Genug ist genug - auch in der Fabrikhalle Automation: abgespeckte Lösungen für einfachere Anwendungen

Dr. Karl Tragl, Bosch Rexroth: »Vorhandene Steuerungslösungen für kompakte Bearbeitungsmaschinen, die in Ländern wie China zum Einsatz kommen, sind entweder zu komplex und teuer oder nicht präzise genug.«
Dr. Karl Tragl, Bosch Rexroth: »Vorhandene Steuerungslösungen für kompakte Bearbeitungsmaschinen, die in Ländern wie China zum Einsatz kommen, sind entweder zu komplex und teuer oder nicht präzise genug.«

»Just enough« statt Overengineering - in Maschinenbau und Automatisierungstechnik zeigt sich dieser Trend in zunehmendem Maße. Vor allem diejenigen Hersteller, die mit ihren Produkten auch in aufstrebenden Ländern wie China, Indien und Brasilien erfolgreich sein wollen, müssen Versionen anbieten, die sich auf die tatsächlich benötigten Funktionen beschränken, ohne bei der Präzision Abstriche zu machen.

Anwender industrieller Automatisierungstechnik waren bisher in vielen Fällen dazu gezwungen, Leistungsmerkmale zu kaufen, die sie gar nicht benötigen oder nur zu einem Bruchteil ausschöpfen. Vor allem in Schwellenländern, aber nicht nur dort, verbreitet sich daher zurzeit ein neuer Ansatz immer mehr: »Just enough«, gerade genug Leistung für die eigentliche Aufgabe, heißt die Devise. Auch deutsche Ausrüster, oft für »German Overengineering« gescholten, stellen sich zunehmend darauf ein.

Ein Beispiel: »In den Konstruktionsabteilungen sind extrem leistungsfähige und auch teure Workstations notwendig, um Baugruppen zu entwerfen und in Simulationsprogrammen zu testen«, erläutert Dr. Karl Tragl, Vorstandsvorsitzender von Bosch Rexroth. »Aber ein kaufmännischer Sachbearbeiter, der nur Briefe schreibt und Tabellenkalkulation nutzt, kommt mit einem wesentlich einfacheren und preisgünstigeren Rechner gut aus und hat dennoch genug Leistung zu Verfügung. Entscheidend ist, dass sich beide Varianten in das Unternehmensnetzwerk einfügen und genug Leistung für die jeweilige Aufgabe bereitstellen.«

In den diversen Märkten der Fabrikautomatisierung ist eine ganz ähnliche Entwicklung in zwei Richtungen zu erkennen: »Während beispielsweise die Automobilindustrie bei Maschinen für die Fertigung von Kernprodukten wie Motoren weiter auf Höchstleistung setzt, sind in Schwellenländern wie China, Indien und Brasilien in den vergangenen Jahren Zehntausende kleine und mittelständische Zulieferer entstanden«, verdeutlicht Tragl. »High-End-Lösungen gehen völlig an deren Bedarf vorbei: Zu teuer, zu kompliziert und technisch auch gar nicht notwendig.«

Diese Zulieferer übernehmen relativ einfache Arbeitsschritte wie Bohren oder Fräsen an immer gleichen Bauteilen in großen Stückzahlen. Auf Basis von CAD-Daten des Kunden müssen sie in engen Toleranzen fertigen. »Als Folge boomt beispielsweise in China, dem weltgrößten Werkzeugmaschinenmarkt, das Segment kompakter Bearbeitungsmaschinen«, führt Tragl aus. »Vorhandene Steuerungslösungen für die Maschinen sind aber entweder zu komplex und teuer oder nicht präzise genug.« In diese Lücke stoßen auch deutsche Automatisierungstechnik-Hersteller wie Bosch Rexroth vor. »Auf der einen Seite darf die Lösung keinerlei überflüssige Leistungsreserven haben, um wirtschaftlich mithalten zu können, auf der anderen Seite erwarten die Anwender trotzdem Mikrometer-Genauigkeit«, umreißt Tragl die Herausforderung.

Um sie zu meistern, haben die deutschen und chinesischen Entwickler des Unternehmens gemeinsam eine etablierte High-end-Lösung »abgespeckt«. Sie entfernten alles, was über klar definierte Bearbeitungsaufgaben hinausging, und drückten damit die Systemkosten deutlich. Der Software-Kern der Ursprungsversion mit der Programmiersprache und allen Möglichkeiten zum Datenaustausch blieb dabei aber erhalten. »Das Konzept überzeugte auf Anhieb den größten chinesischen Werkzeugmaschinenhersteller, der bereits drei Maschinenserien damit ausgestattet hat und jährlich mehrere Tausend Exemplare ausliefert«, betont Tragl.

Der Trend zu »Just-enough«-Konzepten hat längst auch bei deutschen Produktionsplanern Anklang gefunden. In vielen hochautomatisierten Fertigungslinien sind nach wie vor aufwändig bis ins letzte Detail durchkonstruierte Handhabungssysteme im Einsatz, die die Bauteile von einer Station zur nächsten weiterreichen. Auch dafür bieten deutsche Automatisierungstechnik-Hersteller aber mittlerweile wirtschaftlichere Lösungen an: »Sie haben Baukästen entwickelt, die 90 Prozent der Aufgaben durch die Kombination von Standardbauteilen abdecken«, stellt Tragl fest. »Dies ist preisgünstiger und verkürzt die gesamte Planung und den Aufbau von Montage- und Handling-Systemen. Für die 10 Prozent Sonderanwendungen greifen die Unternehmen weiterhin auf maßgeschneiderte High-end-Lösungen zurück.«

Dass der Trend nicht aufzuhalten ist, zeigt schon seit einiger Zeit die Computer-Branche: »Früher eher bekannt für immer leistungsstärkere Modelle, hat sie längst neue Produktklassen mit anderen Schwerpunkten auf den Markt gebracht«, sagt Tragl. »Auf Internet-Anwendungen optimierte Netbooks und Tablet-PCs gewinnen Marktanteile auf Kosten wesentlich leistungsfähigerer PCs und Notebooks. In den Elektronikmärkten haben sich die Verbraucher bereits millionenfach für anwendungsspezifische Technik entschieden: Genug ist genug - auch in der Fabrikautomatisierung der Zukunft.«