen zu verankern und konsequent umzusetzen. Ein Beispiel: Die Entwicklungsorganisation muss genauso viel Freude daran haben, »abgespeckte« Produkte zu machen und Bauteile gegebenenfalls auch mal auszudesignen, wie daran, neue Features hinzuzufügen. Auch die Produktion muss kontinuierlich schlanker und effizienter werden. Aber die Anstrengungen beginnen sich auszuzahlen: Unsere Strategie trägt uns in Richtung 100 Mio. Euro Jahresumsatz, und wir stellen jeden Monat in- und außerhalb Deutschlands neue Mitarbeiter ein.

Wir verstehen uns als Unternehmen mit deutschen Wurzeln und wollen unseren Schwerpunkt weiterhin in Deutschland haben. Konsequenterweise fertigen wir daher auch unsere Produkte hierzulande. Um dies auch für die Zukunft sicherstellen zu können, müssen wir natürlich innovativ sein: In diesem Jahr investieren wir knapp 15 Prozent unseres Umsatzes in Forschung und Entwicklung.

Wächst der weltweite Marktanteil Ihres Unternehmens?

Ja. Wir haben unseren Marktanteil in den letzten Jahren deutlich gesteigert und dabei den Trend hin zur Framegrabber-losen Systemarchitektur genutzt. Von Anfang an waren wir einer der Hauptprotagonisten dieses Konzepts, aufgrund des günstigeren Preis-Leistungs-Verhältnisses und der geringeren Systemkomplexität. Gemeinsam mit Sony führten wir als Erster FireWire in den Bildverarbeitungs-Markt ein. Auch GigE-Vision-Kameras hatten wir als einer der ersten Anbieter im Programm und sind dort heute weltweiter Marktführer. Bei USB-3.0-Kameras mit dem USB3-Vision-Standard sind wir ebenfalls bei den Ersten dabei. Wir wollen unsere GigE-Vision-Marktführerschaft weiter ausbauen und bei USB3 Vision von Beginn an eine führende Rolle spielen.