Plus 30 Milliarden Dollar Autonomes Fahren: kräftige Zuwächse für Chips

Hundertprozentige Marktdurchdringung bescherte der Chipindustrie ein Umsatzplus von 30 Mrd. Dollar.

Auch wenn noch bis zu zehn Jahre ins Land ziehen werden, bis Autos vollkommen autonom auf allen Straßen fahren werden, freut sich die Halbleiterindustrie schon heute. Denn schon die nächste Stufe von heutigen ADAS-Systemen auf dem Weg zum völlig autonomen Fahren wird den Chip-Bedarf kräftig in die Höhe treiben: »Der Wert der Halbleiter in einem durchschnittlichen Auto wird sich gegenüber heute auf rund 700 Dollar verdoppeln«, sagte Kurt Sievers, General Manager des Geschäftsbereichs Automotive von NXP Semiconductors. Das alleine entspräche bei hundertprozentiger Marktdurchdringung einem Plus von 30 Milliarden Dollar im Vergleich zu 2015. Der weltweite Halbleitermarkt würde allein dadurch auf 365 Milliarden Euro wachsen. Im Vergleich dazu sei dann der zusätzlich erforderliche Halbleiterbedarf, der das Auto vollkommen autonom werden lässt, gar nicht mehr so hoch. »Dass es länger dauern könnte, bis wir auf diese finale Stufe kommen, ist für die Halbleiterindustrie also gar nicht so tragisch«, meint Sievers.

Dabei stört ihn wenig, dass die Akzeptanz der Consumers gegenüber der künstlichen Intelligenz und dem intelligenten Fahren als einem Teilgebiet der KI im europäischen Kulturraum bei unter 70 Prozent liegt und auch dass laut des electronica Trend-Index 2020 gut jeder zweite Bundesbürger (54 Prozent) dem smarten Auto der Zukunft, das das Steuer übernimmt und autonom zum Zielort fährt, skeptische gegenüber steht: »Dafür ist die Akzeptanz in Asien frappierend hoch. Für unsere Industrie ist Asien aber entscheidend, der Rest wird folgen.« Außerdem spielen aus seiner Sicht die Consumer-Wünsche beim autonomen Fahren auch gar nicht die wesentliche Rolle: »Das autonome Fahren hat weniger mit Consumer-Wünschen als vielmehr mit neuen Geschäftsmodellen zu tun.«

Und hier kommen IT-Firmen wie Google, Amazon und Apple ins Spiel. Sie sind ebenfalls sehr am autonomen Fahren interessiert – aber sie wollen möglichst sofort auf der Ebene des vollautonomen Fahrens einsteigen, also nicht den evolutionären Weg der traditionellen Automobilhersteller gehen, die jetzt daran arbeiten, das semiautonome Fahren über die nächsten Jahre zu realisieren. Dabei ist es nicht ihr Ziel, Autos zu verkaufen, sondern Services. Wie das grundsätzlich funktioniert, haben Firmen wie Airbnb, Uber und Alibaba vorgemacht. Die traditionellen Hersteller müssten also laut Sievers aufpassen. Firmen wie Google sprächen bereits mit den Hableiterherstellern direkt.

1 GByte pro Minute
 
Doch entscheidend für ihn ist, dass sich jetzt schon ein Boom abzeichnet, um das semiautonome Fahren zu realisieren. Der hohe Bedarf resultiert aus der aufwendigen Sensorik und den riesigen Datenmengen, die diese Sensorik produziert. Denn um die Fähigkeit des Menschen übernehmen zu können, genügt nicht ein einziger Sensor, es müssen verschiedene Typen zusammenwirken: Kameras, Radar, Lidar, Ultraschall, um nur einige zu nennen. Schon hier sind die Algorithmen und hohe Rechenleistung entscheidend, um die Daten auszuwerten und die Schlüsse daraus zu ziehen. Diese Daten müssen dann noch mit den Informationen aus präzisen digitalen Karten sowie mit den Daten ergänzt werden, die aus der Vernetzung der Autos untereinander und aus der Kommunikation mit der Infrastruktur resultieren. »Erst wenn alles zusammengeführt wird, kann das Auto um die Ecke sehen« erklärt Sievers.

Allerdings erzeugt das Auto auf diese Weise mindestens 1 GByte an Daten pro Minute. Was Sievert freut: »Das erfordert riesige Prozessorleistungen, höchste Datenübertragungsraten – sie liegen weit jenseits von dem, was Smartphones erfordern – und sehr große Speicher.«