Sie sind hier: HomeRubrikenKommunikationWireless

Wireless Congress 2015: Alles auf IP

Ob in Bürogebäuden, in der Industrie oder in der privaten Wohnung: Das Internet der Dinge wird erst mit Funktechnik richtig in Fahrt kommen. Um sich darauf vorzubereiten, werden aktuell die einzelnen Funkstandards um das Internetprotokoll IPv6 erweitert – fit für das erhoffte große Geschäft.

Wireless Congress 2015: Blick in den Vortragssaal während der Keynotes Bildquelle: © Bild: Horacio Canals
Volles Haus während der Keynote-Vorträge zur Eröffnung des Wireless Congress 2015 in München.
Bildquelle: © WEKA FACHMEDIEN
Wireless Congress 2015

Am Internetprotokoll kam auf dem 12. Wireless Congress 2015 – 17. und 18. November in München – keiner vorbei. Schon in den Keynotes machten die Vertreter der einzelnen Funk-Allianzen klar, dass eine Konvergenz hin zum Internetprotokoll IPv6 unausweichlich ist. Für den Endanwender, speziell den privaten Anwender der propagierten smarten IoT-Systeme, spielen Details der Funktechnik und deren Eigenschaften keine Rolle. Sie erwarten einfach zu bedienende Systeme, die sich selbst verwalten können und sich auch ohne Fachwissen installieren und betreiben lassen.

Anforderungen, die auch von der Industrie gestellt werden, obwohl dort Fachkräfte eingesetzt werden. Joy Weiß, President Dust Networks Product Group bei Linear Technology, betonte in ihrem Vortrag „Low Power Wireless Networks for the Industrial Internet of Things“, dass die überwiegende Mehrheit der Betriebe, die Funksensorknoten einsetzen, nicht zur Elektro- und Elektronikindustrie zählen. Für Einbau, Inbetriebnahme und Wartung stehen in den Werken – so ihre Beispiele aus den USA – nur sehr selten Elektrotechniker oder Nachrichtentechniker zur Verfügung. Wenn Industrie 4.0 breit angewendet werden soll, so ihr Fazit, dann müssen die Hersteller der hierfür benötigten Systeme, Baugruppen und Komponenten sich mit ihren Produkten auf Unternehmen mit bestenfalls angelerntem Personal einstellen.

Dass Funknetzwerke in industrieller Umgebung eine besondere Herausforderung sind, verdeutlichte Heinrich Merz, ein auf industrielles WLAN spezialisierter Berater. Mit seinem Vortrag „Reconstruction of existing legacy Industrial Wireless LAN“ rückte er die praktische Seite in den Vordergrund. Seine Ausführungen lassen eher erwarten, dass Funknetze in der Industrie nur von Fachleuten geplant und installiert werden können, wenn sie störungsfrei und zuverlässig arbeiten sollen. Neben der Datenübertragung im Funknetz selbst ist die Kopplung mit der leitungsgebundenen Kommunikation im Unternehmen ein überaus wichtiger Punkt, der gern unterschätzt wird. Auch laden Funknetzwerke wie WLAN – im Gegensatz zu leitungsgebundenen Netzen wie Ethernet – dazu ein, weitere Geräte einfach hinzuzufügen. IP-Telefone sind ein Beispiel, die bei Bedarf gerne über Funk ergänzt werden, um Kosten für die Kabelverlegung zu sparen. Ein zusätz­liches IP-Telefon kann aber durchaus genügen, um die Kommunikation und Steuerung von Flurförderfahrzeugen per WLAN in einer automatisierten Produktion empfindlich zu beeinträchtigen.

Vorreiter: Gebäudeautomatisierung

Relativ einfach hat es die Funktechnik in der Gebäudeautomatisierung. Hier trifft sie schneller auf Akzeptanz, denn mit ihr lassen sich schnell viele Kilometer Kupferkabel und Arbeitsstunden für die Kabelverlegung im Gebäude einsparen. Die zusätzlichen „smarten“ Funktionen zur Steigerung der Energieeffizienz des Gebäudes, die vielversprechenden Smart-Home-Konzepte, werden auch nur mit Funk eine Chance in Bestandsimmobilien haben. Für diese Anwendungen sind die technischen Anforderungen auch nicht so hoch. Kleine Datenraten reichen beispielsweise aus, um die aktuelle Raumtemperatur zur Regelung der Heizungs- und Klimaanlage zu übertragen. Wie lange eine Datenübertragung dauert und ob ein Datenpaket auf dem Übertragungsweg verloren geht, ist für die Raumklimatisierung unkritisch. Etwas höhere Anforderungen gelten für sicherheitsrelevante Systeme wie z.B. Rauchmelder und Zugangskontrollsysteme. Aber auch hier sind die zeitlichen Anforderungen nicht mit denen einer Antriebssteuerung in der Fabrikautomatisierung vergleichbar.

 

Deutschlandfunk-Reportage vom Wireless Congress
Den 12. Wireless Congress 2015: Systems & Applications nutzte der Deutschlandfunk zu einer Reportage über Funkstandards zum Internet der Dinge. Die Reportage wurde am 23. November 2015 gesendet und kann in der Mediathek von Deutschlandradio und über die Internetseite www.deutschlandfunk.de/vernetztes-wohnen-das-smart-home-gibt-sich-wenig-clever.676.de.html?dram:article_id=337711 nachgehört werden.

 

Herausforderung: Automatisierungstechnik

Einen ersten Eindruck der noch ungelösten Herausforderungen für den Einsatz der Funktechnik in der industriellen Produktion gab Prof. Dr.-Ing. Rüdiger Kays, TU Dortmund und Vorsitzender des Vorstandes der Informationstechnischen Gesellschaft (ITG) im VDE, in seinem Eröffnungsvortrag „The Future of Wireless Communication for Indus­try 4.0“. Vor allem Latenz, Jitter und Fehlerrate der bisher entwickelten Funkübertragungsverfahren schließen noch den breiten Einsatz der Funktechnik in der Automatisierungstechnik aus, insbesondere für Steuerungs- und Regelungsaufgaben. Zu dieser Problemstellung laufen derzeit mehrere geförderte Forschungsprojekte in Deutschland. Es wird aber noch einige Zeit dauern, bis die hier gewonnenen Erkenntnisse auch industriell genutzt werden können.

Für industrielle Anwendungen ist bisher auch kein eigenes Frequenzband reserviert worden. Um Konkurrenz und Störungen mit anderen Anwendungen und Nutzern auszuschließen, würde es sich anbieten, einen Teil des als „digitale Dividende“ freigewordenen Frequenzspektrums ausschließlich für industrielle Anwendungen zu reservieren. Jedoch soll das Frequenzspektrum auch für den von der Politik propagierten Breitbandausbau genutzt werden. Cognitive Funksysteme, die sich der jeweiligen Situation anpassen und für die Übertragung störungsfreie Frequenzbereiche auswählen können, sollen eine Alternative bieten. An diesen und anderen Funktechniken wird in Deutschland und weltweit fleißig geforscht, um die noch existierenden Grenzen der Funktechnik zu erweitern. Denn ohne Funkkommunikation keine Industrie 4.0 – so das Fazit von Prof. Kays.

Eindrücke vom 12. Wireless Congress 2015 haben wir in einer Videoreportage und in einer Bildergalerie zusammengefasst, die Sie auf der Internetseite www.wireless-congress.com [1] finden. Der 13. Wireless Congress wird am 9. und 10. November 2016 auf der electronica, Messe München, stattfinden.